Christlich-Buddhistischer Dialog


Lieber M. 

Da mich Dein letztes Mail noch beschäftigt, erlaube ich mir, darauf einzugehen. Deine Aussage > Freunde sagen sich was sie denken und wie sie es sehen ermutigt mich dazu.

Du schreibst  > Wir haben nicht den Auftrag irgend eine buddhistische Lehre aus welchem Jahrhundert auch immer ins Emmental zu bringen. Diesen Befehl hat Jesus nie gegeben.

Wen meinst Du mit diesem „Wir“? Dass Du diesen Auftrag nicht hast, ist mir klar. Ich erwarte auch in keiner Weise, dass Du dies als Deinen Auftrag solltest ansehen können. Ebenso ist mir klar, dass Jesus nie einen wörtlichen solchen Befehl gegeben hat (über die Inhalte seiner ‚Befehle’, seiner ‚Lehren’ und über die Art seiner Lebensweise und über die vielen Entsprechungen zu denjenigen des Buddha, liesse sich allerdings sehr wohl diskutieren).  

Ich bin sensibilisiert auf diffamierende Wortwahl, und so zeigt mir die Auswahl Deiner Worte Deine innere abschätzige Haltung gegenüber der segensreichen Lehre des Buddha in dem Wörtlein „irgendeine“. Die Entsprechung wäre, wenn ich von „irgendeinem jüdischen Erlöser“ sprechen würde. Du willst die Lehre des Buddha nicht im Emmental gelehrt sehen. Auch das kommt mir in Deinen Worten entgegen.

„Was würde Jesus tun?“
Er hat mich angenommen, als ich vom Buddha zu ihm gekommen bin. Er hat mir vieles aufgezeigt und hat mich etliches gelehrt. Und er hat mich zurückgebracht auf den Weg des Buddha und hat mich gesegnet für meinen weiteren Lebensweg. Ich weiss mit Gewissheit, dass der Weg und die Lehre des Buddha mit keiner Faser gegen Jesus gerichtet ist. Und ich weiss mit ebensolcher Gewissheit, dass der Weg in der Nachfolge Buddhas dem Weg in der Nachfolge Jesu in keiner Weise widerspricht. Dieses mir liebe Bild drückt die ganze Thematik aus:


Das, was dieses Bild kommuniziert ist das, worum es hier auf Erden für uns Menschen geht. Wenn wir so miteinander umgehen – auch und gerade auch in aller unverständlichen Fremdheit – dann erfüllen wir die Weisungen sowohl Jesu als auch Buddhas. Wenn unsere Herzen zu solch liebender Annahme fähig sind und wir dies auch ausdrücken und leben, dann können wir – wenn wir das möchten – auch über unsere verschiedenen spirituellen Wege und Ziele austauschen ohne deshalb zu Gegnern zu werden und ohne den Weg des jeweils andern herabzusetzen.

Du schreibst: > Es war für die Apostel ganz klar, es gibt keinen zweiten dritten und vierten Weg zum Herzen Gottes.

Der Weg des Buddha führt ja auch nicht zum Herzen eines Gottes, auch nicht „des“ Gottes. Solches ist nicht buddhistische Definition.

Der Weg des Buddha führt zum Erlöschen von Gier, Hass und Selbstsucht. Dieses Erlöschen bezeichnet der Buddha als das Ziel des Menschtums (Nirvana: „Aufhören zu Wehen“, „Erlöschen“ der Leidensursachen). Mir ist dies das einleuchtendste Ziel, das ich mir für mein Leben setzen kann. Und auch in der Bibel – oder, ehrlicher gesagt: in meinem Bibelverständnis – finde ich dies bestätigt.

Das ist der Weg, den mein Leben nimmt. In einer schweren persönlichen und auch spirituellen Krise fand ich zu Jesus. Ich war keineswegs auf der Suche nach Gott, sondern auf der Suche nach Gemeinschaft. Die habe ich bei den Nachfolgern Jesu – für eine gewisse Zeit (für genau die Zeit, die ich brauchte) – erhalten. Der Weg geht weiter. Gemeinsam mit Dhamma-Praktizierenden in der Nachfolge des Buddha und auch zusammen mit Nachfolgern Jesu, die die Freiheit und Weite haben, die beiden Wege nicht als einander feindlich sehen zu müssen.

Ich kann vor Jesus in Dankbarkeit geradestehen. Keine Verurteilung, nicht von ihm mir gegenüber und nicht von mir ihm gegenüber. Wir sind miteinander im Reinen. Wenn nun Christen kommen, und dieses – mein – Erleben in Frage stellen oder gar dem Teufel in die Schuhe schieben wollen (was Du so nicht getan hast), dann berührt das zwar schmerzhaft mein Herz und meinen Geist, aber es irritiert mich nicht mehr. Es ist ihr Problem, ich mache es nicht zu meinem, und so weise ich solche Unterstellungen auch zurück.  

Dein Auftrag (was die „Lehre“ angeht), ist ein anderer, als es meiner ist. Meiner muss nicht zu Deinem werden und Deiner muss nicht zu meinem werden. Ein Auftrag oder eine Ermahnung jedoch gilt uns beiden, nämlich in der Liebe zu bleiben.

Du zitierst ausgiebig die Bibel und stellst sie als absolut und verbindlich für die ganze Menschheit hin. Das ist sie nicht. Schon nur deshalb nicht, weil es die Bibel an sich gar nicht gibt, in dem Sinne, als sie stets von einem (oder einer Gruppe von) Menschen gelesen, verstanden und interpretiert wird. Es gibt Bibelverständnisse, und so hast Du das deine und ich das meine.

Von der Lehre des Buddha her gesehen, ist jeder Weg und jede Bemühung, die auf das Überwinden von Gier, Hass und Selbstsucht gerichtet ist, heilsam. Denn durch die Befreiung von Gier, Hass und Selbstsucht wird dem Leiden die Grundlage entzogen. Findet das Leiden keine Grundlagen (Bedingungen) mehr vor, dann erlischt es.

Paulus sagt es deutlich: „Irret euch nicht; Gott läßt seiner nicht spotten! Denn was der Mensch sät, das wird er ernten.“ (Gal 6,7) Gier, Hass und Selbstsucht säen Leiden. Freigiebigkeit, Liebe und Selbstlosigkeit überwinden Leiden. Sowohl nach aussen, auf die Mitwelt, als auch nach innen auf das eigene Erleben gesehen. Das ist unsere Aufgabe hier in diesem Leben: Das Leiden – das eigene wie das der Mitwesen – zu überwinden.

Wer die „Heilsgewissheit“ (oder, mit etwas mehr Demut: die „Heilshoffnung“) erlangt hat, der muss sich nicht mehr um „das Leben nach dem Tod“ oder um das „ewige Leben“ (auch nicht um „Nirvana“) bekümmern, er kann nun getrost seine Kraft, seine Erfahrung und seine Kenntnis dem Ziel der Leidbefreiung hier und jetzt zuwenden. Was nicht bedeutet, dass das letztendliche Ziel der vollständigen Befreiung und Erlösung nicht ebenfalls zu seiner Lehr- und Helfertätigkeit gehörte.

Du schreibst weiter: > Aus dieser Perspektive bist du mit deinem Projekt auf dem Holzweg… ich will dir bezeugen, dass der Richter über alle Menschen… das nicht so sieht wie du…

Aber so, wie Du es siehst, so sieht er es natürlich, nicht wahr? Denn Du bist ja im Besitz der Orthodoxie, der Rechtgläubigkeit, während ich das ohne Zweifel nicht bin, verstehe ich Dich hier richtig? Du liest also die Bibel direkt aus dem Herzen Gottes und Dein Bibelverständnis macht nicht, wie (Deiner Ansicht nach) meines, > aus Jesus ein uns gefügiges Konstrukt, das sich beliebig in jede Ansicht pressen lässt?

Zur Frage des Holzwegs übrigens:

„Indem wir einem Menschen seine Freiheit verweigern, sich auf dem Holzweg zu befinden, sind wir selbst auf dem Holzweg. Andern die Freiheit zum Dummsein zuzugestehen, ist einer der wichtigsten und schwierigsten Schritte auf dem Weg zum geistigen Fortschritt. Wie praktisch, dass wir die Gelegenheit, diesen Schritt zu tun, jeden Tag rings um uns herum haben.“ 
(Thaddeus Golas)

Danke, dass Du mir doch immerhin zugestehst, dass ich diesen – von Dir (nicht von Jesus!) als Holzweg erkannten Weg – gehen darf: > Du darfst aber diesen Weg gehen und du musst ihn auch ganz und gar verantworten, nicht vor mir, aber vor ihm.

Ich gehöre zu denen, denen das Gesetz ins Herz geschrieben ist und denen der Geist Gottes ausgegossen ist in ihrem Herzen. Mein Gericht (besser, in der Übersetzung F.H. Baaders: meine „Richtigung“) findet tagtäglich, in jedem Augenblick statt. Und das wird, wenn es denn zu einem Leben nach diesem Leben kommen sollte, auch dann so sein. Ich habe nichts zu befürchten, sondern darf in Vertrauen und Zuversicht meinen Weg gehen, mein Leben leben und weiter „reifen“. Ich habe die volle Verantwortung über mein Leben angenommen. Ich schiebe sie nicht (mehr) ab: Nicht auf andere Menschen, nicht auf die „Umstände“, nicht auf den „Satan“ und nicht auf „Gott“. Das klare „Ja“ und „Nein“ sagen ist auch etwas, das mich Jesus gelehrt hat. Ebenso den Mut zum eindeutigen, ehrlichen und echten Bekenntnis des wahren inneren Standortes.

Nach wie vor bewundere ich die Weite des Jörg Zink (seine Werke bezeugen für mich vorbildliches Bibelverständnis). In seinem jüngsten Buch „Gotteswahrnehmung – Wege religiöser Erfahrung“ schreibt er:

“Es gibt nicht nur wichtige persönliche Gründe, die uns nahe legen, uns über die Erfahrung der religiösen Dimension unserer Welt unsere Gedanken zu machen, sondern auch weltweite, politische. Die ausserchristlichen Religionen kommen uns in unserer Zeit näher, als sie uns je gewesen sind, und es löst kein Problem, wenn wir in ihnen nach wie vor unsere Gegner sehen und ihnen ihre Wahrheit und ihr Recht absprechen.

Wir fragen also: Da wir schon miteinander leben – was können wir denn miteinander tun? Wir fragen also nicht plötzlich in die Runde: Wer hat die Wahrheit? Und wir antworten nicht: Natürlich wir! Wir fragen nicht: Was muss geschehen, damit die einsame Herrlichkeit des christlichen Glaubens sich strahlend herausstellt? Sondern: Was muss geschehen, damit zwischen uns und euch Vertrauen wächst? Was muss geschehen, damit wir miteinander das Rettende für die Menschheit bewirken?“ 

Auf dieser Ebene haben unsere Diskussionen ihren Wert.

Mit herzlichen Grüssen, Dein Ueli