Erbreichs Bibellese


Wie ich als Buddhist die Bibel verstehe

Ab 2005 war ich eifriger Leser und Schreiber im christlichen Internetforum von ‚livenet’ (unter dem Pseudonym ‚erbreich’, welches sich aus meinem Vornamen herleitet: Ulrich kommt von altgermanisch ‚ahd uodal richi’, was so viel bedeutet wie ‚an Erbe – oder an Heimat – reich’). In meinen Beiträgen des Jahres 2007 sollten sich die neu gewonnen Einsichten bezüglich des göttlichen Allerbarmens und der Praxis christlicher Meditation deutlich niederschlagen (was von Seiten der dortigen evangelikalen Christen zu teils heftigem Widerstand und auch zu etlichen Threadschliessungen geführt hat). An dieser Stelle einige meiner damaligen Beiträge (in der ursprünglichen zeitlichen Reihenfolge):


Die Bibel

Die Bibel ist dem Menschen gegeben, nicht der Mensch der Bibel. Wo sie Dir nicht zu einem JA zu Gott und zum Leben - auch zu Deinem ganz persönlichen Leben - verhilft, da tust Du gut daran sie zurückzuweisen. Alles hat seine Zeit. Vieles, was ich vor 20 Jahren nicht verstehen konnte, verstehe ich heute - wohl gerade auch, weil ich heute ein grösseres Vertrauen in Gott, ins Leben und in mich selber habe - und etliches, was ich heute nicht verstehe, werde ich vielleicht morgen oder in zwanzig Jahren verstehen. Es ist wichtig, dass wir zurückweisen, was wir nicht verstehen oder vielleicht einfach noch nicht zu verstehen in der Lage sind. Blindgläubigkeit ist keine Tugend.


Gesetz und Gnade

Die Bibel als Ganzes ist ein ausserordentliches Zeugnis der Wechselwirkung von Gesetz und Gnade. Wollen wir sie auf einen der beiden Aspekte festnageln, gehen wir in die Irre. Gesetz und Gnade sind - im Sinn und Wesen Gottes - eine harmonische Einheit. Wo ein Gesetz 'gesetzt' wird, da entsteht auch Übertretung des Gesetzes. Wo Gesetzesübertretung geschieht, da wird der Übertreter dem Gesetzeshüter (dem das Gesetz ausführenden Organ) ausgeliefert. Kennt der Gesetzeshüter keine Gnade, das heisst: Ist im Gesetz nicht auch die Gnade vorgesehen, dann sind das Gesetz und der Hüter des Gesetzes 'gnadenlos'. Ein gnadenloses Gesetz ist ein diabolisches Gesetz. Ein gnadenloser Gesetzeshüter ist eben kein Gesetzeshüter, sondern ein (Gesetzes-) Tyrann. Meine Bibel zeigt mir das göttliche Gesetz und den Hüter dieses göttlichen Gesetzes als gnädigen Gott.


All-Erbarmen

Gnade ist Teil göttlichen Gesetzes. Ein gnadenloses Gesetz ist ein teuflisches, ein dämonisches Gesetz. Nun ist aber die Schöpfung (All, Kosmos) nicht ein Werk des Teufels, sondern Gottes. Die Gesetze oder Gesetzmässigkeiten die sie bestimmen sind durchdrungen von der Gnade und Liebe Gottes. Dies zu erkennen und nach dieser Erkenntnis zu Leben ist 'Glauben', und diesen 'Glauben' zu finden - oder mehr noch: geschenkt zu erhalten - ist in sich ein 'Beweis' der Existenz von Gnade im Gesetz. Diese Gnade ist Sinn und Ziel des Gesetzes und der Weg zu ihr hin ist gerade im und durch das Gesetz angelegt. Auch wenn wir das biblisch (jüdisch-christlich) betrachten, ist die Erlösung für die Menschheit in Christus von Anfang an bei Gott festgestanden, also Teil seines 'gesetzmässigen Heilsplanes'. Unser umstrittener Paulus beschreibt das bestens in Römer 5. Und er sagt dort auch klar, dass diese Gnade für alle Menschen gilt:

Also: wie der Sündenfall des einen zur Verurteilung aller Menschen führte - so führt auch das gerechte Tun des Einen alle Menschen zur lebenbringenden Rechtfertigung.
(Röm 5,18)

Alle wurden zu Schuldnern und alle werden 'lebenbringend gerechtfertigt'. Das ist göttliche, gnadenhafte Gesetzmässigkeit. F.H. Baader, der Autor der DaBhaR-Bibelübersetzung sagt es deutlich:

Von der Rettungsherrlichkeit JHWHs soll also nichts geschmälert werden. Ohne Zweifel wird durch die Lehre, dass Gott, der alle Menschen retten will, den überwiegenden Teil der Menschen aber nicht retten kann (sein Arm somit zu deren Rettung zu kurz ist), die Herrlichkeit seines Retternamens entscheidend verringert. Mehr noch wird durch die Behauptung, dass der überwiegende Teil der Menschen unwiederbringlich verloren geht, der Sieg von Golgotha' zu einer Niederlage gemacht, da in diesem Fall der Satana's den grösseren Erfolg zu verzeichnen hätte.

Und noch deutlicher:

Durch die Unterschlagung des All-Erbarmens Gottes wird die Lehre gefördert, dass die von ihm erschaffenen Wesen ohne Aufhören, also ohne Zweck und Ziel, gequält werden. Im Gegensatz zu der gebotenen Segnung stellt diese aber eine unübertreffbare Verunglimpfung Gottes und seines Retternamens dar... Schon aus Lk 8,28-33 ist ersichtlich, dass mit einer Quälung auch eine Rettung verbunden ist und der Herr sogar Dämonen in ihrem Bitten erhört. Gott als unaufhörlichen Quäler zu sehen, ist dämonisch und nicht menschlich. Qual ist gemäss Offb. 12,2 eine Sache der Geburt, die hinterher umso grössere Freude auslöst; Joh 16,21. Die Auffassung, dass aus der Finsternis keine Rückkehr ist, ist eine frevlerische; Hiob 15,20/22. Wer Gott zum grausamsten aller Wesen erklärt, weil er ihm ein sinnloses, ja sogar unaufhörliches Quälenlassen unterstellt, beweist, dass er einer frevlerischen, dämonischen Lehre verfallen ist. Einem solchen Irrtum kann nur gewehrt werden, wenn die Kündung von dem Retthüter aller, von dem Erbarmer über all seine Gemachten und von dem sie mit dem Blut seines Sohnes Erkauften und mit ihnen Friedenmachenden als Aufgabe wahrgenommen wird.

Erst seit ich Gott als All-Erbarmer erkenne, ist mir die Dimension der Gnade - gerade auch durch Gesetz(esbelehrungen) und Sünde(nerfahrungen), wie es Paulus beschreibt - wirklich fassbar. Solange mein Bild vom Heilsplan Gottes aufgespalten bleibt in 'Himmel' und 'Hölle', solange ist mein Weltbild überhaupt und bin auch ich selbst aufgespalten in 'Himmel' und 'Hölle'. Ich kann in einer solchen Sicht zwar auch Formen von Gnade erleben, jedoch trägt sie dann immer auch ihr Gegenteil, die 'Gnadenlosigkeit' mit sich. Die Welt ist dual...

...Gott aber ist Einer. (Gal 3,20b)


Freiheit

Ein Gleichnis:

Ein Bauer auf einem Markt in Indien hatte Wachteln zu verkaufen. Sie waren alle an einem Bein mit einer Schnur an einem Pflock angebunden. Offensichtlich lebten sie schon eine geraume Zeit so: Sie drehten stoisch ihre Kreise um den Pflock. Da kam ein heiliger Mann vorbei und von Mitleid ergriffen kaufte er dem Bauern alle Wachteln ab. Dann durchtrennte er die Schnüre - die Wachteln waren frei. Doch was geschah? Sie drehten weiter ihre Kreise, als ob nichts geschehen wäre... Der heilige Mann fuhr zwischen sie und scheuchte sie auf, sie flatterten kurz hoch, landeten dann wieder am Boden und drehten weiter ihre Kreise um den Pflock.

Was hat man von der Erlösung, wenn man sie nicht erkennt und die dargebotene Freiheit nicht ergreift? Es hilft natürlich auch wenig, wenn man 'für-wahr-hält', dass man frei ist, aber dennoch in derselben Weise weiter die Runden dreht als wäre man noch gefangen...

Hast du einmal ihr Antlitz erkannt
Dann ist für dich niemals mehr jemand verdammt
Du weisst wer sie ist, weil du sie vermisst
Und immer und immer wieder vergisst

Sie ist dir ganz nah’ und immer bereit
Dich zu erheben indem sie befreit
Aus Schlamassel und Qual, aus Enge und Not
Und wäre sie nicht, dann wärest du tot

Nun hast du aber Sinne und Sinn
Hat dein Leben ihr zum Gewinn
Sprich ihren Namen und sei bereit
Sie zu benennen als deine Freiheit

Sie ist es für alle und ist es für dich
Sie ist es für alle und so auch für mich
An ihrem Busen darf ich mich laben
Und mich erfreu’n an all ihren Gaben

Sie ist es, die leise zu mir spricht
Und manchmal mich fordernd fast zerbricht
Sie lächelt mir freundlich ins Gesicht
Wenn ich mich verzweifelnd seh’ im Gericht

Sie spricht mich eins und macht mich frei
Wenn ich mich von allem was da ist entzwei
Sie führt mich zur Einheit mit Vater und Sohn
Und schenkt mir gnadenhaft himmlischen Lohn

So kann ich ganz neu im Leben steh’n
Und all meine Schulden und Ängste verweh’n
Während ich kraftvoll lebend im Sein
Von mir tu’ allen Trug und allen Schein

Sie alleine ist ganz wahr
Und macht alles Leben licht und klar
Sie ist keine Göttin, nein, das nicht
Und wäre sie es, ich kennte sie nicht

Sie ist, des sei dir gewiss, dein du
In ihr - in dir - findest du Ruh’
Da bist du alles und bist nichts
Und als dieses: Kind des Lichts




Für die Freiheit hat uns Christus befreit; so stehet nun fest und lasset euch nicht wieder in ein Joch der Knechtschaft spannen! (Gal 5,1)


Buchstabenhörigkeit

Wer ist denn unter den Menschen heute das Sprachrohr der Schlange, die 'Errettungs-Bedingungen' predigt? Es ist immer noch dieselbe Spezies, wie sie Jesus angetroffen hatte in seiner Zeit als Mensch auf Erden: Es sind die Frommen, die 'Biblizisten' (sprich: Schriftgelehrten), auch heute noch. Sie sind es, auf die auch heute noch zutrifft, was Jesus vor 2000 Jahren sagte:

Aber wehe euch, Schriftgelehrte und Pharisäer, ihr Heuchler, daß ihr das Himmelreich vor den Menschen zuschließet! Ihr selbst geht nicht hinein, und die hinein wollen, die laßt ihr nicht hinein. (Mt 23,13)

Das Kreuz Jesu ist seine Tat (und seither das Symbol) der Gnade und Vergebung Gottes für die ganze Menschheit. Wer daraus heute ein Gesetz macht im Sinne von: "Wehe dem, der Jesus jetzt nicht annimmt!", der hat das Kreuz nicht verstanden. Er hat die Gnade weder wirklich (wirk-sam) ergriffen, noch lässt er sie über seinen Mitmenschen gelten. Jesus sprach Klartext:

Ich sage euch: Wenn eure Gerechtigkeit die der Schrift-gelehrten und Pharisäer nicht weit übertrifft, so werdet ihr gar nicht in das Himmelreich eingehen! (Mt 5,20)

In biblizistischer Buchstabenhörigkeit findet sich keine göttliche Gerechtigkeit:

Du blinder Pharisäer, reinige zuerst das Inwendige des Bechers und der Schüssel, damit auch das Äußere rein werde! (Mt 23,26)

Denn:

Das Reich Gottes kommt nicht mit Aufsehen. Man wird nicht sagen: Siehe hier! oder: Siehe dort ist es! Denn siehe, das Reich Gottes ist inwendig in euch. (Lk 17,20-21)

Die Ungerechtigkeit liegt weit weniger im mehr oder weniger sittlichen oder unsittlichen Lebenswandel (damit spreche ich nicht der Unsittlichkeit das Wort!), als vielmehr in der Rechthaberei fundamentalistischer Glaubensüberzeugungen (gleich welcher Religion). Für seine kompromisslose Konfrontation mit den 'Rechtgläubigen' liebe ich Jesus:

Wahrlich, ich sage euch, die Zöllner und die Huren kommen eher ins Reich Gottes als ihr! (Mt 21,31)

Aber ich liebe ihn auch für seine Vergebungsbereitschaft:

Jesus aber sprach: Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!  (Lk 23,34)


Absolutismus

Es scheint leicht und richtig, sich an ein fundamentalistisch-dogmatisches Weltbild zu klammern, es macht aber den Menschen leider nicht frei, sondern kann ihn leicht in eine gefährliche Unfreiheit und ideologische Abhängigkeit führen. Absolutismus in welcher Form auch immer scheint mir der Lebensrealität letztlich entgegengesetzt. Es kann wohl für eine schwierige Lebensphase sinnvoll sein - etwa wie Psychopharmaka - hat aber Nebenwirkungen, die auf Dauer zu viel Schaden anrichten können.


Suchen und finden

Natürlich habe ich im Verlaufe meines Lebensweges etliche Wege und Wahrheiten versucht - wer nicht sucht, kann auch nicht finden - und ebenso natürlich, dass nicht ein jeder dieser Wege und Wahrheiten das Gelbe vom Ei war... man verirrt sich gelegentlich... das bringt ein suchendes Leben mit sich... wer aber aus lauter Angst davor, sich zu verirren, wo er steht verharrt, der lebt im Grunde kaum...

Meine Verirrungen waren vor allem suchtmässiger Natur: Substanzindiziert, sexuell indiziert und spirituell indiziert. Die Verirrung besteht meines Erachtens darin, etwas auf dem Lebensweg Gefundenes zu verabsolutieren. Man will ein Erlebtes oder Erkanntes 'verewigen'. Dies führt in die Abhängigkeit davon und letztlich in Sucht - im Falle der Religion: In Dogmatismus und Absolutismus.

Wenn heute meine eigenen (erwachsenen) Kinder kiffen und ihre eigene Suche - gerade auch in den spirituellen und sexuellen Bereichen des Lebens - unternehmen, dann finde ich darin nichts Verwerfliches. Natürlich kann ich mit ihnen diskutieren, und sie kennen ja meine eigene Lebensgeschichte, ihren Weg aber müssen und sollen und dürfen sie selber suchen und finden. Nur wer ehrlich sucht, der kann auch finden...


Regeln und Gesetze

Seit Jesus sind die Lehren und Regeln (Gesetze) der Bibel nicht mehr dogmatisch. Wenn Jesus den seinen Bruder Hassenden als Mörder bezeichnet oder den eine (andere) Frau begehrlich Anschauenden als Ehebrecher, dann frage ich: Wo ist hierin noch eine absolute Festlegung von Regeln zu finden? Jeder hat sich doch demnach vor allem mal selbst zu prüfen und von Gott prüfen zu lassen, wo er hier steht.

Und diese Grenzen steckt er Dir und mir und jedem andern Menschen persönlich ab. Das ist eine Frage der Reife des Menschen - auch und gerade der geistlichen Reife - welche Grenze Gott dem Einzelnen zu welcher Zeit und in welcher Situation zumutet und zutraut. Die Zielrichtung ist hierbei klar: "Alles, was nicht aus Glauben getan wird, ist Sünde." Aber keiner von uns steht am genau gleichen Ort, wie ein anderer. Somit kann auch keiner dem Andern sagen: "Du Sünder! Du Gottloser!" - es sei denn, er will sich dadurch selber richten, mit eben dem Massstab, den er anwendet.


Gott sein lassen

O wie schön ist dieses Leben
Wenn man einmal ganz ergeben
Sich ihm hingibt und gelassen
Gott einfach kann Gott sein lassen

Lass' Ihn sein und lass' sie reden
Von der Hölle und von Eden
Von dem Kreuz und von dem Einen
Den - als göttlich Privileg -
Sie allein zu kennen meinen

Löse deinen Geist von diesen
Krank machenden fiesen
Ideo- und Theologien
Lass' ihn fliessen wie den Fluss
Lass' ihn fliessen ohne "Muss"


Mut

Fehlt nicht sehr vielen Christen der Mut dazu, eine eigene Glaubensposition schon nur einzunehmen und dann gar noch nach Aussen zu bekennen? Ist nicht ein unausgesprochener Druck, ein stillschweigender Konsens innerhalb der Kirchen und Gemeinden oft zu mächtig, um dem einzelnen Individuum überhaupt nur den Raum zum mutigen persönlichen Bekenntnis zuzugestehen?

Hier füge ich einen Abschnitt aus einem Brief an meine Freunde von Mai 2004 ein:

In seinem Bericht über die Gruppenarbeit am 5. Wiler Symposium ‚Psychiatrie im Wandel – Psychiatrie und Religion’ schreibt der Psychiater W. Pöldinger:

Vielfach haben sterbende Menschen das Bedürfnis, über das Sterben und das Leben nach dem Tod zu sprechen. Diese Aufgabe – dies kam in der Diskussion zum Ausdruck – ist für den Seelsorger häufig schwieriger als für den Arzt. Denn viele dieser Sterbenden wollen nicht die offizielle Lehrmeinung einer Religionsgemeinschaft kennenlernen, sondern interessieren sich vor allem für die persönliche Ansicht ihres Gesprächspartners. Oft fällt es jedoch gerade religiösen Menschen schwer, ihre persönlichen Anschauungen zu diesen Fragen offen darzulegen. Solche Themen werden gerne verdrängt, oder aber man legt sich selbst keine Rechenschaft über den persönlichen Glauben ab.

An diesem Punkt wurde die Diskussion noch lebhafter und emotionaler. Offensichtlich gehört der persönliche Glaube zu den grössten Tabus. Mit ein wenig Verwunderung nahm man allseits zur Kenntnis, dass solche Fragen kaum öffentlich behandelt werden. Über die innerste religiöse Überzeugung äussert man sich kaum, geschweige denn, dass man sie diskutiert…

Aus der Psychotherapie von Personen, welche eine Funktion in Glaubensgemeinschaften ausüben, ist bekannt, dass sie mit ihren engsten Glaubensgenossen über diese persönliche Thematik nicht sprechen können. Dieser Hemmung mag die Angst zugrunde liegen, etwaige Zweifel an religiösen Inhalten auf andere zu übertragen und diese so in Gewissenskonflikte zu stürzen.

Vom Podium aus wurden anwesende Ordensmitglieder aufgefordert, dazu Stellung zu beziehen: In ihren Gemeinschaften sei es eher möglich, Probleme der Sexualität zu diskutieren als solche des persönlichen Glaubens. Die ureigensten Glaubensinhalte stünden nie zur Debatte. Damit fand die These einer Tabuisierung ihre Bestätigung.


Konfessionslos

Ich habe ein paar Jahre lang versucht, mich zu den ‚fundamentalistischen Christen’ zu zählen. Auch den Begriff 'fundamental' positiv zu belegen, im Sinne von 'gutes Glaubensfundament' beispielsweise... aber die Lieblosigkeit mit der oftmals Jesus verkündet wird, das ist ein so wesentlicher Aspekt des 'fundamentalen Christentums', dass ich mich davon abgrenzen muss. Daher sehe ich mich lieber als 'konfessionslos' (ich bin auch nicht mehr Mitglied irgendeiner Religionsgemeinschaft oder Kirche) und spreche - nicht 'predige' - über Jesus als auch über Buddha und alles was ich sonst noch kennen gelernt habe auf meinem bisherigen Lebensweg - einfach in meinen eigenen Worten und Bildern, die meine Erfahrung am besten wiedergeben. Nicht absolutistisch, nicht fundamentalistisch, nicht dogmatisch, viel eher als 'Gleichnis- und Symbolsprache'. Und wie lesen wir doch auch in der Bibel:

Und in vielen Gleichnissen trug er ihnen seine Lehre vor, wie sie es zu hören vermochten. (Mk 4,33)


Der Reifeprozess

Ich denke, dass das menschliche Dasein ein Reifeprozess ist. Veränderung, Vergehen, Neuerstehen, Wachstum... mit einem prüfenden, wachen Vertrauen den eigenen Lebensweg bilden dadurch, dass man ihn geht... das Wohl der Erde, das Wohl des Mitmenschen, das eigene Wohl im Auge behaltend... Irrtümer mutig eingestehen und mutig sich neu ausrichten und weiter wandern... in gewisser Hinsicht bleiben wir darin Kleinkindern gleich, die Gehen lernen...


Persönliche Erfahrung

Was soll uns ein Glaubensbekenntnis ohne konkrete persönliche Erfahrung? Auch die Jünger bezeugten nur ihr persönliches Erleben, und nicht irgendwelche fremde Ideen:

Wir reden, was wir wissen, und wir bezeugen, was wir gesehen haben... (Joh 3,11)


Loslassen

Ich seh’ den Abschied kommen
Von vielen jener Frommen
Die mir seit ein’gen Jahren
Kirch’ und Stütze waren

Ich fühl’ ‘ne leise Trauer
Und auch ‘nen süssen Schmerz
Sich bauen wie ‘ne Mauer
Um mein ent-täuschtes Herz

Die brauch’ ich im Moment

Wie jeder, der dies kennt
Um die Lieb’ zu finden
Und mit ihr zu überwinden

Was auch immer mich bedrängt
Und mein Herz einzwängt
Die Liebe wird gewinnen
Und mich neu erinnern

An das Leben und den Weg
Den lebend’ges Leben geht
Frei von -ismus und -logie
nehm’ ich in meiner Lieb’ Logis

Mögen Worte und Buchstaben
Ruhig hinterher mir traben
Ich ruh’ im Geist und in der Kraft
Die stündlich neues Leben schafft

So sag’ ich allen nun Ade
Vielleicht dass ich mal wiederseh’
Den Einen oder Andern
Dem das Leben ist wie mir: ein Wandern




Das Kreuz hat für mich als Symbol für Tod und Auferstehung, für Gnade und Vergebung Bedeutung, als 'Gesetz' für Erlösung ist es eine Perversion.


Das Unwandelbare

Was ist "unwandelbar" (also "Gott")?  Das ist doch die Frage überhaupt. Wir können mit dieser Frage im Herzen und im Geist leben und somit offen sein für das Unwandelbare, für Gott (wenn es erlaubt ist, es hier mal gleichzusetzen). Wer sucht wird finden. Ein Leben unter dieser Frage bleibt dadurch in der Gegenwart dieses 'Gottes', sucht ihn unaufhörlich, hier und jetzt.

Die fixe, dogmatische Antwort auf diese Frage jedoch, führt uns von Ihm weg, von seiner Lebendigkeit und Gegenwärtigkeit. Sie führt uns hinweg von ihm, dem Ungewordenen, Ungeschaffenen, Ewigen, hin zu etwas Starrem, etwas Totem, etwas Gewordenem, Geschaffenem, Zeitlichen, eben zum Sterblichen, zu etwas Wandelbarem: Zu einem Bild und Gleichnis Gottes.

In der Frage liegt die Antwort.
In der Antwort liegt die Frage.

Henri J.M. Nouwen fragte im selben Sinn einmal seinen Mentor (Abt John Eudes):

„Wenn ich bete, zu wem bete ich dann eigentlich? Wenn ich 'Herr' sage, was meine ich damit?" Und dieser antwortete: "Das ist die Frage, das ist die wichtigste Frage, die man stellen kann... Das führt Sie in die Mitte der Meditation. Findet man da eine Antwort? Ja und nein. Sie werden das in der Meditation selbst finden. Es mag sein, dass Ihnen eines Tages eine Erkenntnis aufblitzt, aber dennoch wird diese Frage bestehen bleiben und sie immer näher zu Gott führen.

Das Leben mit dieser Frage im Herzen ist es, das uns zu Gott, zum Ewigen führt. Im Gegensatz dazu steht das Verhalten, das es nicht aushalten zu können vermeint mit einer Frage zu leben. Es findet irgendeine 'Erkenntnis' und macht ein Dogma, einen fixen Glaubenssatz daraus. Das illustriert sehr schön die mir liebe Geschichte (ich habe sie wohl schon mehrmals erzählt) vom Teufel und seinem Freund, die einen Mann auf der Strasse etwas aufheben sehen. Der Freund fragt den Teufel, was jener dort aufgehoben habe, worauf der Teufel antwortet: "Er hat ein Stückchen Wahrheit gefunden". Der Freund fragt den Teufel, ob dies ihm (dem Teufel) nicht Angst mache, worauf der Teufel meint: "Gar kein Problem für mich, ich werde einfach veranlassen, dass jener ein Glaubensbekenntnis aus dem Gefundenen macht".


Das Gesprochene und das Verwirklichte

Die Frage nach dem "Unwandelbaren", nach "Gott", ist die Frage nach der "höchsten Wahrheit", die auch konventionell diskutiert werden kann. Wenn aber diese konventionelle Diskussion nicht die Verwirklichung zum Objekt und Ziel hat, dann bleibt sie leeres Gerede. Die Zeit kann man sich sparen.

Wo aber Verwirklichung ist, da kann auch in fröhlich-spielerischer Art und Weise, also frei von Verbissenheit und Fanatismus, über "Gott und die Welt" geredet werden. Es ist ja dann nicht der Anspruch darauf da, dass das Gesprochene mit der Verwirklichung identisch sei. Allerdings sollte das Gesprochene der Verwirklichung auch nicht widersprechen, aber wer will das beurteilen können? Wie oft wurden 'weise Narren' missverstanden? Wie oft lesen wir in der Bibel von den Jüngern Jesu: "...und sie verstanden ihn nicht."

Denn welcher Mensch weiß, was im Menschen ist, als nur der Geist des Menschen, der in ihm ist? So weiß auch niemand, was in Gott ist, als nur der Geist Gottes. (1.Kor 2,11)


Die Frucht des Geistes

Der Buddhist vertraut einem Menschen (dem Buddha), der von sich selbst sagt, dass er 'verwirklicht' sei, und folgt dessen mündlich überlieferter und schriftlich festgehaltener Lehre, von der diese sagt, dass sie zur 'Verwirklichung' führe. Er tut dies ohne eine Möglichkeit erkennen zu können ob dies stimmt bevor er nicht selber diese 'Verwirklichung' erreicht hat. Er tut dies als 'Gläubiger', oder in buddhistischer Terminologie, als Saddhavimutta, als 'Vertrauenserlöster'. Schritt für Schritt wächst er so in der 'Verwirklichung' der Lehre.

Der Christ glaubt in ebensolcher Weise dem Christus und dessen mündlich überlieferter und schriftlich festgehaltener Lehre - ebenfalls ohne Möglichkeit der Erkenntnis des Wahrheitsgehalts dieses Weges vor der Zielerreichung (der 'Verwirklichung'). Er tut dies 'im Glauben', als im Glauben Erlöster.

Trotzdem gibt es Zeichen des Fortschreitens, Wegzeichen, die den Vertrauenden ermutigen den Weg weiter zu gehen - die Bibel nennt sie 'Frucht des Geistes' oder auch 'Frucht des Lichts':

Die Frucht des Geistes aber ist Liebe, Freude, Friede, Geduld, Freundlichkeit, Gütigkeit, Treue, Sanftmut, Enthaltsamkeit. (Gal 5,22)

Die Frucht des Lichtes besteht nämlich in aller Gütigkeit und Gerechtigkeit und Wahrheit. (Eph 5,9)

Wo solche 'Früchte' wahrnehmbar sind - in uns selber oder im Mitmenschen - da kann die 'Verwirklichung', da kann 'Gott' nicht weit sein. Das ist keine Frage der Religionszugehörigkeit.  Jeder Mensch ist potenziell ein Kind Gottes, ein Anwärter auf die Buddhaschaft.

Eine meiner Lieblingsbibelstellen ist diese:

Die gesamte Schöpfung wartet sehnlich auf Menschen, in denen sich offenbart, dass sie Söhne und Töchter Gottes sind... Sie soll die Freiheit gewinnen, die herrliche, die den Kindern Gottes bestimmt ist. (Röm 8,19-21)

Hier wird deutlich, dass die ganze Schöpfung, alle Kreatur diese Freiheit erlangen soll. Und dass den 'Kindern Gottes' (den Bodhisattvas) darin eine wichtige Aufgabe zufällt. Die Schöpfung 'weiss', weshalb sie auf das Offenbarwerden der Kinder Gottes, auf verwirklichte 'Arahants' wartet...


In meinem eig’nen Brand

Bei einigen (gerade jungen) Mitmenschen habe ich den Eindruck, es wäre gar nicht so schlecht, wenn sie statt unter dem Gruppendruck der 'wahrhaft Gläubigen' tugendhaft zu sein sich noch eine wenig 'austoben' dürften... sonst kommen sie möglicherweise eines fernen Tages auch als Alte daher, die den Jungen durch religiöse Angstmacherei alles verbieten und ihnen die Freude am überschwänglichen Leben versauern... alles hat nun mal seine Zeit (kairos), auch das tugendhafte Leben und auch das sündige Leben. Es ist heilsam und trägt zur Reife des Menschen bei, wenn er den Weg zum tugendhaften Leben selber erlebt und erleidet durch Wonne und Schmerz:

In meinem eignen Herzen
In meinem eignen Land
Ich kann es kaum verschmerzen
Da liegt noch so viel Tand

Doch will auch hier ich suchen
Will nicht dem Leben fluchen
In meinem eignen Brand
Wird das gelobte Land


Vergeben

Vergeben kann keineswegs nur ein Mensch der vollkommen 'gut' ist. Sonst wären unsere ganzen gegenseitigen 'Vergebungs- und Versöhnungsbemühungen' vergeblich. Auch die Bibel spricht hier deutlich:

Denn wenn ihr den Menschen ihre Fehler vergebet, so wird euer himmlischer Vater euch auch vergeben. Wenn ihr aber den Menschen ihre Fehler nicht vergebet, so wird euch euer Vater eure Fehler auch nicht vergeben. (Mt 6,14-15)

Das geht ja sogar noch viel krasser und weiter: Wir finden Vergebung beim himmlischen Vater nur in dem Ausmass, wie  wir den an uns schuldig gewordenen Mitmenschen Vergebung erweisen! Selbstverständlich unterscheidet sich ein hundertprozentiger Mensch wie Jesus von uns Anfängern im Glauben und Menschsein. Jedoch nicht in der Notwendigkeit und Anforderung Vergebung walten zu lassen. Das erwartet der Vater von uns wie von Jesus.

Jesus ist mir und vielen Tausenden und Millionen von Menschen ein leuchtendes Vorbild, das Kraft und Mut gibt, für Wahrheit, Gerechtigkeit, für Liebe und Leben einzustehen und dafür Verspottung, Verachtung, vielleicht sogar Gewalttat und Tod in Kauf zu nehmen. Ein leuchtendes Vorbild gerade auch in der Vergebungsbereitschaft. Weder der Auftritt von Jesus, noch seine Lehre, noch sein Kreuzestod waren überflüssig. Es war sein Leben und sein Weg. Er ist ihn gegangen und er wurde zum Vermächtnis für die Menschheit.

Die Sühneopfertheologie ist allerdings ein anderes Thema. Wer in ihr für sich Frieden findet von Schuld und Sünde, mag sie so wörtlich annehmen. Wenn sie aber angewendet wird, um einen Wahrheitsabsolutheitsanspruch geltend zu machen verbunden mit der Drohung von ewiger Hölle und Verdammnis wenn nicht das Kreuz ganz genauso verstanden und interpretiert wird wie die Kirche - der Klerus (den gibts auch bei den so genannten 'freien' Kirchen...) - es predigt, dann ist etwas faul am Kreuz. Nicht am Kreuzesgeschehen selber, das war was es war und ist als mächtiges Symbol von Liebe und Vergebung und Auferstehung des Lebens in Liebe und Vergebung ein 'Lebensspender' ersten Ranges. Faul ist aber, dieses Vergebungs- und Auferstehungsgeschehen des Lebens zum Gesetz und Gericht zu erheben. Das Kreuz Christi ist definitiv Gnade und nicht Verurteilung. Niemals hätte Jesus vom Kreuz herunter in die Menge geschrien: "Wenn ihr nicht glaubt, dass ich Gott bin, dann fahrt ihr zu Hölle!" Nein, er bat: "Vater, vergib' ihnen..."


Eins mit Gott

Jesus hat sich selber nicht für Gott gehalten. Er erkannte in Gott seinen Vater und wusste sich eins - einig - mit ihm. Er wusste, dass die Göttlichkeit, die er in sich erkannte, der einzige Weg zum Vater war, und so konnte er auch frei heraus bekennen, er sei der Weg zum Vater, und niemand komme zum Vater ausser durch ihn. Alles korrekt. Auch wir kommen nicht zum Vater, es sei denn, wir erkennen die Göttlichkeit in uns selber und in unseren Mitmenschen. Nicht nur im Menschen Jesus.

Ein eindrückliches und tiefgehendes Erlebnis des Einsseins mit Gott ist mir in der Zeit meiner Krise (2001) widerfahren. Innerlich zerrissen und von Depression gequält stand ich eines Nachts am Rande des Waldes auf einem Hügel und mein Herz war ein einziger stummer Schrei. Da ging mir die Bibelstelle durch den Sinn, in der Gott Moses seinen Namen kundtut:

Gott sprach zu Mose: «Ich bin, der ich bin!» Und er sprach: Also sollst du zu den Kindern Israel sagen: «Ich bin», der hat mich zu euch gesandt. (2.Mose 3,14)

Und so begann ich dort am Waldrand diesen Namen Gottes zu sprechen und schliesslich zum Himmel zu rufen. Immer und immer wieder: „Ich bin der ich bin!“ Und auf einmal traf es mich wie ein Schlag: „Ich bin der ich bin!“ Mit diesem Namen habe ich die göttliche Macht ausserhalb von mir angerufen und nun kommt die Antwort auf diesen Ruf aus meinem eigenen Inneren: „Ich bin der ich bin“. Ich bin genau der, der ich bin. In diesem Moment viel alle Ablehnung meiner selbst von mir ab. Ich darf der sein, der ich bin, und ich darf meinen Weg des Lebens gehen, als der, der ich bin. Um dieses tiefe Erleben des Einsseins mit Gott hat Jesus kurz vor seiner Hinrichtung für seine Jünger gebeten:

Ich habe ihnen dein Wort gegeben, und die Welt haßt sie; denn sie sind nicht von der Welt, gleichwie auch ich nicht von der Welt bin. Ich bitte nicht, daß du sie aus der Welt nehmest, sondern daß du sie bewahrest vor dem Argen. Sie sind nicht von der Welt, gleichwie auch ich nicht von der Welt bin. Heilige sie in deiner Wahrheit! Dein Wort ist Wahrheit. Gleichwie du mich in die Welt gesandt hast, so sende auch ich sie in die Welt. Und ich heilige mich selbst für sie, damit auch sie geheiligt seien in Wahrheit. Ich bitte aber nicht für diese allein, sondern auch für die, welche durch ihr Wort an mich glauben werden, auf daß sie alle eins seien, gleichwie du, Vater, in mir und ich in dir; auf daß auch sie in uns eins seien, damit die Welt glaube, daß du mich gesandt hast. Und ich habe die Herrlichkeit, die du mir gegeben hast, ihnen gegeben, auf daß sie eins seien, gleichwie wir eins sind. Ich in ihnen und du in mir, auf daß sie zu vollendeter Einheit gelangen, damit die Welt erkenne, daß du mich gesandt hast und sie liebst, gleichwie du mich liebst. (Joh 17,14-23)

Sechs Jahre später habe ich diese Einheit mit Gott im Lied ‚Du, der Ich bin’ besungen:

Ja, Du befreist, Du, der ‘Ich bin’ 
In mir in Dir da liegt der Sinn 
Verborgen tief im eig’nen Herzen 
Bereit zum Lachen und zum Scherzen 

Die Oberfläche ist so hart 
Humorlos ernst und hungrig satt 
Sie ist das Ich, das Nicht-Ich-bin 
Und raubt dem Leben jeden Sinn 

Doch Du, der namenlose Eine 
Der ‘Ich bin’ im eig’nen Scheine 
Machst als der Lieb’ äonisch Wesen 
Mich von falschem Ernst genesen 

Du, der ‘Ich bin’, Du gibst mir Kraft 
Und schenkst mir Freude wesenhaft 
’Ich bin’ der Weg, die Wahrheit auch 
’Ich bin’ als Leben Gottes Hauch 

Ich bin in Dir und Du in mir 
Wir sind uns gegenseitig Zier 
Ich bin die Liebe, bin der Geist 
Ich bin das Ich, das Du befreist




Die Kirche hat bezüglich der Menschlichkeit und Göttlichkeit Jesu eine geniale Terminologie gefunden, sie bezeichnet die beiden in Jesus als ‚ungetrennt und unvermischt eins’. Das gilt genauso für einen jeden Menschen, für ein jedes Lebewesen. Wir können auch anstelle von Menschlichkeit und von Göttlichkeit zu sprechen sagen: Das Zeitliche und das Ewige sind im Menschen ungetrennt und unvermischt eins. Dieses ungetrennte und unvermischte Einssein direkt zu erleben, das ist das Ziel christlicher Meditationsformen. Es ist das Erleben der allumfassenden Gnade, die in der Kontemplation des Herzensgebets angestrebt wird.


Religion

Es macht mir eher Angst, mir vorzustellen, die ganze Welt wäre 'christlich', so wie sich das 'Christliche' des öftern darstellt... Wenn wir darunter aber verstehen möchten, die ganze Welt wäre zur 'Frucht des Geistes' gereift, dann wäre es allerdings eine wahre Freude!

Die Frucht des Geistes aber ist Liebe, Freude, Friede, Geduld, Freundlichkeit, Gütigkeit, Treue, Sanftmut, Enthaltsamkeit. (Gal 5,22)

Ich glaube nicht, dass die Frucht des Geistes religions-abhängig ist. Es wäre auch eine kulturelle und religiöse Verarmung, wäre die ganze Welt 'christlich'. Die Vielfalt an Kultur und Religion ist eine farbenreiche Facette der Menschheit, der Schöpfung, Gottes. Wo echte 'religio' gelebt wird, da ist 'Frucht des Geistes' zu finden. Wo Frucht des Geistes zu finden ist, da ist allen voran die Liebe zu finden, und:

Die Liebe ist aus Gott, und wer liebt, der ist aus Gott geboren und kennt Gott. (1.Joh 4,7)


Die einzig wirklich erfüllende Art zu leben

Der Bedeutungsgehalt von Visionen und Offenbarungen ist eine überaus heikle Angelegenheit. Es ist zudem bloss eine der möglichen Weisen, die Bibel von Anfang bis Ende als zeitlich linearen Ablauf zu lesen. Es ist durchaus auch möglich, sie als Gegenwartsgeschehen zu verstehen. Hier und jetzt habe ich die Wahl, vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse zu essen oder vom Baum des Lebens, beispielsweise. Hier und jetzt kann sich das neue Jerusalem in mein Herz senken und Gott selber mir Tempel und Licht sein, so dass ich keines steinernen Tempels und künstlichen Lichtes mehr bedarf. Hier und jetzt foltere und töte ich den Sohn Gottes in mir oder in meinem Nächsten. Hier und jetzt erlebe ich die Auferstehungskraft aus Sünde und Tod und die Auferstehung des Gottessohnes in meinem Dasein.

Ich bin kein Exoteriker. Mein Gottesverständnis und mein Weg zu Gott ist ein innerlicher, wie ihn die Mystiker verstanden haben, z.B. Meister Eckehart.

Ich wende die Aussagen der Bibel und anderer geistlicher Werke auf mein gegenwärtiges Leben an. Was mir zu mehr Gottesnähe, zu mehr Gotteserkenntnis, zu mehr Liebesfähigkeit - wie schon gesagt: zu mehr Geistesfrucht - verhilft, das ist wertvoll und gut. Wenn ich heute, hier und jetzt, mit Gott lebe, dann ist alles gut. Es mag kommen, was kommen will oder muss. Ich bin geborgen in Gott, das ist genug.

In dieser Sichtweise erlebe ich persönlich die Gegenwart Gottes in meinem Leben inniger und seine Wegweisungen sind mir so klarer und sprechen eindeutiger zu mir als im exoterischen und zeitlich-linearen Verständnis. Das bedeutet aber nicht, dass ich der anderen Sichtweise ihre Berechtigung absprechen würde. Gott spricht zu jedem Menschen so, wie er ihn verstehen kann.

Da ich von der Richtigkeit der Sichtweise und der Art wie ich die Bibel verstehe und mein spirituelles Leben praktiziere für mich überzeugt bin, habe ich mich entschieden, nun hierin auch transparenter, eben 'im Licht' zu sein:

Wer aber die Wahrheit tut, der kommt zum Licht, damit seine Werke offenbar werden, daß sie in Gott getan sind. (Joh 3,21)

Es ist definitiv nicht mein Problem, und ich habe auch nicht vor, es zu meinem zu machen, was religiöse Institutionen und Kirchen mit ihrem religiösen Verständnis tun oder lassen. Auch Verschwörungstheorien interessieren mich nicht. Meine Aufgabe ist es mein Leben 'im Geist und in der Wahrheit' zu leben. Und das tu' ich so, wie ich Gott verstehe, oder immerhin zu verstehen glaube.

Auf Gott und seine Liebe stösst man nur, wenn man sich nicht durch Gesülze vernebeln lässt - auch nicht durch das Gesülze der verschiedensten Verschwörungstheoretiker. Der Weg mit Gott ist ein schmaler Pfad, es heisst 'auf Messers Schneide zu gehen' und die mehrspurigen lärmenden Autobahnen achtsam zu kreuzen - was nicht ohne Risiko geht aber die einzig wirklich erfüllende Art zu leben bedeutet.


Spirituelle Reifegrade

Wie könnte man abstreiten, dass es unterschiedliche spirituelle - menschliche überhaupt - Reifegrade gäbe? Es gibt doch vom geistlich völlig dumpf (ungläubig, unwissend) bis zum geistlich überaus wachen (gläubigen, erkennenden) Menschen jedwelche Abstufung. Gerade Sundar Singh ist auch ein Beispiel eines spirituell reifen Menschen. Und wenn du die Bibel liest, siehst du durch das alte wie durch das neue Testament hinweg eine Vielzahl von Beispielen die die Tatsache dieses Reifeprozesses - dieser 'Stufenleiter' – belegen. In 1.Joh 2,12-14 beschreibt Johannes diesen geistlichen Reifeprozess mit folgenden Bildern: Er nennt

Kindlein, wem die Sünden vergeben sind um seines Namens willen;
Kinder, wer den Vater erkannt hat;
Jünglinge, wer den Bösen überwunden hat und in wem das Wort Gottes bleibt; und
Vater, wer den kennt, der von Anfang an ist.

Leider ist ein Grossteil der Christenheit nicht willens, diesen spirituellen Reife- und Läuterungsweg tatkräftig anzupacken und weiterzugehen. Es genügt nicht, beim Kreuz und der zugesprochenen Vergebung stehenzubleiben und an diesem Milchschoppen jahrein jahraus rumzunuckeln. Man sollte dann auch mal zur kräftigeren Nahrung übergehen, wie ja Paulus auch schon beklagte, und die eigene Herzensläuterung, die eigene Sündenüberwindung und die Überwindung des Bösen im eigenen Herzen wirklich angehen. Christliche Kleinkinder gibt es viele. Kinder, die ihren Vater kennen, auch einige. Jünglinge, die den Bösen überwunden haben sind schon relativ selten. Väter, die den kennen, der von Anfang an ist, sind so rar gesät wie überall auf der Welt und zu allen Zeiten der echten Weisen und Heiligen wenige sind:

Denn eng ist die Pforte und schmal der Weg, der zum Leben führt, und wenige sind, die ihn finden. (Mt 7,14)

Du sagst: „Mir genügt der bescheidene Glaube eines Sundar Singh, der alles enthält, was ich erwarte.“ Der bescheidene Glaube? Sundar Singh war ein tiefer Mystiker und hat den Bösen in sich radikal überwunden. Er war absolut Herr über seine schönen und über seine qualvollen Erlebnisse, nichts konnte seinen Glauben erschüttern. Das ist Reife, spirituelle und menschliche Reife. Natürlich war ihm das nicht aus seinem Ego-Ich möglich: Es war Christus in ihm, der Sohn Gottes, der dies möglich machte. Aber Sundar hat daran auch gearbeitet, er ist nicht beim Milchschoppen stehen geblieben, er hat sein Ich überwunden und das göttliche Ich Christi in sich realisiert.

Er muß wachsen, ich aber muß abnehmen. (Joh 3,30)

Das geschieht nicht von alleine, während ein Christ sich im weltlichen Wohlstand und Vergnügen suhlt. In einem schönen Buch von Helmut Hecker über Meister Eckehart schreibt Hecker (es geht dort um vier Glaubenshaltungen: Unglaube, Blindgläubigkeit, Tiefgläubigkeit und gläubiges Interesse):

Der Blindgläubige ernährt sich von Stroh (Anm: bezieht sich auf ein vorheriges Gleichnis, wir können in unserem Zusammenhang auch sagen: vom Milchschoppen), der Tiefgläubige lässt es beiseite und geht weiter seinen Weg, auf dem die grossen Heiligen immer schweigsamer mit Aussagen über Gott wurden, so wie schon weiland der Heilige Augustinus, der da sagte:

Was man von Gott spricht, das ist nicht wahr, und was man von ihm nicht spricht, das ist wahr.

Und in diesem Schweigen wird er einig mit den Tiefgläubigen anderer Religionen. Der tiefgläubige Moslem, Hindu, Jude oder Christ gleichen sich wie ein Ei dem anderen, während zwischen dem Blind- und dem Tiefgläubigen derselben Religion ein Unterschied besteht wie zwischen Tag und Nacht. Derart Tiefgläubige hat es immer, zu allen Zeiten und allerorten nur wenige gegeben:

Viele sind berufen, aber wenige sind auserwählt. (Mt 20,16)


Zeit und Ewigkeit

Das zeitlose Reich Gottes (oder auch Nirvana) ist da: Inwendig in uns und mitten unter uns. Aber auch die Hölle des Zeitlichen (oder Samsara) ist da.

Wenn die Rede ist vom Leben "in der Welt doch nicht von der Welt", dann ist die Frage, von was Leben wir oder woraufhin ausgerichtet leben wir? - was dassselbe ist, denn von unserem Lebensziel her beziehen wir unser Leben. Der Sinn, den wir ihm geben, gibt ihm den Sinn. Ist dieses Ziel, ist dieser Sinn ein zeitlicher, dann ist er vergänglich, dadurch schliesslich unbefriedigend und leidverursachend.

Ist der Lebenssinn, das Ziel jedoch zeitlos-ewig, eben das Reich Gottes wie es Jesus lehrte oder Nibbana, wie es Buddha lehrte, dann ist es unvergänglich und leidfrei. Man kann eben nur das nicht verlieren, was wirklich unverlierbar ist, und das ist nur das, was Ungeschaffen ist, denn alles Geschaffene ist vergänglich:

Dies aber sage ich, Brüder, daß Fleisch und Blut das Reich Gottes nicht erben können, auch die Vergänglichkeit nicht die Unvergänglichkeit erbt. (1.Kor 15,50)

Wenn wir unser Leben aus Vergänglichem beziehen und den Sinn im Vergänglichen suchen, werden wir enttäuscht. Wenn wir diese Ent-täuschung zulassen und die not-wendende Erkenntnis gewinnen, dann wenden wir uns ab vom Haften am Zeitlichen und erkennen, dass wir nur dann frei sind, wenn wir nichts mehr verlieren können und dass wir nur dann nichts mehr verlieren können, wenn wir uns an nichts mehr binden, was verloren gehen kann, an nichts Vergängliches eben. Deshalb lehrte Jesus ja sehr klar zu Beginn der Bergpredigt:

Trachtet aber zuerst nach dem Reiche Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch solches alles (Anm: alles eben, was wir für unser irdisch-zeitliches Leben an Irdisch-Zeitlichem benötigen) hinzugelegt werden. (Mt 6,33)

Und Paulus ermahnte:

Trachtet nach dem, was droben, nicht nach dem, was auf Erden ist. (Kol 3,2)

Interessanterweise ermöglicht erst diese Unabhängigkeit von der Welt, diese 'Weltüberwindung', ein echtes, Anteil nehmendes und mitfühlendes Leben in der Welt. Umso weniger ich mein Leben, meinen Lebenssinn von der Welt beziehe, umso mehr ich mein Leben vom Ewigen her und auf das Ewige hin lebe, desto mehr Leben gewinne ich und fliesst durch mich in die Welt. So leben wir in der Welt, doch nicht von der Welt.


Der mittlere Weg

Der Schlüssel liegt nicht im entweder/oder, sondern im sowohl-als-auch. C.G. Jung sprach von der Vereinigung der Gegensätze. Weltsucht ist kein heilsamer Weg. Weltflucht auch nicht. Der Buddha lehrte den 'Mittleren Weg'. Das ist der schmale Pfad, von dem auch die Bibel spricht. Sucht (Gier) und Flucht (Hass) sind breite Trampelpfade, um nicht zu sagen vielspurige Autobahnen. Der Weg des Herzens aber kreuzt sie. Als ein schmaler Pfad. Sehr gefährdet von beiden Extremen: der Sucht nach Welt und dem Hass auf die Welt. Alle drei Möglichkeiten finden sich in unserer eigenen Existenz. Wir dürfen frei wählen. Wobei diese Freiheit den bisherigen Konditionierungen unterworfen ist. Konditionierungen können aber auch erkannt und überwunden werden. Der Weg mit Herz - die Liebe - ist die Überwindung der Konditionierungen, ist die Vereinigung der Gegensätze, ist Weltüberwindung durch Weltzuwendung. Echte Weltzuwendung und echte menschliche Beziehungen sind umso reifer, je weniger sie von süchtiger Gier und zerstörerischem Hass geprägt sind. Was übrigens Religion, Theologie, Frömmigkeit betrifft, so findet sich auch in der Bibel der Hinweis auf den mittleren Weg:

Sei nicht zu fromm, und übertreib es nicht mit deiner Weisheit! Warum willst du dich selbst zugrunde richten? Sei aber auch nicht gewissenlos und unvernünftig! Warum willst du sterben, bevor deine Zeit gekommen ist? Es ist gut, wenn du ausgewogen bist und die Extreme meidest. Wer Gott gehorcht, der findet den richtigen Weg. (Prediger 7,16-18)


Gottes Land

Es blühen die Blumen und Sträucher in Pracht
Das Leben des Einen vertausendfacht
Es zwitschern die Vögel, es lacht ein Kind
Gott ist der Erde wohlgesinnt

Es ist das Gesicht des Friedens, der Freud'
Das uns lacht, hier und heut'
Vergeude nicht diesen Moment der Gnade
Er ist mehr als Maskerade

So lausche und seh' ich mit offenem Sinn
Was tief in mir drinnen ich selber bin
Gestalten erstehen, bestehen, vergeh'n
Ich habe in ihnen die Liebe geseh'n

Ob sie in mir oder dir verwehen
Nur als Liebender kann ich verstehen
Dass ihr Leben und ihr Tod
Dem Gott der Liebe ist zum Lob

Lob Gottes die Vergänglichkeit?
Der Weg zu ihm durch Lust und Leid?
Im Dunkel wohnt der Gott, das Licht
Doch suche du das Dunkel nicht

Inmitten aller Blütenpracht
Webt der Tod die Nacht mit Macht
Es wird vergeh'n was darf entsteh'n
Und wird kein zweites Mal besteh'n

So freu' dich heut' an Lebens Statt!
Dies' Lebenswasser macht dich satt!
Mitten im Sterben lebendigem Leben
Lebe du - IHM hingegeben!

Mit Herz und Verstand
Mit Kopf und mit Hand
Durchschreite die Wand
Ins Gottes-Land


Wo stehe ich?

Warum immer nach aussen schauen? Wo stehst Du selber? Bist Du nicht in der Lage, Deinen eigenen Stand zu prüfen, Dein eigenes Leben, Deine eigene Lebensweise? Der Buddha war kein Dogmatiker, genausowenig wie Jesus. Prüfen - 'richten' - wir uns selber. Unsere eigenen Gedanken, Worte und Taten. Darin ist Friede und Erlösung zu finden, nicht im Richten anderer und der 'Welt':

…denn wenn wir uns selbst richteten, würden wir nicht gerichtet werden. (1.Kor 11,31)


Durch das Leben

Wie habe ich Jahre-, ja, Jahrzehntelang mich gegen Gesellschaft, Staat, System gewehrt und die Verantwortung - 'Schuld' - für mein eigenes Leben nach 'Draussen' verschoben. Das Abschieben der Verantwortung aber ist es, was unfrei macht.

Wenn ich erkenne, wie gefangen und 'falsch' 'die Welt' ist, habe ich da nicht die Verantwortung, ihr die Verantwortung über mein Leben zu entziehen und mir in die eigenen Hände zu legen? Sie mögen ja vielleicht nicht 'besser' sein, als diejenigen 'der Welt', aber es sind meine. Meine Hände. Mein Herz. Mein Leben.

In lichten Momenten erkenne ich dann sogar die Nichtigkeit des 'Mein' und 'Dein' und die Einheit der Hände, der Herzen, der Leben. Und übernehme die volle Verantwortlichkeit für die Hand, das Herz, das Leben. Und dann glaube ich sogar zu erkennen und zu erleben, was Jesus meinte, als er äusserte: "Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben. Keiner kommt zum Vater ausser durch mich." Durch das Leben.


Der Werkplatz

'Gott' oder 'das Reich Gottes' ist das hohe Ziel, und es ist wert erreicht zu werden. Es wird aber nicht durch ein Lippenbekenntnis oder durch ein blosses, verstandesmässiges Für-wahr-halten erreicht. Es bedarf der vollständigen Hingabe nicht nur an den Glauben, sondern auch an das Werk. Und der Werkplatz ist nicht primär der andere Mensch, sondern mein eigenes Herz, mein eigenes Leben. Eine Bekehrung (oder ein 'Stromeintritt') ist zwar zweifellos ein wichtiger, aber dennoch bloss ein erster kleiner Schritt auf einem langen, oft anstrengenden, herausfordernden Weg, der gegangen werden will. Ein Weg, der nicht gegangen, sondern bloss geglaubt wird, ist kein Weg, ist ein Schemen, eine Illusion, leblos, kraftlos, tot.


Die Herzensverfassung

Das 'Reich Gottes' kann von Menschen niemals in der Welt gefunden noch auch dort 'gebaut' werden, da es eine Herzensverfassung ist, die der Mensch nur in sich selber finden und in sich selber weiterbilden kann:

Als er aber von den Pharisäern gefragt wurde, wann das Reich Gottes komme, antwortete er ihnen und sprach: Das Reich Gottes kommt nicht mit Aufsehen. Man wird nicht sagen: Siehe hier! oder: Siehe dort ist es! Denn siehe, das Reich Gottes ist inwendig in euch. (Lk 17,20-21)

Das 'Reich Gottes' ist inwendig im Menschen zu finden. Nicht in der Kirche, nicht im Tempel, nicht in der Synagoge, nicht in der Moschee, nicht oben auf dem Minarett, nicht in einem Buch weder in diesem noch in jenem, auch nicht wenn es 'heilig' benannt wird. Das 'Reich Gottes' ist das liebesfähige, das liebende menschliche Herz: es kann 'trainiert' werden bis zur Fähigkeit sogar den feindlich gesinnten Menschen zu lieben. Und dazu ruft uns Jesus Christus auf.


Das Unbedingte

Das 'Unbedingte' ist das, was über den Zeithorizont hinausgeht, das Zeitlose. Es ist eine Glaubensperspektive. Ich 'weiss' nicht, ob es das in letzter Konsequenz tatsächlich gibt. Und wenn es irgendwie zu 'verwirklichen', zu 'erreichen' ist, dann eben nur hier und jetzt, und zwar durch Annahme des Bedingten, des Bedingtseins. Aus meiner Sehnsucht nach dem Unbedingten strömt mir die Kraft zu, das Bedingte zu lieben. Oder anders gesagt: Aus meiner Liebe zu Gott fliesst mir die Liebe zu den Mitwesen und mir selber zu.

...ja, die Endlichkeit ist die Gefahr, denn nichts bedroht uns so sehr wie an ihr haften zu bleiben; aber an ebendiese Gefahr ist unsre Heilshoffnung geschmiedet, denn nur über die erfüllte Endlichkeit führt unsre menschliche Bahn zum Unendlichen. (Martin Buber)


Licht aus der ewigen Morgenröte

Kennst Du das schöne Büchlein "Licht aus der ewigen Morgenröte - Gedanken zur Geburt Jesu" von Rabindranath Tagore? Während vieler Jahre hielt Tagore, der Hindu, in seinem Ashram an Weihnachten eine Ansprache über Jesus. Sehr schöne und wahre Dinge hat er da gesagt, beispielsweise am 25.12.1910 in der Einleitung der Rede:

Lange Zeit verharrten wir ohne jedes Interesse für Jesus, die Grosse Seele. Wir haben uns geweigert, ihn in unser Herz aufzunehmen. Doch dafür sind wir nicht allein verantwortlich. Wir haben Christus kennen gelernt vor allem durch die christlichen Missionare. Und ihre Art, Christ zu sein, hat uns manchmal Christus verdeckt. Bis heute versuchen Christen, unsere religiösen Bräuche zu zerstören. Um uns zu verteidigen, sind wir gezwungen zu kämpfen. Doch wer kämpft, ist nicht weise in seinem Urteil. So haben wir in unserem erbitterten Kampf nicht nur die Christen getroffen, sondern Christus selbst. Doch die Grossen der Menschheit als Feinde zu behandeln ist wie Selbstmord...

Nun müssen wir wie aus einem Schlaf erwachen. Wir müssen erkennen, dass die Wahrheit an unsere Tür klopfte und wir ihr nicht geöffnet haben. Wir müssen zugeben, dass wir sie anhörten, aber nicht zu ihrem reinigenden Wasser gingen und ihr keine Gaben darbrachten. Doch lassen wir unsere Schuld nicht noch grösser werden! Seien wir nicht so überheblich, diese Sünde nicht anzuerkennen!

Schauen wir auf den, der gekommen ist auf dem Weg der Ewigkeit. Er hat uns eingeladen zu dieser Freiheit, und er ist uns geblieben. Verachten wir ihn nicht, schliessen wir ihn nicht aus! Seien wir nicht töricht, indem wir sagen: Du gehörst nicht zu unserer Religion! Machen wir uns frei von den falschen Bindungen des Hochmuts, und grüssen wir ihn mit gläubigem und demütigem Herzen: Du bist unser Alles, denn durch dich haben wir uns selbst gefunden.


Einheitserleben und Aktion

Alles ist, wie es ist, und als dieses geborgen in Gott. Aber das 'Böse' wird deswegen nicht 'gut'. In unserer Menschenwelt müssen wir den Mut haben das Gute als das Gute und das Böse als das Böse zu benennen. Das Böse ist was es ist und als das Böse geborgen in Gott. Das Böse ist aber deswegen nicht gut. Gott allein ist gut.

Die Einheitserfahrung ist nur die eine Ebene. Biblisch gesprochen: die Ebene des 'Glaubens' ('wissendes' Vertrauen). Aber wie Jakobus, der Bruder Jesu, deutlich feststellt: 

So ist es auch mit dem Glauben: Wenn er keine Werke hat, so ist er an und für sich tot. Da wird aber jemand sagen: Du hast Glauben, ich habe Werke. - Zeige mir deinen Glauben ohne die Werke; ich aber will dir aus meinen Werken den Glauben zeigen! (Jak 2,17-18)
Da seht ihr, daß der Mensch durch Werke gerechtfertigt wird und nicht durch den Glauben allein. (Jak 2,24)

Das Einheitserleben allein ist nur die halbe Wahrheit. Erst die aus ihm hervorsprudelnde 'Aktion', macht die so erfahrene Wahrheit zu einer lebendigen Kraft in der Welt. Thomas Merton schreibt:

Aktion und Kontemplation wachsen zu einer Einheit zusammen, zu zwei Seiten derselben Sache. Aktion ist die Liebe, die sich nach aussen wendet, an andere Menschen. Kontemplation ist Liebe, die es nach innen zieht, zu ihrem göttlichen Ursprung. Aktion ist der Strom, Kontemplation die Quelle.

Die Tendenz des Erleuchtungserlebens zu Tatenlosigkeit zeigte sich ja schon beim Buddha. Erst auf Auforderung Brahmas, vermochte er sich aus dem Erleuchtungserleben zu erheben und seine Lehre zur Leidbefreiung während eines 40 Jahre dauernden Wirkens der Menschheit zu verkünden. Die Erleuchtung ist sich selber in sich genug. Darin liegt eine Gefahr. Dieser Gefahr entrinnt der Mahayana-Buddhismus mit dem Bodhisattva-Ideal.


Auszug aus meiner spirituellen Autobiografie "Die Schwelle":




Zum obigen Thema siehe auch: