Egoismus - freier Wille - Selbstlosigkeit

Aus einem Briefwechsel zum Thema:


9. November 2018
Lieber B. 

Wir haben ja momentan einen Schnellpost-Briefwechsel! Danke für Deinen Brief von gestern, der mich animiert, auch gleich wieder darauf zu antworten. Wir Pensionierten finden offensichtlich wieder Zeit und auch Lust dazu, ansonsten ist das Briefeschreiben meines Erachtens eher etwas Seltenes geworden.

Ich möchte auf die folgende Aussage von Dir eingehen: „Ich betrachte den Egoismus in all seinen Formen als zentrales Hindernis für unser aller Wohlergehen.“ Damit wir uns da nicht missverstehen, muss ich mein Verständnis des Begriffs Egoismus darlegen:

Ich gehe von der Annahme aus (und bin darin mit der Buddhistischen Auffassung einig), dass der Mensch (und jedes Lebewesen) nach Wohl strebt und Weh vermeiden will. Dieser doppelte Wille, Wohl erleben und Weh nicht erleben zu wollen, ist das jedem Tun und Lassen zugrunde liegende Motiv. Was auch immer ein Mensch tut oder zu tun unterlässt, das tut oder unterlässt er, weil er sich dadurch ein Mehr an Wohl und ein Weniger an Weh erhofft. In diesem Sinn ist jeder Wille und jedes Handeln und Nicht-Handeln egoistisch.

Wohl und Weh beziehen sich auf das Gefühlserleben. Auf dieser Ebene, dem Gefühl, entstehen der Wille und die Entscheidung (was die Neuro-Biologie inzwischen bestätigt). Es ist also daran kein (vom Gefühl unabhängiges) Ich beteiligt. Deshalb wäre es falsch, diese Form von Egoismus zu beanstanden. Es ist im Gegenteil ein vollkommen natürliches und richtiges Geschehen.

So schrieb Arthur Schopenhauer: "Die Haupt- und Grundtriebfeder im Menschen, wie im Tiere, ist der Egoismus, d.h. der Drang zum Dasein und Wohlsein." Dieser Drang hat seinen Ursprung im Gefühlsleben. Das gilt ebenso für altruistisches Verhalten: Mein eigenes Mich-Gutfühlen dabei, liegt der Entscheidung dazu zugrunde. Auch altruistisches Verhalten ist in diesem Sinne also egoistisch. Würde ich mich beim Grossherzigsein (oder der Anerkennung, die ich dafür erhalte) nicht gut fühlen, mich nicht als guter Mensch wahrnehmen, wäre es mit meiner Grossherzigkeit bald vorbei.

Gut. Ich betrachte also den Egoismus nicht, wie Du sagst, in all seinen Formen als Hindernis für unser aller Wohlergehen. Jedenfalls nicht die hier skizzierte Form. Ich erkenne aber, wiederum in Übereinstimmung mit der Buddhistischen Lehre (und übrigens auch mit Jesus: „Wer mir nachfolgen will, verleugne sich selbst…“) eine Form des Egoismus als absolut schädlich, ich nenne sie Selbstsucht und meine damit die Sucht danach, ein autonomes, unbedingtes Selbst sein zu wollen und alles Wirken somit von einem unbedingten freien Willen ausgehend und alles Erleben ein unbedingtes Selbst treffend zu erfahren.

Unser Wille und unser Wirken sind aber nur bedingt frei, nämlich bedingt durch das Gefühl, das uns nach Wohl streben und Weh vermeiden heisst. Und wir selber sind und haben auch kein unbedingtes Selbst sondern bestehen gerade durch und als die Bedingungen, die uns in der Existenz halten (in Peter Bieris „Das Handwerk der Freiheit – Über die Entdeckung des eigenen Willens“, das ich inzwischen mit grossem Interesse gelesen habe, ist dies das reine Subjekt, dessen tatsächliche Existenz er ebenso zurückweist wie auch den unbedingten freien Willen).

Dein Gedanke „Ich bin abhängig“ entspricht also durchaus der Buddhistischen Anschauung. Im Zusammenhang, den ich hier aufzuzeigen versuche, heisst das: „Ich, das heisst, mein Wollen und Wirken, bin abhängig von meinem Gefühl.“ Und, so würde ich jetzt feststellen, Deine Dankbarkeit, Dein Engagement, Dein Dasein als Teamplayer, die Tatsache, dass Du nicht flüchten willst und dass Du versuchst, innerhalb Deiner Grenzen und Bedingungen Deine Aufgabe zu finden und ihr zu entsprechen, all das wurzelt im natürlichen und gesunden Egoismus Deines Wunsches Wohl zu erleben und Weh zu vermeiden. Du, genauso wie ich und wie jedes Lebewesen, willst Dich gut fühlen, mit anderen Worten, nicht Leiden. Und damit sind wir beim Kern des Buddhismus angelangt. Der Buddha sagte: „Eines nur lehre ich: das Leiden und seine Überwindung.“ Das hat auch Friedrich Nietzsche erkannt, als er sich zum Buddhismus äusserte:

„Der Buddhismus ist die einzige eigentliche positivistische Religion, die uns die Geschichte zeigt, auch noch in seiner Erkenntnistheorie (einem strengen Phänomenalismus – ); er sagt nicht mehr „Kampf gegen die Sünde“, sondern, ganz der Wirklichkeit das Recht gebend, „Kampf gegen das Leiden“. In der Lehre Buddhas wird der Egoismus Pflicht: das „Eins ist not“, das „Wie kommst du vom Leiden los?“ reguliert und begrenzt die ganze geistige Diät.“

Und das ist okay so. Mein erster buddhistischer Lehrer sagte: „Nur wer leidet, will andere leiden machen.“  Somit ist der vermeintliche Egoismus, der dem Buddhismus gelegentlich angelastet wird, eben keiner, denn die Arbeit an der eigenen Leidbefreiung kommt allen zugute.

Nun aber, und da sehe ich den eigentlichen Unterschied zwischen einer selbstsüchtigen und einer selbstlosen Existenz, kommen wir zur Beantwortung der Frage: Woher kommt der Wille zu dieser Arbeit an der Leidbefreiung? Kann ein Mensch diesen Willen, überhaupt irgendeinen Willen, aus sich selber schöpfen, also unabhängig vom Kontext, unabhängig von seinen (inneren und äusseren) Lebensumständen?

Der Selbstsüchtige beantwortet diese Frage mit Ja. Und fordert folgerichtig sowohl von sich selber als auch von seinen Mitmenschen sehr häufig Unmögliches. Aber in keinem Menschen sitzt irgendwo ein unbedingtes (unabhängiges) Selbst, das bedingungslose Macht über seinen Willen hätte (also über einen unbedingten freien Willen verfügen könnte).

Der Selbstlose dagegen anerkennt die durchgängige Bedingtheit seiner Existenz (wie Du geschrieben hast: „Ich bin mir der Grenzen und Bedingungen bewusst, die meine Existenz definieren.“) und anerkennt damit auch die Bedingtheit seines Willens und damit seines Tuns und Lassens. Also fordert er weder von sich selber noch von anderen die unbedingte Herrschaft über sein und ihr Wollen und Nichtwollen, über sein und ihr Tun und Nicht-Tun. Das macht ihn grossherzig, nicht irgendeine Forderung (ein „Du sollst“) an sich selber und an andere.

Und deshalb ist die Nicht-Ich-Einsicht im Buddhismus der Schlüssel zur gesamten Arbeit der Leidbefreiung. Und das Spielfeld dieser Arbeit, ja, das ist, wie Du schreibst, hier und jetzt. Für mich hier bei mir, für Dich hier bei Dir. Für uns beide jetzt.

Es ist schön, es fühlt sich gut an, mit Dir diesen Austausch zu führen, und weil es sich gut anfühlt, deshalb schreibe ich Dir.

Mit ganz herzlichem Gruss,
Ueli


13. November 2018
Lieber B.

Ein paar Gedanken zu Deinem letzten Brief vom 9. Nov. (der sich offensichtlich mit meinem letzten Schreiben an Dich gekreuzt hat). Wir nähern uns langsam ganz zentralen Fragen an.

Die Dinge – alle Dinge, materielle und immaterielle – entstehen aus Bedingungen. Aus Nichts geschieht nichts. Alles hat Ursachen, und zwar nicht nur eine einzige, sondern eine unendliche und anfangslose Vielzahl.

Du stellst die Frage, wer denn der Chef der Umstände (also der Bedingungen) sei und sagst, diese Frage werde mit dem Hinweis auf die Natur beantwortet. In meinem Verständnis bezeichnet der Begriff „Natur“ ein Doppeltes, und zwar sowohl das Gesetz des bedingten Entstehens wie auch die gemäss diesem Gesetz hervorgegangenen bedingten Dinge, also alles überhaupt existierende Materielle (auf den Menschen bezogen: die Körperlichkeit) und Immaterielle (alles Geistige des Menschen: Gefühl, Emotionen, Gedanken, Visionen, usw.; alles nicht mit den fünf Körpersinnen wahrnehmbare). 

Und es ist wahr, die so verstandene Natur ist sich selber Chef: Aus den Bedingungen entsteht Bedingtes, welches wiederum zur Bedingung für neues Bedingtes wird. Das ist der anfangslose Kreislauf des Lebens, welches der Buddhismus Samsara nennt. Hierzu ein kurzes Zitat aus dem Buch ‚Das Herz aller Religionen ist eins – Die Lehre Jesu aus buddhistischer Sicht’ des Dalai Lama:

„Die gesamte buddhistische Weltsicht basiert auf einem philosophischen Standpunkt, dessen zentraler Gedanke das Prinzip der wechselseitigen Bedingtheit ist: Ihm zufolge treten alle Dinge und Geschehnisse allein infolge von Wechselwirkungen zwischen Ursachen und Bedingungen ins Dasein. Innerhalb dieser Philosophie ist es nahezu unmöglich, Raum zu schaffen für eine ausserzeitliche, ewige, absolute Wahrheit. Ebensowenig ist es möglich, die Vorstellung einer göttlichen Schöpfung unterzubringen. Entsprechend hat für einen Christen, dessen gesamte metaphysische Weltsicht auf dem Glauben an die Schöpfung und einen göttlichen Schöpfer beruht, die Vorstellung, dass alle Dinge und Geschehnisse aus der blossen Interaktion zwischen Ursachen und Bedingungen entstehen, keinen Platz. Im Bereich der Metaphysik wird es also an einem bestimmten Punkt problematisch, und die Auffassungen der beiden Überlieferungen müssen hier voneinander abweichen.“

Du schreibst dann, dass die Natur ein Produkt der Evolution sei und dass wir damit bei einer Erstursache landen würden. Dann fragst Du, welchen Sinn das Ganze habe.

Wenn ich den Begriff der Evolution hinzunehme, dann stelle ich fest, dass die Natur nicht ein Produkt der Evolution ist, sondern dass die Begriffe „Evolution“ und „Natur“ Synonyme sind: Die Natur ist evolutionär, die Evolution ist natürlich. Natur und Evolution meinen ein und dasselbe, sie sind austauschbare Begriffe und bezeichnen beide genau dies: das bedingte und bedingende Werden.

Deshalb landen wir bei dieser Fragestellung gerade nicht bei einer Erstursache, eine solche kann es nicht geben, weil aus Nichts nicht etwas entstehen kann. Weder Gott noch Urknall sind eine Antwort, es sei denn, wir verstünden im ewigen Schöpfergott schlicht eine menschliche Personifikation der Tatsache der Anfangslosigkeit des bedingten Werdens. Gott also ein Synonym für Anfangslosigkeit (und Endlosigkeit). Desgleichen beim Urknall, der niemals ein Uranfang sein, jedoch durchaus den Moment benennen kann, an welchem sich das Einatmen des Universums, also sein Zusammenziehen, wieder in sein Ausatmen, in die Ausdehnung wandelt. Dieses Modell des anfangs- und endlos sich zusammenziehenden und wieder ausdehnenden Universums ist auch als wissenschaftliche Theorie bekannt.

Kein Erstanfang also und wohl auch kein definitives Ende, so sehr diese Vorstellung unserem linearen Denken widerspricht. Das Leben ist ein Kreis, keine Strecke von A nach B.

Auch hier stellt sich jetzt natürlich die Frage, was soll das Ganze?

Ich stelle fest, dass das Leben sich selber bedingt und nicht durch irgend eine wie auch immer vorgestellte unbedingte Kraft oder Macht ausserhalb seiner selbst hervorgebracht und gelenkt wird. Dieses bedingte Werden ist in keiner Weise vorherbestimmt: In jedem Augenblick ist seine Entwicklung vollständig offen. Der Weg, den das Werden nimmt, wird in jedem Moment – mit jedem Geschehen – neu bestimmt.

Ich stelle fest, dass all unser Tun und Lassen (unser Wille und unsere Entscheidungen) aus Bedingungen entsteht und – wie die Natur, die Evolution, das Leben selber – nicht durch irgend ein wie auch immer vorgestelltes unbedingtes Ich oder Selbst innerhalb oder ausserhalb seiner selbst hervorgebracht und gelenkt wird.

Unser konkretes Handeln hier und jetzt entsteht also – wie alles Geschehen in der Natur – aus Bedingungen. Es geschieht nicht aus einem freien (von den Bedingungen, dem Kontext, den Lebensumständen unabhängigen) Willen.

Verliere ich nun deshalb meine Identität? Keineswegs! Die absolute Einmaligkeit des bedingten Werdens, das sich in meiner Person verwirklicht und durch mich in die menschliche, irdische, universelle Gemeinschaft hineinwirkt ist meine persönliche Identität. Durch diese Identität wirkt ein, durch die Bedingungen die diese Identität prägen, geformter Wille.

Die Freiheit meines Seins besteht in der vollständigen Offenheit der möglichen Wege, die mein Werden und Wirken einschlagen kann – analog der vollständigen Offenheit, die der Evolution insgesamt innewohnt. Es ist aber kein Ich (Ego), das diese Freiheit besitzt. Und hier begegnet mir, wie Du schreibst, „der Egoismus als stetige Prüfung für mein Verhalten.“ Ein treffliches Bild hierzu gibt Jesus in Gethsemane, wo er den Vater bittet, den Kelch an sich vorbeigehen zu lassen (der selbstbezogene Wille, der sich dem bedingten selbstlosen Willen widersetzen möchte), dann aber die Wahrheit erkennt und den Ego-Willen dem durch das Ganze bedingten Willen unterwirft ("…aber nicht wie ich will, sondern wie du willst.“). Jonas und der Wal sind ein weiteres schönes biblisches Beispiel für diesen Prozess der Befreiung des Willens von der Selbstbezogenheit. Ist der Wille von der Selbstbezogenheit frei, dann kann er als bedingter (durch die Umstände gewordener) freier Wille bezeichnet werden. Das aus solchem bedingt freien Willen entstandene Tun und Lassen definiert mich als freies Individuum. Dieses freie Individuum ist meine Identität.

In dieser Identität begegne ich meinen Mitmenschen, den Tieren, allem Leben in deren Identität und bin, wie sie auch, gleichzeitig Teil des grossen Ganzen und durch das Ganze und all seine Teile in meiner Identität bedingt.

In „Ich und Du“ beschreibt Martin Buber seine Sicht des freien Menschen. Mit diesem Zitat, das, so empfinde ich, unsere Positionen in nächste Nähe zueinander rückt, beende ich diesen Brief:

„Der freie Mensch ist der ohne Willkür wollende. Er glaubt an die Wirklichkeit; das heisst: er glaubt an die reale Verbundenheit der realen Zweiheit Ich und Du. Er glaubt an die Bestimmung und daran, dass sie seiner bedarf: sie gängelt ihn nicht, sie erwartet ihn, er muss auf sie zugehen, und weiss doch nicht, wo sie steht; er muss mit dem ganzen Wesen ausgehen, das weiss er. Es wird nicht so kommen, wie sein Entschluss es meint; aber was kommen will, wird nur kommen, wenn er sich zu dem entschliesst, was er wollen kann. Er muss seinen kleinen Willen, den unfreien, von Dingen und Trieben regierten, seinem grossen opfern, der vom Bestimmtsein weg und auf die Bestimmung zu geht. Da greift er nicht mehr ein, und er lässt doch auch nicht bloss geschehen. Er lauscht dem aus sich Werdenden, dem Weg des Wesens in der Welt; nicht um von ihm getragen zu werden: um es selber so zu verwirklichen, wie es von ihm, dessen es bedarf, verwirklicht werden will, mit Menschengeist und Menschentat, mit Menschenleben und Menschentod. Er glaubt, sagte ich; damit ist aber gesagt: er begegnet.“

Und hierzu noch als ein allerletztes Zitat Deine eigenen Worte, gegen Ende Deines Briefes:

„Hier und jetzt versuche ich im Rahmen meiner Möglichkeiten, Pflichten wahrzunehmen und zu erfüllen, aus Freude und Dankbarkeit. Dazu muss ich mich nicht verlieren sondern engagieren.“

Möge uns der Wille zu solchem Engagement immer wieder neu werden!

Herzlich,
Ueli