Geheimnis und Gerechtigkeit


Lieber B.

Danke für Deinen Brief vom 6. Dezember. 

Auch in Deinem letzten Brief hat mich ein Wort sehr inspiriert, es ist das Wort „Geheimnis“, und so werde ich heute darüber schreiben, was ich als das eigentliche Geheimnnis erkenne.

Übrigens: Wenn ich in meinen Antworten auf Deine Briefe so selektiv vorgehe, heisst das nicht, dass ich alle übrigen Aussagen Deiner Schreiben ignorieren oder übergehen würde. Ich empfinde es aber nicht als zwingend notwendig, stets auf alles eine Antwort zu haben, und so lasse ich mich jeweils von meiner Intuition leiten und springe auf das Thema auf, das mir entgegenleuchtet. Diesmal also: das Geheimnis.

Konkret: Das Geheimnis der Initiation. Denn mit der Initiation – wie ich sie erlebt habe und verstehe – wird die Frage „Was ist nach dem Tode?“ irrelevant. Weshalb? Weil die Initiation mich 100%ig in dieses eine und einmalige Leben, in die Wirklichkeit hier und jetzt hineinstellt.

Im Büchlein „Stille und Präsenz mit Herz – Der Weg des wahren Lebens“ bin ich darauf schon einmal eingegangen, dort mit Bezug auf vier verschiedene Beschreibungen der Initiation: Buddhistisch (Palikanon), Christlich (Bibel), Schamanisch (Carlos Castaneda) und Poetisch (Michael Ende). Hier werde ich mich nun auf das buddhistische und das christliche Verständnis beschränken.

Der Buddhismus nennt die Initiation „Stromeintritt“ und „Das Öffnen des Dharma-Auges“ oder auch „Wechsel der Abstammung“. Christlich kennen wir die Begriffe „Wiedergeburt“, „Neugeburt“ und „Geistestaufe“. Das buddhistische Verständnis vom „Wechsel der Abstammung“ und das christliche Verständnis von der „Neugeburt aus dem Geist“ definieren damit eine neue Existenzweise, ein neues Sein, ja, eine neue „Person“ oder „Persönlichkeit“, die durch das Erlebnis der Initiation ins Leben getreten ist. Diese neue Person stammt aus dem Geist, ist aus dem Geist geboren. Sie ist (per Definition) ein „Bodhisattva“ (ein „Erleuchtungswesen“) oder ein „Kind Gottes“.

Was unterscheidet nun den Menschen vor der Initiation vom Menschen nach der Initiation? Dazu lasse ich kurz den Schamanen Don Juan Matus zu Wort kommen, er beschreibt das sehr prägnant und treffend:

„Sobald unsere Ketten zerrissen sind, sind wir nicht mehr an die Sorgen der Alltagswelt gefesselt. Wir sind noch immer in der Alltagswelt, aber wir gehören nicht mehr dazu. Um dazu zu gehören, müssten wir die Sorgen der Leute teilen, und ohne Ketten können wir es nicht.“

In der Welt, doch nicht von der Welt, mit diesen Worten beschreibt Jesus  diesen Sachverhalt. Die Sorgen der Welt sind Sorgen um Dinge, die „die Motten und der Rost fressen und wo Diebe nachgraben und stehlen“ (Mat 6,19-24). Es sind Sorgen um Vergängliches (inklusive das eigene Leben oder das Leben anderer), die vergeblich sind, weil „Vergängliches niemals das Unvergängliche erben kann“ (1.Kor 50-55).

In der Initiation erlebt der Mensch das Unbedingte, das Zeitlose, die Ewigkeit, Nirvana, das Erwachen, die Erleuchtung. Je nach Tiefe und Kraft des initiatorischen Erlebens – der Palikanon definiert vier Stufen – werden mehr oder weniger Anhaftungen an Vergängliches (und damit die Sorgen um Vergängliches) gelöst und für immer überwunden. Damit auch die Angst vor dem Tod und ebenso die Fragen danach, was nach dem Tod sei. Denn Nirvana, das Todlose, Leidlose, Unvergängliche wurde ja schon erlebt und dieses Erleben hat sich tief eingeprägt. Es ist das, was übrigbleibt, wenn all mein Körperliches und Geistiges – also das „Ich“ – erloschen ist.

Die Initiation ist noch nicht das letztendliche Ziel, sie ist aber definitiv das Betreten des Weges, der unwiderrufbar zur vollständigen Befreiung führt. Meinen „Stromeintritt“ habe ich in meiner spirituellen Autobiografie „Die Schwelle“ beschrieben, habe ich Dir dieses Buch eigentlich auch geschenkt? Wenn nicht, werde ich das gerne bei nächster Gelegenheit nachholen.

Was meine ich nun mit dem „Geheimnis der Initiation“? Es ist nicht die Initiation selber, denn für den, der sie erlebt hat, ist sie klar erkanntes Erleben und in keiner Weise mehr verborgen oder geheim. Das Geheimnis liegt in der vollständigen Nichtmanipulierbarkeit und Unkontrollierbarkeit der Initiation.

„Keiner nimmt sich selbst die Würde, er wird von Gott berufen.“  (Heb 5,4)
„Viele sind berufen, aber wenige sind auserwählt.“ (Mat 22,14)

Die Initiation widerfährt uns, sie ist ein Geschenk. In gleicher Weise gilt der Dharma (als Weg zur Befreiung) als ein Dana (Geschenk, Gabe) des Buddha, das uns durch das Erlebnis des Stromeintritts zuteil wird. Trotzdem braucht es auch unseren Einsatz: Wenn wir unsere Erlösungsbedürftigkeit und den Wunsch nach Erlösung erkennen, dann ist unsere volle Anstrengung zu Verwirklichung dieses Wunsches gefragt. Paulus hat das schön ausgedrückt:

„Vollendet eure Rettung mit Furcht und Zittern; denn Gott ist es, der in euch das Wollen und das Vollbringen wirkt, nach seinem Wohlgefallen.“ (Phil 2,12-13)

Dass das Wollen nicht in unserer Hand liegt, darüber haben wir uns schon in einem früheren Briefwechsel unterhalten. Aber wenn ein Wille zu etwas aufgekommen ist, dann können wir uns anstrengen, diesen Willen zu verwirklichen. In unserem Zusammenhang heisst das: Wenn die Erlösungsbedürftigkeit und der Erlösungswunsch erkannt sind, dann kann der Mensch Schritte unternehmen – das heisst: die Realisierung von Bedingungen anstreben – die dann Erlösung, also das initiatorische Erlebnis, bewirken können. „Können“, nicht „müssen“: Das Vollbringen steht sowenig in unserer Hand wie die Erzeugung des Willens.

Im Buddhismus gelten ethisch verantwortungsbewusstes Verhalten, die Reinheit des Geistes (oder Herzens) und die Reinheit der Erkenntnis als unerlässliche Bedingungen für die Möglichkeit des Erwachens. Der Schaffung dieser Bedingungen gelten all die verschiedenen Meditationsmethoden aller Traditionen. So kann eines nahen oder fernen Tages der Moment eintreten, an dem für einen Augenblick alle Bedingungen erfüllt sind und das Bewusstsein das Unbedingte berührt. Und schon im nächsten Moment findet sich das Bewusstsein im Alltäglichen wieder. Aber es ist etwas geschehen im Körper, im Herzen, im Geist, etwas Unwiderrufliches, das den Menschen fortan trägt und leitet. Der Buddhismus nennt dies den „Dharma“. Das Christentum nennt es den „Heiligen Geist“.

Die „Berufung“ (wie in Mat 22,14 erwähnt), also die Erkenntnis der Erlösungsbedürftigkeit und das Aufkommen des Erlösungswunsches, erleben, wie Paulus sagt, „viele“. Und viele strengen sich infolge dessen auch ehrlich an und bemühen sich auf verschiedenartigste Weise darum, zur Befreiung (aus der Angst vor Leiden und Tod) zu gelangen. Aber – leider – ist es eher wenigen beschieden, zu einer echten Erfahrung des Leidlosen und Todlosen zu gelangen. „Wenige sind auserwählt“, sagt dazu Paulus.

Das ist das „Geheimnis“, von dem ich spreche. Der eine erlebt die Initiation praktisch aus heiterem Himmel, ohne irgendwelche offensichtliche Anstrengung dazu, ein anderer bemüht sich schon ein Leben lang darum und es geschieht nichts. Don Juan Matus sagt es so:

„Es gibt eine Schwelle, die, wenn sie einmal überschritten ist, keine Rückkehr erlaubt. Von dem Augenblick, da der Geist anklopft, dauert es normalerweise Jahre, bis ein Lehrling diese Schwelle erreicht. Doch manchmal erreicht man diese Schwelle beinahe sofort.“

Und mancher erreicht sie nie. Weshalb ist das so? Weil wir niemals alle notwendigen Bedingungen bis ins Kleinste überschauen können. Wir sind immer auch dem Zufall ausgeliefert, dem, was uns zufällt ohne unser bewusstes und willentliches Zutun. Sei es Hinderliches oder Förderliches. Für die Bibel liegt es in Gottes Hand, was aus einem Menschen wird. Gott spricht zu Mose:

„Welchem ich gnädig bin, dem bin ich gnädig, und wessen ich mich erbarme, dessen erbarme ich mich.“ Und Paulus sagt dazu: „So erbarmt er sich nun, wessen er will, und verstockt, wen er will.“ (Röm 9,15/18)

Und da kommen wir nun noch einmal zu einem Thema, das wir auch schon gestreift haben: Das Thema „Gerechtigkeit“. Ist es gerecht, dass der eine ein solches Geschenk erhält, der andere aber nicht? Ist die Natur gerecht? Ist Gott gerecht? Wir mögen glauben, dass es so ist. Der Buddhist mag sich auf die Gerechtigkeit des Karma berufen, der Christ auf Gottes Gerechtigkeit (mit dem Hinweis darauf, dass diese höher sei als unsere Vernunft).

Ich denke, die Frage ist falsch gestellt, oder besser, an den falschen Empfänger gerichtet. Die eigentliche Frage und damit die eigentliche Herausforderung dieses „Geheimnisses“ (der Initiation) lautet weder „Ist die Natur gerecht?“, noch „Ist Gott gerecht?“, sondern „Bin ich gerecht?“. Verhalte ich mich den Menschen gegenüber gerecht? Und zwar allen gleichermassen? Behandle ich alle Menschen wertschätzend? Ist es mir möglich, allen Menschen wohlwollend zu begegnen?

Oder betrachte ich das Geschenk, das ich erhalten habe, als meine Errungenschaft, als mein Verdienst und fühle mich berechtigt, mich damit über andere zu erhöhen? Bin ich als gläubiger Christ oder bekennender Buddhist mehr Wert als mein unreligiöser Nachbar? Ist nur meine Erlösung echt, die der anderen Wege nicht?

Das „Geheimnis der Initiation“ fordert mich heraus, mich ganz direkt und ganz persönlich. Behalte ich das Geschenk engherzig und geizig für mich alleine oder ist es mir zum Beispiel möglich, die Gabe der (mehr oder weniger weit gehenden) Angstlosigkeit (vor Leben, Leiden und Tod) meinen Mitwesen zukommen zu lassen, sie an dieser Gabe Anteil nehmen zu lassen?

Das Aufzeigen des Weges, über den ich persönlich die Initiation erleben durfte, sei es der Buddha-Dharma oder das Evangelium Christi, ist hierbei nur eine der Möglichkeiten und eine, die wir besser vorsichtig und nur punktuell anwenden sollten. Der Buddha ermahnte dazu, den Weg nur denjenigen zu lehren, „die glauben, zuhören zu sollen“. Niemand will ungefragt und unerwünscht belehrt und angepredigt werden.

Anders verhält es sich mit meinem „Sein“: Durch das Erlebnis der Initiation wurde ich zu einer „Verkörperung des Dharma“ (indem der Dharma in mir „aktualisiert“ worden ist). Mein „Sosein“ wirkt auch ohne Worte und oft direkter und unverfälschter als viele Worte es vermögen.

Als eine der Wirkungen der Initiation erlebe ich eine stetig wachsende Sensibilität gegenüber den Leiden der Wesen. Immer stärker empfinde ich Leiden und Leidunterworfenheit meines konkreten Gegenübers direkt körperlich mit. So wachsen Mitgefühl und Wohlwollen im Herzen.

In einem schönen Essay fragte Nyanaponika: „Was ist die höchste Tat von Mitgefühl und Wohlwollen?“ und antwortete: „Den Wesen durch Tat (Anm: allen) und Wort (Anm: denen, „die glauben zuhören zu sollen“) den Weg der Leidbefreiung zu zeigen, wie er gewiesen, gegangen und vollendet wurde von ihm, dem Erhabenen, dem Buddha.“

Mit herzlichem und wohlwollendem Gruss, Ueli