Mein Leben





Mein Leben, ich überlasse mich dir

Das Wort Dharma umfasst die Natur selbst, sowie das Gesetz der Natur und die Aufgabe des Menschen nach dem Gesetz der Natur zu leben, als auch den Gewinn der sich aus dem Leben nach dem Gesetz der Natur für uns ergibt. Dieser Gewinn ist eben der Sinn des Ganzen, die Vollendung unseres Lebens, das Erwachsensein oder wie wir Buddhisten es meist nennen: das Erwachen. Diesem – deinem – Leben überlasse dich.

Mach mit mir, was dir gefällt

Im Leben auf dem Pfad des Erwachens liegt die Unmittelbarkeit des Erlebens. Hier ist kein egozentrischer Wille, der sich den Seinsgesetzen widersetzt und mit ihnen auf Kriegsfuss steht. Hier ist nur Soheit, Sosein. In diesem Sosein geschieht das gesetzmässig Notwendige und darin Not wendende wie von alleine. Lass also dein egoistisches, selbstbezogenes Wollen los und vertraue dem Wirken der Präsenz, der Soheit des Lebens.

Was du auch mit mir tun magst
Ich danke dir

Wann immer durch dich Gutes, Schönes und Wahres geschieht, dann erfüllt dich dieses Erleben mit Dankbarkeit. Auch wenn es schwer war für dich, auch wenn es schmerzhaft war: Siehst du Güte, Schönheit und Wahrheit darin entstehen und daraus hervorgehen, dann erfüllen dich Freude und Dankbarkeit. Siehst du aber Leiden durch das durch dich Gewirkte entstehen, dann nimmst du dies nicht als Grund zu Selbstanklagen, sondern akzeptierst das Geschehene als Belehrung und korrigierst dein Handeln. So werden auch deine Fehler und Irrtümer zu deinen Lehrern und für Belehrungen, die uns auf unserem Weg des Erwachsenwerdens und Erwachens weiter bringen, können wir immer dankbar sein.

Zu allem bin ich bereit
Alles nehme ich an

Du bist nur dann in der Lage wirklich alles anzunehmen, was dir widerfährt, wenn du siehst und klar erkennst, dass dies alles in der Wahrheit geschieht, auf dem Weg des wahren Lebens. Wenn all dein Erleben einer Vielzahl von Bedingungen entspringt, die du niemals alle zu erkennen vermagst, und alle deine Reaktion darauf von Güte und Wahrheit geleitet ist, dann gibt es keinen Grund für Reue und für Selbstanklagen. Dann geschieht alles, was geschieht, gesetzmässig, im Geist der Wahrheit.

Wenn nur du dich an mir erfüllst
Und an allem Leben
So ersehne ich weiter nichts mein Leben

Wenn dein Wille kein egoistischer, kein egozentrierter ist, der für sich alles Gute, Schöne und Wahre will, während ihm die andern Menschen, pardon, am Arsch vorbei gehen, dann entspricht dein Wille den Gesetzmässigkeiten des Seins. Daran kannst du arbeiten. Du kannst es lernen, deinen Egowillen vom grösseren umfassenderen Willen für das Ganze zu unterscheiden und dich in jedem konkreten Einzelfall dafür zu entscheiden, deinen ichzentrierten Willen dem Willen nach Güte, Schönheit und Wahrheit für alles Lebendige unterzuordnen. Das ist echte Herzenskultur. Und eines Tages wirst du bemerken, dass nur noch eine grosse Sehnsucht in deinem Herzen wohnt: Die eine grosse Sehnsucht nach endgültigem Frieden und unverlierbarer Freiheit für alle Wesen.

In deine Hände lege ich Leiden und Tod
Ich gebe sie dir mein Leben

Geburt und Tod sind die zwei Seiten des Lebens. Keines der beiden gibt es ohne das andere. Sie existieren als untrennbare Einheit. Deshalb vertraue das Sterbende genauso dem Leben an wie das Geborenwerdende. Was lebt, stirbt. Was stirbt, lebt. Unsere Sterblichkeit bedingt auch unsere Leidunterworfenheit und darin unser Erleben von Mangel und Bedürftigkeit. All deine Erinnerungen an Erleben von Mangel in deiner Vergangenheit und all deine Vorstellungen und Ängste bezüglich Bedürftigkeit in der Zukunft lege vertrauensvoll in die Hände der Gegenwart, in die Hände des zeitlosen Seins hier und jetzt. Hier und jetzt ist der Weg des wahren Lebens real, und wenn irgendwann und irgendwo deine Bedürftigkeit gestillt werden kann, dann nur hier und jetzt, in dieser Gegenwart.

Mit der ganzen Liebe meines Herzens
Weil ich dich liebe
Und weil diese Liebe mich treibt
Mich dir hinzugeben
Mich in deine Hände zu legen

In dieser Gegenwart hier und jetzt liegt dein Heil, liegt deine Freiheit, liegt aller Frieden des Seins. Wenn du die Befreiung aus der Bedürftigkeit, aus dem Mangelerleben, nicht hier und jetzt finden kannst, dann wirst du sie nirgendwo und niemals finden können, denn alle Zeit ist im Augenblick ihrer Wirklichkeit und Wirksamkeit hier und jetzt. Richte also alle Liebe deines Herzens, die dir nur irgend möglich ist, nirgendwo anders hin und in keine andere Zeit, nicht in die Vergangenheit und nicht in die Zukunft, als nur in die Zeit jetzt und in den Raum hier. Vermagst du dein Hier und Jetzt, alle deine Mitmenschen und Mitwesen, alle deine Erlebensräume und Lebenssituationen nicht liebevoll anzunehmen und zu akzeptieren, wie willst du es dann mit den Dingen, Wesen und Situationen tun können, die aus der Zukunft kommend für dich zur Gegenwart werden?
           
Ohne Mass

Hierin darfst du nun bedenkenlos masslos sein. Gib’ alle deine Liebesfähigkeit ins Hier und Jetzt. Es ist egal, was gestern und vorgestern gewesen ist. Es ist egal, was morgen und übermorgen sein wird: „Sorge dich nicht um den morgigen Tag“, sagt Jesus in der Bergpredigt. Das einzige Leben, das du wirklich hast, findet hier und jetzt statt, ausschliesslich hier und jetzt. Sei masslos in der Hingabe deiner selbst an die Notwendigkeiten der Gegenwart. Sei masslos in der Hingabe deines kleinen Ichs an die Freiheit und den Frieden des Ganzen.

Mit einem grenzenlosen Vertrauen

Das grenzenlose Vertrauen ist kein blindgläubiges Vertrauen in Glaubenssätze und religiöse Dogmen. Das grenzenlose Vertrauen erwächst aus der tiefen Einsicht in die Wirklichkeit des Seins. In dieser Einsicht werden dir die Wahrheit der Vergänglichkeit, der Leidunterworfenheit und der Selbstlosigkeit deiner und aller Existenz bewusst und du erkennst die allseitige Bedingtheit und Abhängigkeit deiner persönlichen Existenz von allem deine Existenz umgebenden Existierenden. Du erkennst die Allheit, die All-Einheit des Seins. In dieser Erkenntnis wird dir vollkommen klar, dass das Leben niemals den Sinn haben kann, dir alle deine egoistischen Wünsche und Begehrlichkeiten zu erfüllen. Du erkennst, dass das Leben, auch dein Leben, einen viel grösseren und umfassenderen Sinn hat, als du dir je erträumen konntest. Mit Freuden und mit grosser Dankbarkeit weisst du dich getragen vom Dharma, dem Tragenden, dem Gesetz des Seins.

Denn du bist mein Leben

Die Natur, der Dharma, hat dich hervorgebracht und gemäss den Gesetzen der Natur, des Dharma, wirst du erlöschen. Im Prozess deiner Menschwerdung gelangtest du zum mystischen Baum der Erkenntnis von Gut und Böse, und du wolltest die Fähigkeit der Erkenntnis erlangen. Du hast sie erlangt, und sie hatte einen hohen Preis: Die Unmittelbarkeit des Erlebens war der Preis. So wurde die Frucht des anderen mystischen Baumes, des Baumes des Lebens, für dich beinahe unerreichbar. In Begrifflichkeit und Zeitlichkeit umherirrend suchtest du schon bald das unmittelbare, das zeitlose Leben. Du erkanntest, was der Preis war für die Erkenntnis, aber du erkanntest auch, dass die Vertiefung der Erkenntnis, die tiefe Einsicht in die Gesetzmässigkeiten all dieses Geschehens, die Transzendierung der Erkenntnis von Gut und Böse bedeutet und dich zum Baum des Lebens würde zurückführen können. Diese Überwindung der Erkenntnis durch Erkenntnis ist der Sinn des ganzen symbolhaften biblischen Geschehens zwischen Paradiesvertreibung und Erlangung des ‚ewigen Lebens’. Nichts davon geschah in der Vergangenheit, nichts davon wird in der Zukunft geschehen: Alles dies vollzieht sich hier und jetzt in deiner eigenen Existenz und es bedeutet die Verwirklichung des vollkommenen Friedens und der vollkommenen Freiheit des Seins. Dieser Friede, diese Freiheit, das ist Nirvana, das Erwachen. Du kannst es auch Gott nennen, oder Natur, oder Leben, oder wie immer dein Herz dir zuflüstert. Um das Wesen geht es, nicht um den Buchstaben.

Anmerkung:
Das Lied ist meine Bearbeitung und Vertonung 
des „Hingabegebets“ von Charles de Foucauld

Zu finden im Buch