Stille und Präsenz mit Herz



Dieses sage ich euch zum Gleichnis. Gestern,  zur stillsten Stunde, wich mir der Boden: der Traum begann. Der Zeiger rückte, die Uhr meines Lebens holte Atem - nie hörte ich solche Stille um mich: also dass mein Herz erschrak. Dann sprach es ohne Stimme zu mir: „Du weisst es, Zarathustra?“ - Und ich schrie vor Schrecken bei diesem Flüstern, und das Blut wich aus meinem Gesichte: aber ich schwieg. Da sprach es abermals ohne Stimme zu mir: „Du weisst es, Zarathustra, aber du redest es nicht!“ - Und ich antwortete endlich gleich einem Trotzigen: „Ja, ich weiss es, aber ich will es nicht reden!“ Da sprach es wieder ohne Stimme zu mir: „Du willst nicht, Zarathustra? Ist dies auch wahr? Verstecke dich nicht in deinen Trotz!“ - Und ich weinte und zitterte wie ein Kind und sprach: „Ach, ich wollte schon, aber wie kann ich es! Erlass mir dieses nur! Es ist über meine Kraft!“ Da sprach es wieder ohne Stimme zu mir: „Was liegt an dir, Zarathustra! Sprich dein Wort und zerbrich!“

Friedrich Nietzsche

Ja, ich weiss es, und deshalb werde ich es sprechen, mein Wort, und soll ich daran zerbrechen, dann sei’s drum.

Ja, ich kenne den Weg des wahren Lebens. Ich nenne ihn Stille und Präsenz mit Herz. Oder, im vollen Wortlaut: Auf dem Weg mit Herz in der Kraft der Stille das Wirken der Präsenz erleben. Das ist der Weg des wahren Lebens. So hat er sich mir im Laufe eines bald sechzig Jahre dauernden lebendigen Sterbens offenbart.

Ich bin ein Körperzeuge. Körperzeugen betreten den Weg des wahren Lebens durch das Tor des Leidens. Andere gehen durch das Tor des Todes, das sind die Vertrauensseligen. Noch andere gehen durch das Tor der Selbstlosigkeit, das sind die nach Weisheit Dürstenden.  

Allen drei Toren ist gemeinsam, dass sie keinen Schlüssel haben und keine Klinke. Deshalb gelten sie auch als das eine,  rätselhafte Ohne-Schlüssel-Tor, wie Michael Ende es benannt hat, in seiner Unendlichen Geschichte.

Du gehst den Weg des Leidens, oder die Strasse des Todes, oder den Pfad der Selbstlosigkeit und eines schönen oder hässlichen Tages stehst du vor deinem Tor und du weisst: Da muss ich hindurch. Aber es gibt keine Türklinke und keinen Schlüssel, du stehst vor einer Wand. Na dann: Viel Glück und alles Gute!

Nein, ich habe weder den Schlüssel zu deinem Tor, noch eine Klinke, die du dort reinstecken könntest. Ich kann dir nicht einmal sagen, wie du dort durch kommst, denn ich weiss noch immer nicht, wie das bei mir funktioniert hat.

Irgendwann blickte ich um mich und erkannte: Ich war durch. Ich stand auf der anderen Seite. Wie es eben Bastian auch ergangen ist, auf seiner Reise zur Rettung Phantasiens vor dem Nichts.

Eines aber kann ich: Ich weiss, wo das Tor steht, und wenn du willst, können wir uns gemeinsam auf den Weg machen und dort hingehen.

Aber dort angekommen werden wir uns lassen müssen. Ich kann dich nicht an der Hand halten und so mit dir durchs Tor gehen.

Du wirst also mit mir bis zum Tor wandern, falls du meine Gegenwart erträgst und so lange Geduld hast.
Dann werde ich durchs Tor gehen und du wirst alleine sein.

Für mich ist es seither ein immer offenes Tor: Ich kann von hier nach dort gehen und von dort nach hier kommen, ganz wie es mir beliebt.

Du wirst also alleine sein, auf dich selber gestellt. Und ich kann dir nicht einmal garantieren, dass der Weg für dich nicht umsonst sein wird. Du wirst das Tor sehen, aber ob es für dich ein Durchkommen geben wird oder nicht, dass weiss niemand.

Es gibt nichts Wichtigeres, als einen Weg mit Herz zu finden und ihn dann zu Ende zu gehen, und das bedeutet, dass die Identifizierung mit der zugänglichsten Alternative genug ist. Die Reise allein reicht aus; jede Hoffnung, zu einem Dauerzustand zu kommen, liegt ausserhalb der Grenzen des Wissens.

Für mich gibt es nur das Gehen auf Wegen die Herz haben, auf jedem Weg gehe ich, der vielleicht ein Weg ist, der Herz hat.

Dort gehe ich, und die einzige lohnende Herausforderung ist, seine ganze Länge zu gehen.

Und dort gehe ich und sehe und sehe atemlos.

Don Juan Matus zu Carlos Castaneda

Hier werden wir also beginnen, wenn du willst, hier, wo wir jetzt stehen. Und das erste, was wir finden müssen, ist ein Weg mit Herz. Oder, ein wenig anders ausgedrückt: Wir werden das Tor nur finden, wenn wir den Weg, der zu ihm führt, mit unserem Herzen gehen, nicht allein mit dem Körper, und schon gar nicht allein mit dem Verstand. Wir müssen also zuallererst unser eigenes Herz finden.  

Und schon taucht aus dem Nebel die Frage auf: Was ist denn gemeint mit dem Herzen? Die fleischerne Blutpumpe im Brustkorb kann es ja wohl nicht sein, die ich suchen soll, oder?

Diese Pumpe wird zwar ihre Dienste auch zuverlässig verrichten müssen, will ich das Tor finden, denn wenn sie nicht mehr pumpt, dann wird der Körper für keine Wanderung mehr zu haben sein und solange ich Mensch bin, funktionieren auch mein Geist und das geistige Herz nur in Abhängigkeit vom Körper.

Ja, das geistige Herz ist es, das ich finden muss. Meine Liebesfähigkeit. Mein Mitgefühl für die Mitmenschen und für alle Lebewesen. Und nicht zuletzt auch den liebevollen und barmherzigen Umgang mit mir selber. Mit meinem Erleben von Befähigung und Schwachheit, von Mangel und Fülle.

Die Liebe muss ich finden. Die Güte. Nicht das Begehren, nicht die Leidenschaft. Nichtsdestotrotz werden die ersten Regungen, die mir aus dem neu gefundenen Herzen entgegenwehen werden, genau diese sein: Gier und Hass. Wollen und Nichtwollen. Heranziehen und Wegstossen.

Und was ist es, das ich an mich ziehen und festhalten oder nicht an mich heran lassen und von mir wegstossen will?

Es ist das Leben. Konkret: Mein Erleben. Das, was an den Toren meiner sechs Sinne auftaucht als scheinbar äussere, von mir unabhängige Wirklichkeit (vorwiegend bezüglich der fünf Körpersinne) oder als scheinbare Identität mit meinem Ich oder Selbst (vorwiegend die Inhalte des Geistsinns).

Das Leben also wollen wir festhalten oder nicht an uns heran lassen. So wird es allerdings hinfällig, überhaupt den Gedanken zu erwägen, es lasse sich ein Weg des wahren Lebens finden. Denn das wahre Leben geschieht nicht jenseits und nicht unabhängig vom profanen Leben.

Wenn du das Leben, das sich als Welt in deinen fünf Körpersinnen spiegelt, nicht anzunehmen und in seiner Soheit zu akzeptieren bereit bist, dann bist du auch nicht bereit für eine höhere, bewusstere Art und Weise des Lebens und Erlebens.

Ebenso, wenn du das, was sich dir als Leben ereignet, festhalten möchtest, auch dann bist du nicht bereit seine Soheit zu akzeptieren. Denn zur Soheit des Lebens gehört das Sterben, das Vergehen alles konkreten Erlebens.

Und wenn du das Leben, das sich als dein vermeintliches Selbst in Form von Gedanken, Plänen, Sorgen, Bildern, Träumen, Gefühlen, Emotionen, Willensregungen und Bewusstsein in deinem Geistsinn abspielt, nicht anzunehmen und in seiner Selbstlosigkeit zu erkennen bereit bist, auch dann bist du noch nicht bereit für eine höhere, bewusstere Art und Weise des Wirkens und Erlebens.

Jetzt wird es schon langsam schwierig, oder? Beginnen wir also noch mal von vorne. So schwierig ist es nämlich doch nicht.

Den Weg mit Herz gehen, das bedeutet, auf das konkrete Erleben, das dir hier und jetzt widerfährt, nicht mit anklammern oder wegstossen zu reagieren, sondern mit mitfühlendem Wohlwollen sein Entstehen und Vergehen, sein Kommen und Gehen zu akzeptieren. So etwa im Sinn dieser Episode:

Ein Asket sass meditierend in seiner Höhle. Da huschte eine Maus herein und knabberte an seiner Sandale. Der Asket öffnete verärgert die Augen:     
„Warum störst du mich in meiner Andacht!“

„Ich habe Hunger“, piepste die Maus. „Geh weg, törichte Maus“, predigte der Asket, „ich suche die Einheit mit Gott, wie kannst du mich dabei stören!“

„Wie willst du dich mit Gott vereinigen“, fragte da die Maus, „wenn du nicht einmal mit mir einig wirst?“

Indisch

Wir werden also jeden etwa auftauchenden Ärger und jede andere Herzensregung des Festhaltens oder Wegstossens mitfühlend und wohlwollend an der Hand nehmen und so, als Freund unserer Herzensregung, nicht als ihr Feind, mit dem Ärger (oder was es sonst auch sei) zusammen den Weg mit Herz betreten.

Wir wollen nicht die Feinde sein unseres Erlebens, das heisst, der vermeintlichen Welt, die wir erleben. Ebensowenig wollen wir die Feinde unserer selbst sein, also unseres vermeintlichen Ich-Erlebens.

Warum spreche ich von einer vermeintlichen Welt? Weil wir normalerweise unreflektiert vermeinen, das, was wir als äussere Welt wahrnehmen, hätte mit uns selber nichts zu tun.

Wir erkennen und anerkennen nicht die Tatsache, dass die Welt durch unser individuelles Fühlen und Wahrnehmen, sowie durch die darauf folgende emotionale Reaktion und durch das Bewusstsein gefiltert, von jedem von uns vollständig individuell erlebt wird, wir also keineswegs dieselbe Welt erleben.

Die Welt, die wir erleben, ist stets subjektiv erlebt, ganz einfach deshalb, weil sie von einem Subjekt erlebt wird. Die Welt, das ist unser Erleben.

Und wir erkennen und akzeptieren weiterhin nicht die Tatsache, dass unser Erleben, also eben die vermeintliche Welt, die wir erleben, von uns selber erwirkt worden ist, nämlich genau dadurch, dass wir bestimmtes Erleben an uns ziehen und festhalten und anderes Erleben nicht an uns heranlassen und von uns wegstossen wollen.

Diese Triebkräfte von Gier und Hass im Verbund mit Verblendung oder Unwissenheit über die wahre Natur des Lebens, sie sind die Schöpfer unserer Welt, das heisst unseres Erlebens.

Je mehr wir auf unser selbstgeschaffenes Erleben mit Gier und Hass und Selbstsucht reagieren, umso stärker wird die Welt, die wir erleben eine Welt der Gier, des Hasses und der Selbstsucht sein.

Grund genug, diesen herkömmlichen, uns selbst und unsere Mitmenschen unter Gier, Hass und Egoismus versklavenden Weg des Lebens zu verlassen und den Weg mit Herz unter die Füsse zu nehmen.

Wie verwirrt, dumm oder lieblos uns andere Menschen auch erscheinen mögen, wir haben kein Recht, je anzunehmen, dass ihr Bewusstsein auf einer tieferen Ebene schwinge als unser eigenes. Sie könnten viel weitergehende Dimensionen der Liebe realisieren. Die Art, wie wir sie sehen, ist ein kleiner Massstab unser eigenen Schwingungsebene.

Eben die Menschen, die wir jetzt als vulgär, nicht erleuchtet, dumm, Absteller und Verrückte ansehen - gerade diese Menschen sind unsere Eintrittskarten ins Paradies, wenn wir lernen, sie und alle unsere Gefühle, die wir für sie haben, zu lieben. Und das ist alles, was wir zu tun haben - sie lieben. Wir mögen dieser Liebe Ausdruck verleihen oder nicht, wie wir wollen, und auf welche Art wir wollen. Aber wir  müssen sie so  sehen  und lieben, wie sie jetzt sind: genau wie wir auch uns selbst so lieben müssen, wie wir jetzt sind.

Es ist zwecklos, das Verhalten von irgend jemandem verbessern zu wollen. Wenn er wüsste, was er tut, würde er es nicht tun, ganz gewiss, aber er ist ebensogut imstande wie wir, es zu wissen. Wenn er es nicht aus seinem eigenen freien Willen heraus sieht, ist es dann wahrscheinlicher, dass er dies tut, wenn wir es ihm sagen? Indem wir ihm seine Freiheit verweigern, sich auf dem Holzweg zu befinden, sind wir selbst auf dem Holzweg.

Andern die Freiheit zum Dummsein zuzugestehen, ist einer der wichtigsten und schwierigsten Schritte auf dem Weg zum geistigen Fortschritt. Wie praktisch, dass wir die Gelegenheit, diesen Schritt zu tun, jeden Tag rings um uns herum haben.

Thaddeus Golas

Und wir gehen noch einen Schritt weiter. Wir gestehen auch uns selber die Freiheit zum Dummsein zu. Es gibt keine Pflicht und keinen Zwang zur Weisheit und zum Gehen des Weges des wahren Lebens. Solange wir nicht die Schönheit und den wirklichen Wert der Wahrheit sehen und erleben können, solange helfen auch nicht Gebote und Überredungsversuche weiter.

Das, was uns befähigt, sowohl zu unseren eigenen Schwächen und Fehlern zu stehen, als auch ohne Überheblichkeit unsere Fähigkeiten und Stärken zu kennen, das nennt Jesus die Selbstverleugnung. Der Buddha nennt es die Nicht-Ich-Erkenntnis. Wir werden darauf noch eingehender zu sprechen kommen.

Wir haben uns also entschieden, den Weg mit Herz zu gehen. Das Gehen des Weges mit Herz belohnt uns mit dem Erleben von Freundschaft. Auf jeden Fall werden wir uns selber mehr und mehr als Freund, als Freundin, unserer Mitmenschen und Mitwesen erleben, da wir selber gegen niemanden feindlich gesinnt sein werden.

Dies soll erwirken,
wer des Heiles kundig 
und wer die Friedens-Stätte
zu verstehen wünscht: 
Stark soll er sein und aufrecht,
aufrecht voll und ganz. 
Zugänglich sei er,
sanft und ohne Hochmut.

Genügsam sei er
und sei leicht befriedigt, 
nicht viel geschäftig
und bedürfnislos. 
Die Sinne still,
und klar sei der Verstand, 
Nicht dreist, nicht gierig,
geht er unter Menschen.

Auch nicht im Kleinsten
soll er sich vergehen,
wofür ihn andere, Verständige,
tadeln möchten. 
Sie mögen glücklich
und voll Frieden sein, 
die Wesen alle!
Glück erfüll' ihr Herz!
Was es an Lebewesen
hier auch gibt, 
die schwachen und die starken,
restlos alle; 
Mit langgestrecktem Wuchs
und gross an Körper, 
die mittelgross und klein,
die zart sind oder grob.

Die sichtbar sind
und auch die unsichtbaren, 
die ferne weilen
und die nahe sind, 
Entstandene und die
zum Dasein drängen, - 
Die Wesen alle:
Glück erfüll' ihr Herz!

Keiner soll den
anderen hintergehen; 
Weshalb auch immer,
keinen möge man verachten.
Aus Ärger und aus
feindlicher Gesinnung 
soll Übles man einander
nimmer wünschen!
Wie eine Mutter
ihren eigenen Sohn, 
ihr einzig Kind mit
ihrem Leben schützt, 
so möge man
zu allen Lebewesen 
entfalten ohne Schranken
seinen Geist!

Voll Güte zu
der ganzen Welt 
entfalte ohne Schranken
man den Geist: 
Nach oben hin, nach unten,
quer inmitten, 
von Herzens-Enge,
Hass und Feindschaft frei! 

Ob stehend, gehend,
sitzend oder liegend, 
wie immer man
von Schlaffheit frei, 
auf diese Achtsamkeit 
soll man sich gründen. 
Als göttlich Weilen
gilt dies schon hienieden.
In falscher Ansicht
nicht befangen, 
ein Tugendhafter,
dem Erkenntnis eignet, 
die Gier nach Lüsten
hat er überwunden 
und geht nicht ein mehr
in den Mutterschoss. 

Buddha

Dein Leben hat nicht mit deiner Zeugung oder mit deiner Geburt begonnen und nicht der Tod ist automatisch das Ende deines Lebens. Dein Leben ist ein anfangsloser Kreislauf von Geborenwerden, Altern, Sterben und wieder Geborenwerden. Samsara nennt der Buddha diesen Kreislauf:

Lange dauert eine Weltperiode, und nicht leicht ist es, sie als soundsoviel Jahre oder Jahrhunderte oder Jahrtausende oder Jahrhunderttausende zu zählen.

Nehmen wir an, es befinde sich da ein gewaltiger Felsenberg, eine Meile lang, eine Meile breit und eine Meile hoch, ohne Löcher und Höhlungen, ganz aus einem Stück. Diesen nun riebe jedesmal nach Verlauf eines Jahrhunderts ein Mann nur einmal mit einem seidenen Tüchlein. Da würde jener gewaltige Felsenberg dennoch schneller vergehen als eine Weltperiode. So lange dauert eine Weltperiode. Von solchen Weltperioden aber habt ihr viele durchlaufen und durchwandert, viele hunderte, viele tausende, viele hunderttausende. Wie aber ist das möglich?

Unausdenkbar ist ein Anfang dieser Daseinsrunde, nicht zu entdecken ein Beginn der von Unwissenheit gehemmten und von Begehren gefesselten Wesen, die immer wieder den Samsara durcheilen, den Samsara durchwandern.

Buddha

Wenn dir die Vorstellung dieses Kreislaufs gefällt, dann solltest du jetzt deine Suche nach dem Ohne-Schlüssel-Tor aufgeben oder auf jeden Fall, wenn du dereinst vor dem Tor stehen wirst, nicht hindurchgehen, denn wenn du dieses Tor durchschritten hast, wenn du über die Schwelle getreten bist, dann bedeutet dies den Anfang vom Ende deines Kreislaufs im Hamsterrad, den Anfang vom Ende des Samsara.

Wenn du also ewig leben möchtest, dann wisse: Das ewige Leben ist das Normale. Geburt und Tod sind dieselbe Türe, nur von zwei verschiedenen Zeiten her gesehen. Deine letzte Geburt war gleichzeitig der Tod deiner vorherigen Existenz. Der vor dir liegende Tod wird die Geburt deiner nächsten Existenz bedeuten.

Wenn du daran also nichts ändern möchtest, dann gehe den Weg mit Herz wie beschrieben und begleite mich ruhig auch noch in den zweiten Bereich des wahren Lebens, in die Kraft der Stille, denn der Weg mit Herz und die Kraft der Stille sichern dir eine gute Wiedergeburt. Sei es als Mensch oder als geistiges (feinstoffliches oder gänzlich formloses) Wesen. Die Wiedergeburt in himmlischer Existenz ist überaus beglückend, beseligend. Aber ewig ist sie nicht. Du wirst wieder absteigen.

Und so dreht sich das samsarische Hamsterrad, indem wir von einer Existenz zur andern rennen, durch Menschen-, Gespenster-, Tier- und Höllenwelten aber auch durch beseligende Himmelswelten verschiedenster Qualität und äonischer Dauer. Das ist der Weg des Lebens.

Etwas anderes ist der Weg des wahren Lebens. Er beginnt hinter den drei Toren, dem Tor des Todes, dem Tor des Leidens und dem Tor der Selbstlosigkeit, die zusammen das Ohne-Schlüssel-Tor ausmachen.

Der Weg des wahren Lebens führt zum Stillstand des samsarischen Kreisens und wenn dann deine letzte Existenz endet und du aus dem Hamsterrad aussteigst, bleibt nur eines übrig: Die Wahrheit. Die Freiheit.

Wer vor nichts in dieser Welt erzittert und das Gute wie das Böse kennt, stillgeworden, wutlos, leidlos, wunschlos: Der ist Alter und Geburt entfloh’n.

Wer diese ungeschaffne Stätte hat erkannt, im Geist erlöst durch Schwinden alles Daseinsdrangs, der Dinge Wesen schaut, sich der Erlöschung freut, solch Heiliger hat alles Dasein abgetan.

Buddha

Aber soweit sind wir noch nicht. Noch sind wir nicht stillgeworden. Nicht wutlos, nicht wunschlos. Aber wir lernen, wie wir unserer Wut und unseren Begierden freundlich begegnen und sie auf dem Weg mit Herz der Stille zuführen können.

Im Raum der Stille fallen die Objekte des Begehrens und der Aversion von der sie tragenden Energie ab und die Energie selber fliesst als reine Kraft der Stille zu.

Mit jeder begehrlichen und aggressiven Willensregung, die wir mitfühlend und wohlwollend auf dem Weg mit Herz der Stille zuführen, wächst die Kraft der Stille um die Energie des entsprechenden emotionalen Zustandes, sobald er seinen Gegenstand verloren hat.

Aber was ist diese Stille? Wie und wo finden wir sie in all dem äusseren und inneren Lärm? Und vor allem: Wenn wir ihn nicht finden, den Raum der Stille, warum finden wir ihn nicht? Was verbirgt unserem Herzen den Zutritt zu ihm?

Es ist das Gefühl, immer etwas zu verpassen, immer etwas tun zu müssen, immer weiter voran kommen zu wollen, immer mehr und noch etwas anderes haben und sein zu müssen: Dieses Gefühl lässt uns nicht innehalten, nicht stillehalten.

Die Gesetze der Nahrung bestimmen sowohl das biologische wie das geistige Leben, und diese Tatsache wurde vom Buddha dadurch ausgedrückt, dass er von vier Nahrungsarten sprach: essbare Nahrung, Sinneseindrücke, willentliches Denken und Bewusstsein.

Hunger ist es, der hinter dem ganzen Ernährungsprozess steht und der seine Peitsche unerbittlich schwingt. Der Körper begehrt von der Geburt bis zum Tod unaufhörlich materielle Nahrung; und der Geist hungert genauso gierig nach seiner ihm angemessenen Ernährung, nach immer neuen Sinneseindrücken und nach einem sich immer weiter ausdehnenden Universum von Vorstellungen.

Nyanaponika

Natürlich sollen wir weder den Körper noch den Geist verhungern lassen, aber wir sollten ihnen nicht mehr Nahrung als nötig und vor allem gesunde Nahrung zuführen. Und Körper und Geist regelmässig ein wenig fasten zu lassen kann wahre Wunder wirken.

Und genau darum geht es beim Erleben und Entfalten der Kraft der Stille: Um  ein Fasten, um ein Zurücktreten von  der Ernährung des Geistes durch Sinneseindrücke und geistige (Wunsch-) Vorstellungen.

Es ist daher genau dieser Drang, dieser Durst, dieser Hunger, den wir in den Fokus unserer Achtsamkeit nehmen und mitfühlend und wohlwollend an der Hand nehmen und beruhigend ihm zuredend in den Raum der Stille führen werden.

Sobald es gelingt, sobald der Hunger seinen Gegenstand, von dem er sich Sättigung erhofft,  loslässt, wird die Energie dieses Dranges als Kraft der Stille zufliessen und das Ergebnis wird echte, wahre, innere Gestilltheit sein. Herzenseinigung. Herzensfrieden.

Und dann wirst du wissen, um wie viel echter und nachhaltiger ein Friede sich anfühlt, der nicht durch ein den Drängen, Lüsten und Süchten Nachgeben zustande kommt, sondern durch deren Gestilltwerden durch Beruhigung. Durch Stille statt durch Erfüllung der Begierden.

Ein von sinnlichem Begehren völlig beherrschtes Leben kann sich verkehren von normaler Sinnenfreude zu einem monotonen Automatismus von Sinnesreiz, Begehren und Sinnesbefriedigung. Ungehemmte Sinnlichkeit verringert die relative Wahlfreiheit des Menschen und kann ihn auf dem Wege durch die Wiedergeburten in untermenschliche Bereiche hinabziehen.

Nyanaponika

Dem Drang nach immer neuen Sinneseindrücken und nach einem immer weiter sich ausdehnenden Universum von Vorstellungen begegne ich mit der Verankerung der Achtsamkeit in der körperlichen Wirklichkeit hier und jetzt.

Ich nehme meinen eigenen Körper wahr in seinen wechselnden Haltungen, Aktivitäten und inneren Funktionen. Und ich nehme die äusseren, fremden Körper wahr, menschliche, tierische, pflanzliche usw. (alles Physikalische), in deren wechselnden Zuständen und Beschaffenheiten.

Das ununterbrochene Wollen und Nichtwollen von konkretem Erleben steht dem Erleben von Stille in der körperlichen Wirklichkeit hier und jetzt hinderlich im Wege.

Der Wille, der ein konkretes Erleben das jetzt gerade aktuell ist, nicht will, sich also aversiv dagegen wendet, es zu bekämpfen versucht oder vor ihm fliehen will, steht dem Erleben von Gestilltheit, von Friede, ebenso im Wege wie der Wille, der ein konkretes Erleben, das jetzt gerade nicht aktuell ist, herbeisehnt und herbeizuzwingen versucht. Anziehung und Abstossung. Gier und Hass.

Wir können keinen Frieden erleben, kein Stillesein, keine Ruhe und Gestilltheit, solange wir nicht bereit sind, das Erleben hier und jetzt anzunehmen wie es ist. In jedem einzelnen Moment. Mit allem, was dieses Erleben ausmacht. Mit allem, in diesem Erleben an- und abwesend Seiendem. Mit allem Entstehen und Vergehen des an- und des abwesend Seiendem.

Das Erleben ist kein Ding an sich und besteht in keiner Weise aus irgendetwas Statischem. Erleben ist fliessende Veränderung, ist unaufhörliches Entstehen, Verändern, Vergehen von Gefühlen und Wahrnehmungen.

Die Stille entsteht nicht dadurch, dass wir das Wollen und Nichtwollen verurteilen oder gar bekämpfen, sondern dadurch, dass wir das Wollen und Nichtwollen sein lassen, im Sein lassen, im Sinne von loslassen.

Selbst wenn wir die Stille wollen, lassen wir diesen Willen los, lassen ihn sein und was bleibt, ist: Stille. Friede.

Mit Stille meine ich nicht zwingend und nicht primär das Aufhören des Fühlens und Wahrnehmens (obschon es dies auch geben mag: eine intensive und besondere Art von Stille), sondern viel mehr das Aufhören des Wollens und des Nichtwollens bestimmter, konkreter Gefühle und Wahrnehmungen.

Unter Stille verstehe ich also die Fähigkeit, dass die Gefühle und Wahrnehmungen, die hier und jetzt erlebt werden, tatsächlich, also bewusstseinsklar sie erkennend, erlebt werden. Stille als ein Zustand geistiger Klarheit, die jedes im Geist aufscheinende und erlöschende Objekt fühlend bewertet und wahrnehmend benennt.

Keine Totenstille also, sondern eher eine Stille im Zentrum des Zyklons. Besser noch: Unaufhörlich aufscheinend und erlöschend tanzt das Leben durch die Stille. Lärmend und gestikulierend, manchmal auch ganz leise und sanft, tauchen die Szenerien auf und unter.

Das Erleben ist der Fisch, die Stille ist das Wasser. Diese Art von Stille kann nur erlebt werden, wenn der Wille schweigt, wenn kein Erleben gewollt und keines nicht gewollt wird. Dann schwimmen die Fische, alle Fische, frei im unermesslichen Ozean der Bewusstheit, keiner hängt an der Angel, keiner wird verjagt.

Frei tanzt Geborenes-und-Sterbendes durch die Stille, umgeben von anfangs- und endlosem Frieden, wie der Fisch umgeben vom Wasser. Das Erlöschen der Leidenschaften? Das könnte zwar auch so ähnlich beschrieben werden, aber hier geht es mir um Sammlung des Herzens, um Geistessammlung, um den Herzensfrieden als Boden und Fundament für die reine Präsenz.

Ganz praktisch geht es also darum, in allem Erleben innerlich ruhig und gelassen, eben friedlich, bleiben zu können. Das Erleben mit allen seinen Faktoren und in allen seinen Facetten sein zu lassen wie es ist. Alles Erleben ist Erleben und Erleben ist gerade so, wie es ist. Und zwar sowohl das passive wie das aktive Erleben. Denn dieses wie jenes entsteht und besteht aus Ursachen und Bedingungen und eben nicht aus einem vermeintlich freien Willen eines vermeintlich unabhängigen Individuums.

Auch das Erlebenwollen und das Nichterlebenwollen sind Fische im Ozean der Stille und die Stille wird durch sie in keiner Weise beunruhigt: Falle nicht herein auf ihre schwärmerischen und lärmenden Gesten! Und auch nicht auf ihr Säuseln und Flüstern…

Stille ist die stärkere Energie als alles Wollen. Innerer Friede wird erlebt, wenn und insoweit alles Wollen und Nichtwollen gestillt wird, wenn also der Wille sich als Kraft der Stille offenbart. Alles Wollen und Nichtwollen verliert sich in dieser starken Energie, in der Kraft der Stille.

An die Stelle des friedlosen, ruhelosen Wollens und Nichtwollens tritt die befriedete und befriedende Kraft der Stille.

Nicht mit Handlungen
an der Welt, sondern
mit Veränderungen des
Wollens verändert sich
die Wahrnehmung.

Paul Debes

Die Wahrnehmung verändert sich von unfriedlicher Rastlosigkeit zu friedlicher Ruhe, vom Lärm zur Stille, vom Wollen zur Kraft. Nicht mehr egoistisches Wollen in anziehendem und abstossendem Festhalten wird wahrgenommen, also erlebt, sondern eine stille, eine gestillte Kraft, die Präsenz ermöglicht, Präsenz erschafft.

Der Wille, jedes Wollen, ist selbstbezogen, ich-zentriert. Die Kraft der Stille ist selbstlos, kernlos, geht nicht von einem Ich aus. So vermag sie zu befrieden, inneren Frieden zu schenken. Und nur auf dem Boden des befriedeten, friedlichen Erlebens ist das Wirken der Präsenz, das Erleben von Freiheit, möglich.

Entfaltet die geistige Sammlung, denn der geistig Gesammelte erkennt die Dinge der Wirklichkeit gemäss. Welche Dinge? Das Entstehen und Hinschwinden von Körperlichkeit, Gefühl, Wahrnehmung, Geistformationen und Bewusstsein.

Buddha

Ein meditativer Geist lebt mit sich und der Welt in Frieden. Aus ihm kommen weder Schaden noch Gewalt. Der Frieden und die Reinheit, die von ihm ausgehen, werden eine überwältigende Macht haben und ein Segen für die Welt sein. Er wird einen positiven Einfluss auf die Gesellschaft ausüben, selbst aus der Abgeschiedenheit und Stille heraus.

Nyanaponika

Präsenz auf der Basis von Stille, eine stille oder, wie der christliche Autor Richard Rohr es nennt, pure Präsenz. Die Eindrücke an den sechs Sinnestoren entstehen und vergehen. Der Geist ruht in stiller Präsenz und sieht ihr Kommen und Gehen. Einsicht in die Unbeständigkeit der Erlebnisse entwickelt sich. Erleben ist Entstehen und Vergehen, ist Wandel, ist Veränderung.

Leben ist unaufhörliches Werden. Sterben ist Veränderung und neues Werden. Kein Ende ist auszumachen, kein Sinn zu erkennen dieses ewigen Kreislaufs. Der Geist in stiller Präsenz lässt diesen Kreislauf sein was er ist, er greift nicht nach den Erlebnissen, identifiziert sich nicht mit ihnen.  Auch nicht mit dem Geist in stiller Präsenz, der ja doch selber nur ein Erleben in diesem Kreislauf ist.

Präsenz ist unmittelbar erlebte Wissensklarheit der Unverblendung. Konkretes, erkanntes Erleben der vergänglichen, keinen Halt bietenden Daseinswirklichkeit ohne Identifikation damit.

Wenn ich präsent bin, dann werden mir nicht nur die Vergänglichkeit und die Leidunterworfenheit bewusst, sondern auch die Angst vor der Vergänglichkeit und dem Leiden. Ein japanischer Budo-Meister sagte:

Nicht derjenige hat die Angst überwunden, der keine Angst kennt, sondern derjenige, der sie kennt und auszuhalten vermag.

Die Präsenz, der wache, wissensklare Geist, ist es, der die Angst überwindet, eben dadurch, dass er sie kennen und auszuhalten lernt.

Auch wenn jede konkrete Angst vor etwas Bestimmtem letztlich in der Urangst vor Leiden und Tod wurzelt, so kann sie doch nur immer am konkreten Erleben erkannt, ausgehalten und so, erkennend und aushaltend (eben: präsent), überwunden werden.

Unser Wirken wurzelt stets entweder in der Angst, der unerkannten, unausgehaltenen, unüberwundenen oder in der Präsenz, die die konkrete Angst erkennt, aushält und erkennend und aushaltend überwindet.

Angst macht Feinde.
Feinde machen Angst.

Angst ist immer Angst um sich selber und sie bewirkt ein selbstbezogenes, selbstsüchtiges Wollen in Anziehung und Abstossung (Begehren und Aversion). Das tatsächlich gegenwärtige Erleben wird als Feind, als mir feindlich gesinnt wahrgenommen. Die Angst bewirkt das egoistische Wollen, der egoistische Wille macht mir das Erleben zum Feind und Feindschaft macht Angst. Ein Teufelskreis.

Die Präsenz ist sich der Unbeständigkeit und daher Unzuverlässigkeit allen Erlebens bewusst. In dieser klaren Sicht der Wirklichkeit bezieht sie das unbeständige, unzuverlässige Erleben nicht auf ein Ich, nicht auf ein Selbst. Sie sagt nicht: Dieses Erleben bin ich oder dieses Erleben gehört mir. Das bedeutet: In der Präsenz wird das Erleben selbstlos erlebt. Was aber ohne Bezug auf ein Selbst erlebt wird, also selbstlos, das macht nicht Angst. Was nicht Angst macht, ist kein Feind, wird nicht als feindlich, sondern als freundlich gesinnt, als Freund, erlebt. Ich schliesse Freundschaft mit dem Erleben.

Und in der Freundschaft erlebe ich nicht ein selbstbezogenes, egoistisches Festhalten oder Wegstossen, nicht den Willen eines Ichs, sondern eine ruhige Kraft, die Kraft der Stille, die wiederum Nährboden ist für eine sich stetig vertiefende Präsenz. Ein Segenskreis.

Die Angst macht den Feind. Der Feind macht den Willen. Führe den Willen in die Stille und das Wirken der Präsenz ist es, das dich mit dem Feind den Weg mit Herz finden und gehen und die Befreiung erleben lässt. Eine wunderbare Formel. Das Wunder des Buddha.

Präsenz ist erkannte und akzeptierte Wirklichkeit. Vollkommene Präsenz ist vollkommenes Einverstandensein mit dem konkreten Erleben. Man könnte auch sagen: Präsenz ist die Soheit der Wesen und Dinge. Oder schlicht und einfach: Präsenz ist das, was ist.

Das Wirken der Präsenz ist Freiheit. Befreiung von den Leidenschaften, von Gier, Hass und Selbstsucht, und dadurch vom Samsara, vom Rad der Wiedergeburten. Das Wirken der Präsenz ist die Verwirklichung des buddhistischen Zieles: Nirvana.

Liebe Leserin, lieber Leser, seit vielen Seiten habe ich dich nicht mehr persönlich angesprochen. Hast du das bemerkt? Hast du es vermisst? Es ist nur noch um die Sache selber gegangen, nicht mehr um dich. Auch nicht um mich, wenn ich auch die Sache von meinem Erleben und Erkennen her in der Ich-Form dargestellt habe. 

Aber nun kehren wir doch aus diesen hohen denkerischen Gefilden wieder zurück in die Begegnungswelt. Da, wo ich am Computer sitze und schreibe und da, wo du dich soeben aufhältst und das von mir Geschriebene liest.

Wir sind also immer noch gemeinsam unterwegs zum Ohne-Schlüssel-Tor. Während wir so zusammen wanderten, du lesend, ich schreibend, habe ich versucht, dir meine Formel für den Weg des wahren Lebens zu erklären. Ihr Name ist: Friede, Freiheit und Freundschaft. Oder: auf dem Weg mit Herz in der Kraft der Stille das Wirken der Präsenz erleben.

Vielleicht findest du, meine Formel bejahe einseitig das Leben und es fehle in ihr der Aspekt der Überwindung des Lebens, dem ist aber nicht so. Ja, sie bejaht das Leben, das heisst: sie akzeptiert das Geborenwerden, Altern und Sterben, mit anderen Worten das Erleben.

Aber sie bejaht ebenso das Ende des Geborenwerdens, Alterns und Sterbens, also das Erlöschen des Erlebens, das Nirvana.  

Das Erlöschen der Leidenschaften, die Bedingung für das vollständige Nirvana, bedeutet keineswegs eine Verneinung des Lebens, denn es sind gerade die Verunreinigungen des Herzens im Sinne selbstsüchtiger Leidenschaften, die das Erkennen und Bejahen der wahren Natur des Erlebens verhindern und verunmöglichen, die also die Wirklichkeit des Lebens verneinen, verleugnen.

Das Erlöschen der Leidenschaften führt somit zum Erkennen und zum Einverstandensein, also zum Bejahen der Lebenswirklichkeit. Bei vollständig erloschenen Trieben ist in jedem Erleben mitfühlendes Wohlwollen präsent, das dem Erleben sagt: Du darfst sein, du darfst sein, wie du bist. Was ein Bejahen, Annehmen, Akzeptieren des Erlebens bedeutet.

Was nun das Erlöschen von Geborenwerden, Altern und Sterben, das Erlöschen des Erlebens angeht, also das vollständige Nirvana, die definitive, ultimative Befreiung, so wird mit meiner Formel dieses ebenso bejaht:

Wie die Kraft der Stille Friede bedeutet in allem Erleben, so auch im Erlöschen allen Erlebens.

Wie das Wirken der Präsenz Freiheit schenkt in allem Erleben, so auch im Erlöschen allen Erlebens.

Wie der Weg mit Herz mich zum Freund macht allen Erlebens und alles Erleben zu meinem Freund, also Freundschaft bedeutet, so macht er mich auch zum Freund des Erlöschens allen Erlebens und das Erlöschen allen Erlebens zu meinem Freund.

Es ist ein allumfassendes, ganzheitliches Ja: Das Ja zum Weg des wahren Lebens.

Da stehen wir also, wir zwei, du und ich, und ich weiss nicht, ob du nun die beiden Wege siehst und unterscheiden kannst: Den Weg des Lebens, den der Buddha Samsara nennt, und den Weg des wahren Lebens, der aus dem Samsara hinausführt und die Verwirklichung des Nirvana bedeutet.

Besser als Alleinherrschaft auf Erden, besser als Geburt in einem Götterreich, besser als die Herrschaft über alle Welt ist fürwahr das Ziel des Eintritts in den Strom.

Buddha

Ich sehe das Ohne-Schlüssel-Tor im Geiste, siehst du es auch? Das Überschreiten der Schwelle nennt der Buddha Stromeintritt und es bedeutet den Eintritt in den Strom des Dharma, das Fussfassen auf dem Weg zum Nirvana, zur Freiheit, zu der Buddha’s Dharma dich führt: Durch das Erleben von Freundschaft mit allem Leben und durch das Erleben von tiefem innerem Frieden und darüber hinaus.

Carlos Castaneda beschreibt im Buch  ‚Die Kraft der Stille’ das Überschreiten der Schwelle in seiner Tradition. Sein schamanischer Lehrer Don Juan Matus sagt:

Bis zu dem Augenblick, da der Geist herabsteigt, so glauben die Zauberer, können wir vor dem Geist weglaufen. Danach nicht mehr…

Der Geist offenbart sich uns. Die Zauberer sagen, der Geist liegt in einem Hinterhalt und stösst herab auf uns, seine Beute. Das Herabstossen des Geistes, so sagen die Zauberer, geschieht immer in verhüllter Form. Es geschieht, und doch scheint überhaupt nichts zu geschehen…

Es gibt eine Schwelle, die, wenn sie einmal überschritten ist, keine Rückkehr erlaubt. Von dem Augenblick, da der Geist anklopft, dauert es normalerweise Jahre, bis ein Lehrling diese Schwelle erreicht. Doch manchmal erreicht man diese Schwelle beinahe sofort.

Weiter erklärt Don Juan seinem Schüler, dass das Überschreiten der Schwelle sich in dem Augenblick ereigne, in dem der Geist die Ketten der Selbstbetrachtung zerbreche.

Das deckt sich mit der Aussage des Buddha, dass der überweltliche Pfad, ich nenne ihn hier den Weg des wahren Lebens, betreten werde durch eine tiefe Einsicht in die ichlose, selbstlose Natur der Wirklichkeit.

Im buddhistischen System bedeutet dies die Befreiung des Geistes von der ersten von zehn ans Leiden kettenden Fesseln und dadurch bedingt die Unumkehrbarkeit des auf diese Weise in Gang gesetzten spirituellen Lebens. Auch hier gibt es von diesem Augenblick an kein Zurück mehr.

So ist übrigens die echte geistige Neugeburt, wie sie Jesus in der Bibel lehrt, ebenso unumkehrbar. Und auch hier ist die erste Forderung das Aufgeben der Selbstbetrachtung, die Selbstverleugnung in den Worten Jesu.

Don Juan fährt fort:

Das Brechen der Ketten ist herrlich, aber oft sehr unerwünscht, denn niemand will frei sein…

Sobald unsere Ketten zerrissen sind, sind wir nicht mehr an die Sorgen der Alltagswelt gefesselt. Wir sind noch immer in der Alltagswelt, aber wir gehören nicht mehr dazu. Um dazu zu gehören, müssten wir die Sorgen der Leute teilen, und ohne Ketten können wir es nicht.

In der Welt, doch nicht von der Welt, mit diesen Worten beschreibt Jesus diesen Sachverhalt.

Für den Buddha ist ein Mensch vor dem Stromeintritt ein Weltling, danach nicht mehr. Don Juan spricht vom Durchschnittsmenschen und Menschen, die die Schwelle überschritten haben, nennt er Zauberer, Krieger und Wissende.

Carlos Castaneda schreibt weiter:

Jeder Zauberer, sagte Don Juan, müsse eine klare Erinnerung an das Überschreiten dieser Schwelle haben, um sich stets seine neuen Möglichkeiten der Wahrnehmung zu vergegenwärtigen.

Man müsse kein Schüler der Zauberei sein, sagte er, um diese Schwelle zu erreichen; ein Durchschnittsmensch und ein Zauberer unterschieden sich einzig darin, was sie aus dieser Situation machten. Ein Zauberer überschreite die Schwelle und nutze die Erinnerung daran als Bezugspunkt.

Ein Durchschnittsmensch überschreite die Schwelle nicht und gebe sich alle Mühe, die ganze Sache zu vergessen.

Du musst kein Zauberer oder Wissender werden, es existiert kein Zwang dazu. Es ist auch keine Schande, ein Durchschnittsmensch zu sein und bleiben zu wollen. In Wirklichkeit bedeuten diese unterscheidenden Bezeichnungen nicht sehr viel, denn dieser und jener Mensch leben gemeinsam hier in dieser Begegnungswelt. Auch wer durch das Tor gegangen ist, kommt wieder zurück, denn leben können wir nur hier, hier und jetzt, und nur in aller Bedingtheit die unsere Existenz ausmacht.

Und hier, in der Begegnungswelt zählt eines vor allem anderen: Dass wir miteinander den Weg mit Herz gehen. Wenn wir das tun, dann ist für dieses jetzige Leben alles gut. Dann leben wir Mitgefühl und Liebe. Als Gläubige und Erwachte, als Zauberer und Wissende oder als Weltlinge und Durchschnittsmenschen.

Jedwede Richtung mit
dem Geist durchstreifend
traf keinen ich, den man
mehr liebte als sich selbst.

So ist den andern allen
lieb ihr eignes Selbst.
Drum, allen Gutes wünschend,
tu man keinem weh!

Buddha


Wer Hass mit Hass vergilt,
der ist noch schlimmer
als der andere;
doch wer dem Hasser
keinen Hass zeigt,
gewinnet den gar
schweren Kampf.

Zum Heile beider
wandelt er,
zum eignen wie zum
fremden Heil,
wer, andere im
Zorne wissend,
beruhigt bleibet,
klarbewusst.

Buddha