Kirche im Licht


Uodal's LP-Collection

Vor ein paar Wochen habe ich damit begonnen,
meine LP-Sammlung auf Youtube zu verewigen,
mit je einem Song pro LP von A bis Z,
letztendlich werden es insgesamt etwa 400 sein:

Uodal's LP-Collection

z.B.

         
   
 
 
 
 
 
 
 
 


Das freie Fliessen der Gefühle


"Gefühl ist alles!" (Goethe: 'Faust')



"Wirken und Erleben, anderes Reales gibt es nicht" (Buddha). Beide, das Wirken und das Erleben, finden im Geist statt, sind geistige Erscheinungen, aufscheinende geistige Phänomene. Was wir Wirken, ist unser Erleben. Was wir Erleben, ist unser Wirken.

Im Ausmass der Verschmutzung des Geistes durch die fünf Hindernisse Sinnenverlangen, Aversion, Lethargie, Rastlosigkeit und Zweifel wird unser Erleben von Frieden, Freiheit und Freundschaft behindert oder verunmöglicht. Im Ausmass der Befreiung des Geistes von diesen Hindernissen durch die Anwesenheit und Entfaltung der sieben Erwachensfaktoren ist das Erleben friedlich, frei fliessend und mit allen erlebten Erscheinungen in freundschaftlichem Kontakt. 

Das Nichtauftreten der fünf Hindernisse ist also eine direkte Folge des Anwesendseins der sieben Erwachensfaktoren. Durch das kontinuierliche SATIPATTHĀNA-Training (beginnend mit der Achtsamkeit auf das Ein- und Ausatmen) werden die sieben geistigen Faktoren Achtsamkeit, Wirklichkeitsergründung, Energie, Freude, Ruhe, Konzentration und Gleichmut erweckt und zu unerschütterlichen Faktoren des Erwachensprozesses gemacht. So sagte der Buddha:

Die Betrachtung über Ein- und Ausatmung, ihr Mönche, entfaltet und häufig gepflegt, bringt hohen Lohn und Segen. Die Betrachtung über Ein- und Ausatmung, ihr Mönche, entfaltet und häufig gepflegt, bringt die vier Grundlagen der Achtsamkeit (satipatthāna) zur Verwirklichung. Die vier Grundlagen der Achtsamkeit, entfaltet und häufig gepflegt, bringen die sieben Erleuchtungsglieder zur Verwirklichung. Die sieben Erleuchtungsglieder, entfaltet und häufig gepflegt, bringen die Weisheitserlösung zur Verwirklichung.

Die Weisheitserlösung ist charakterisiert durch die Realisation (die Verwirklichung des erkannten Erlebens) der vier edlen Wahrheiten. Ein Geist, der frei ist von den fünf Hindernissen und erfüllt von den sieben Erwachensfaktoren, kann jederzeit zur Befreiung durchdringen.

Nun aber, was habe ich hierzu zu tun? Nur dieses: Ein klares Erkennen und vorurteilsfreies, wirklichkeitsgemässes Benennen der unaufhörlich am Geisttor auftauchenden, sich verändernden  und wieder vergehenden Erscheinungen.

Das, worauf es bei SATIPATTHĀNA hauptsächlich ankommt, fasst der Mönch und SATIPATTHĀNA-Lehrer Analayo wie folgt zusammen:

„Erhalte ein ruhiges Erkennen der Veränderlichkeit aufrecht.“

Er schreibt weiter: „Derartige Betrachtung der Vergänglichkeit kann entweder zu einem Verstehen der Bedingtheit führen oder die Grundlage für das Verstehen der anderen beiden Merkmale bedingter Phänomene, dukkha (Unzulänglichkeit) und anatta (Ichlosigkeit), herstellen. Es ist dieses Wachsen der Einsicht in die unbefriedigende und leere Natur der bedingten Existenz, gegründet auf das unmittelbare Erfassen der Vergänglichkeit, auf das ich mich mit dem Begriff 'Veränderlichkeit' beziehen möchte.“

Für die tiefe Einsicht in die wahre Natur der Erscheinungen (des Erlebens) ist das Unterscheiden von Geist und Körper (von Name und Form oder Wort und Wirklichkeit) von grösster Wichtigkeit. 

Alles (eigene und fremde) Körperliche gelangt über die fünf Körpersinne zur Wahrnehmung, während alles Nichtkörperliche durch den Geistsinn wahrgenommen wird. Das Hüten der Sinnenpforten befähigt uns, so Frýba (gekürzt):  

…den Entstellungen des Wahrnehmens und den durch Begehren und Anhaften verursachten Stockungen des Gefühlstroms vorzubeugen. Mit dem Hüten der Sinnenpforten bezwecken wir ein Training der Sinnenwahrnehmung. Wir lernen zu unterscheiden, von welcher der sechs Sinnengrundlagen das jeweilige Erlebnis getragen wird. Wir trainieren die innere Meisterung der subjektiven Dingvielfalt in den sechs Kanälen, die den Kontakt zwischen den äusseren und inneren Grundlagen des Erlebens bedingen. Die Qualität des Kontakts – das heisst Diskrepanz, Störungsfreiheit, Einklang – wird als unangenehmes, neutrales oder angenehmes Gefühl erlebt, das ein Begehren der Triebe (Anm: Hindernisse) oder eine Absicht des emanzipatorischen Willens (Anm: Erwachensfaktoren) auslöst.

Wir richten also unsere Aufmerksamkeit auf den Verkehr an den Sinnenpforten und registrieren die Gefühlsqualität des Kontakts. SATIPATTHĀNA nimmt nicht Vorstellungen als Meditationsobjekte, sondern die Wirklichkeit des Körperlichen und die Prozesse seines Auffassens in ihrem Entstehen und Vergehen. Frýba weiter:

Wir hüten die Sinnenpforten (Anm: sowohl in methodischer Meditation als auch im Alltag) zu dem Zweck, die Prozesse (also nicht die Inhalte) der Wahrnehmung unter bewusste Kontrolle zu bringen und somit ihre Zuverlässigkeit zu erhalten. Was auch immer wir wahrnehmen – ob angenehm, neutral oder schmerzhaft, hässlich oder schön – müssen wir wahrhaft und gründlich auffassen, damit wir wirklichkeitsgemäss damit umgehen können.

Ich zitiere Nyanaponika aus Im Lichte des Dhamma:

"Gefühl ist alles!" lässt Goethe seinen 'Faust' sagen. Und wenn diese Worte auch ziemlich überschwänglich sind, so weisen sie doch auf die Tatsache hin, dass das Gefühl eine Schlüsselstellung im menschlichen Leben einnimmt. Ob sich die Menschen dessen ganz bewusst sind oder nicht: Sie verbringen ihr Leben hauptsächlich in dem nie endenden Bemühen, ihre angenehmen Gefühle zu vermehren und unangenehme Gefühle zu vermeiden. Alle menschlichen Wünsche und Bestrebungen dienen diesem Zweck, von den einfachen Freuden einer stumpfsinnigen Existenz bis zum Machttrieb des Mächtigen und der schöpferischen Freude des grossen Künstlers. Alles, was man sich wünscht, sind immer mehr angenehme Gefühle, weil sie emotionale Befriedigung, Glück genannt, mit sich bringen. Solches Glück kann verschiedene Stufen der Grobheit oder der Verfeinerung haben, und es kann sich zu höchster Intensität steigern. Diese Emotionen werden ihrerseits viele Willensakte und deren Manifestationen hervorrufen. Um dem "Lustprinzip" Genüge zu tun, sind viele heroische Taten vollbracht und noch viel mehr unheroische und skrupellose verübt worden. Um Mittel zur Erzeugung angenehmer Gefühle zur Verfügung zu stellen, sind Tausende von Branchen und Diensten entstanden, die Millionen Arbeiter beschäftigen. Technik und angewandte Wissenschaften dienen ebenfalls im grossen Umfang dem wachsenden Verlangen nach Sinnesfreuden und Bequemlichkeit. Indem sie fragwürdige Fluchtwege weisen, versuchen diese Lieferanten emotionalen und sinnlichen Glücks schmerzliche Gefühle wie Furcht und Angst zu zerstreuen.

Auf der Grundlage dieses kurzen Überblicks kann man schon jetzt die Bedeutung von Buddhas knapper Aussage, dass "alle Dinge in den Gefühlen zusammentreffen", richtig einschätzen. Diese zentrale Stellung des Gefühls lässt auch verständlich werden, dass falsche Voraussetzungen über die Gefühle zu den zwanzig Persönlichkeitsansichten gehören, bei denen die Gefühlsgruppe (vedana-kkhandha) auf verschiedene Weise mit einem angenommenen Selbst identifiziert wird. 

Doch ist das Gefühl an sich, in seiner ursprünglichen Erscheinung, völlig neutral, wenn es die Einwirkung eines Objektes als angenehm, unangenehm oder neutral registriert. Erst wenn emotionale und willentliche Ergänzungen zugelassen werden, entstehen Wunsch und Liebe, Abneigung und Hass, Angst, Furcht und verzerrende Anschauungen. Aber das muss nicht so sein. Diese Ergänzungen sind keine untrennbaren Bestandteile der jeweiligen Gefühle. Tatsächlich bleibt es bei vielen der schwächeren Eindrücke, die wir im Laufe des Tages aufnehmen, beim blossen Registrieren oder bei einem sehr schwachen und kurzen Gefühl, ohne dass weitere emotionale Reaktionen auftreten. Dies zeigt, dass ein Anhalten beim reinen Gefühl psychologisch möglich ist und dass dies mit Hilfe der Achtsamkeit und der Selbstbeherrschung absichtlich bewirkt werden kann, selbst wenn der Reiz, Gefühle in Emotionen umzuwandeln, stark ist. Aufgrund konkreter Erfahrungen kann deshalb festgestellt werden, dass das sich immer drehende Rad der Bedingten Entstehung (paticca-samuppada) am Gefühlspunkt angehalten werden kann und keine unabänderliche Notwendigkeit besteht, dass dem Gefühl das Begehren folgt.

Hier begegnen wir dem Gefühl als einem Schlüsselfaktor auf dem Pfad der Befreiung, und deshalb ist die Betrachtung des Gefühls in der buddhistischen Tradition immer als eine wirksame Hilfe auf diesem Pfad sehr geschätzt worden.

Die Betrachtung des Gefühls ist eine der vier Grundlagen der Achtsamkeit (satipatthana), und sie kann im Rahmen dieser Meditationspraxis mit dem Ziel ausgeübt werden, die Einsicht (vipassana) wachsen zu lassen. Es ist jedoch wichtig, dass man sich an diese Betrachtung auch im täglichen Leben erinnern und sie anwenden sollte, und zwar immer dann, wenn Gefühle dazu neigen, sich in unheilsame Emotionen zu verwandeln. Natürlich sollte man nicht versuchen, absichtlich in sich selbst Gefühle hervorzurufen, nur um die Gefühlsbetrachtung vornehmen zu können; vielmehr sollten sie zur achtsamen Betrachtung nur herangezogen werden, wenn sie auftreten. Es wird viele solcher Gelegenheiten geben, vorausgesetzt, der Geist ist scharf und ruhig genug, um die Gefühle in ihrem Anfangsstadium klar zu erkennen.

Bei der Betrachtung der Gefühle sollte zunächst eine achtsame Klarbewusstheit der Gefühle bei ihrem Entstehen vorhanden sein, und man sollte sie deutlich als angenehm, unangenehm (schmerzhaft) oder neutral unterscheiden. So etwas wie "gemischte Gefühle" gibt es nicht.

Die Achtsamkeit sollte während der kurzen Dauer dieses bestimmten Gefühls bis zu seinem Vergehen beibehalten werden. Wird der Punkt, an dem Gefühle vergehen, wiederholt mit zunehmender Klarheit erkannt, so wird es viel leichter sein, die Emotionen, Gedanken und Willensregungen aufzugreifen und schliesslich zu stoppen, die normalerweise so rasch den Gefühlen folgen, mit denen sie oft durch Gewöhnung verbunden sind.

Angenehmes Gefühl ist gewohnheitsmässig mit Freude und Begehren verbunden, unangenehmes Gefühl mit Abneigung, neutrales Gefühl bewirkt Langeweile und Unklarheit, bildet aber gleichzeitig den Hintergrund für falsche Anschauungen. Wenn jedoch die reine Aufmerksamkeit auf das Entstehen und Vergehen der Gefühle gerichtet wird, dann werden diese verunreinigenden Zusätze ferngehalten; wenn sie aber doch in Erscheinung getreten sind, dann werden sie sofort in ihrer wahren Natur erkannt, und oft reicht diese Erkenntnis schon aus, um sie daran zu hindern, nur deshalb weiter anzuwachsen, weil ihnen kein Widerstand entgegengesetzt wird.

Wenn man die Gefühle in ihrem blasenähnlichen Aufblähen und Zerplatzen sieht, dann wird ihre Verbindung mit dem Begehren oder der Abneigung mehr und mehr geschwächt, bis schliesslich die Fessel endgültig zerrissen ist. Durch diese Praxis wird das Anhaften an Erwünschtem und Unerwünschtem vermindert werden, und dadurch wird ein innerer Raum geschaffen, in welchem die feineren Emotionen und Tugenden zunehmen können, nämlich Güte und Mitleid, Zufriedenheit, Geduld und Nachsicht. 

Bei dieser Betrachtung ist es von besonderer Bedeutung, die Gefühle auch von den schwächsten "Ich"- oder "Mein"-Gedanken zu trennen. Es sollte keinen Ego-Bezug geben, indem man zum Beispiel denkt: "Ich fühle (also bin ich)." Auch sollte es keinen Gedanken geben, man sei der Eigentümer dieser Gefühle, indem man sich sagt: "Ich habe angenehme Gefühle. Wie glücklich bin ich!" Mit dem Gedanken: "Ich möchte mehr von ihnen haben!" entsteht Begehren. Wenn man sich aber sagt: "Ich habe Schmerzen. Wie unglücklich bin ich!" und dabei wünscht, die Schmerzen loszuwerden, dann entsteht Abneigung.

Diese falschen und unrealistischen Anschauungen vermeidend, sollte man sich der Gefühle als eines bedingten und vergänglichen Prozesses bewusst sein. Die Achtsamkeit sollte beibehalten werden, und sie sollte auf die blosse Tatsache gerichtet sein, dass dort nur die geistige Funktion eines Soundso-Gefühls ist, und diese Bewusstheit sollte keinem anderen Zweck dienen als dem des Wissens und der Achtsamkeit, so wie es im Satipatthana-Sutta dargestellt ist. Solange man gewohnheitsmässig die Gefühle mit einer Person in Verbindung bringt, die sie "hat", und dies auch während der Meditation tut, solange wird es keinerlei Fortschritt bei dieser Betrachtung geben.

Sich der Gefühle ohne Ego-Bezug bewusst zu sein, wird auch dazu beitragen, sie sowohl klar von den physischen Reizen zu unterscheiden, die sie hervorgerufen haben, als auch von den auf sie bezogenen nachfolgenden geistigen Reaktionen. Dadurch wird der Meditierende imstande sein, seine Aufmerksamkeit ausschliesslich auf die Gefühle gerichtet zu halten, ohne in andere Bereiche abzuschweifen. Dies ist der Sinn der Formulierung: "Er betrachtet die Gefühle in den Gefühlen", wie es im Satipatthana-Sutta heisst. Auf dieser Übungsstufe wird der Meditierende vertrauter werden mit dem Klarblickswissen des "Erkennens von Geistigkeit und Körperlichkeit" (nama-rupa-pariccheda).

Weiterer Fortschritt erfordert jedoch Beharrlichkeit bei der achtsamen Beobachtung des Entstehens und Vergehens jedes Augenblicks des Fühlens, wann immer es auch in Erscheinung tritt. Dies wird zu einer vertieften Erfahrung der Unbeständigkeit (anicca) führen, was eines der Haupttore zur endgültigen Befreiung ist. Wenn während der Klarblicksmeditation (vipassana) der Augenblick des Verschwindens der Gefühle stärker hervortritt, wird sich die unbeständige Natur der Gefühle selbst sehr tief in den Geist des Meditierenden einprägen. Diese Erfahrung, die auch aus anderen geistigen und körperlichen Prozessen gewonnen werden kann, wird sich langsam zum Einsichtswissen der Auflösung (bhanga-nana) entwickeln. Wenn der Meditierende diese Stufe erreicht, wird er auf der Strasse zu weiterem Fortschritt vorankommen.

Im Rahmen der Klarblicksmeditationspraxis kann die Betrachtung der Gefühle ihre ganze Kraft als ein wirksames Mittel entfalten, um die Leidenskette an ihrem schwächsten Glied zu zerbrechen. Aber aus dieser Betrachtung können auch beträchtliche Vorteile von denen gewonnen werden, die in ihrem täglichen Leben ihren Gefühlen und Emotionen nur einige ruhige Reflexionen widmen, selbst wenn dies im Rückblick geschieht. Sie werden nämlich bald feststellen, dass Gefühle und Emotionen "trennbar" sind. Selbst diese reflektierende und rückwärtsschauende Betrachtung kann ihnen zu einer grösseren Bewusstheit der Gefühle und Emotionen in den Augenblicken verhelfen, wenn sie gerade auftreten. Dies wiederum kann sie davor bewahren, von emotionalen Querströmungen der Hochstimmung und der Niedergeschlagenheit fortgerissen zu werden. Der Geist wird dann allmählich höhere Ebenen der Standhaftigkeit und Ausgeglichenheit erreichen, und zwar durch den einfachen Vorgang des Schauens oder des Zurückschauens auf die eigenen Gefühle und Emotionen.

Dies jedoch sollte nicht und braucht nicht zu einer ständigen Übung gemacht zu werden, vielmehr sollte es bei passenden Gelegenheiten und für einen begrenzten Zeitraum geschehen, bis einem der Mechanismus der Gefühle, denen die Emotionen folgen, vertraut geworden ist. Ein solches Verständnis des Prozesses wird eine zunehmende Kontrolle über die eigenen emotionalen Reaktionen zur Folge haben, und dies wird auf natürliche, spontane Weise geschehen. Man braucht keine Angst davor zu haben, dass die Konzentration des Geistes auf die Gefühle und Emotionen in der Art, wie es hier beschrieben worden ist, zu kühler Unnahbarkeit oder emotionalem Rückzug führen wird. Im Gegenteil: Geist und Herz werden sich weiter öffnen für die feineren Emotionen, von denen zuvor schon die Rede war. Weder werden warme menschliche Beziehungen ausgeschlossen sein noch die Freude an der Schönheit von Kunst und Natur. Stattdessen wird das Fieber des Anhaftens beseitigt werden, so dass diese Erfahrungen eine tiefere Befriedigung bringen werden, soweit diese Dukkha-Welt das zulässt. 

In einem Leben, das auf diese Weise gelebt wird, mag der Wunsch heranreifen, die Betrachtung der Gefühle für das höchste Ziel einzusetzen: für die endgültige Befreiung des Geistes vom Leiden.

Vorgehen: 
Beim Wahrnehmungsprozess innehalten. Das Erleben mittels Zuordnung zu den Sinnentoren auffassen. Prüfen, ob die Tendenz besteht, dass sich eines der fünf Hindernisse mit dem Erleben verbindet. Das weise Auffassen mit Nachdruck fortsetzen und hiermit die Machtstellung der Achtsamkeit und der weiteren sechs Erwachensfaktoren als Hüter der Sinnenpforten behaupten.

Körperliche Wirklichkeitsverankerung

 

Körperliche Wirklichkeitsverankerung



Mirko Frýba nennt das Ergebnis der dem Körper zugewandten Achtsamkeit die körperliche Wirklichkeitsverankerung. Er schreibt, dass das unmittelbar körperlich Erlebte den zuverlässigsten Wirklichkeitsbezug darstelle und dass die Körperachtsamkeit uns den Schlüssel zur körperlichen Wirklichkeitsverankerung gebe. Er sagt weiter:

Diese Übungen rüsten uns mit Fertigkeiten aus, die uns in jeder Alltagssituation befähigen, eine sichere Verankerung in der gegenwärtig vorhandenen Lage zu gewinnen und aus dieser Verankerung heraus realistisch und wirksam zu handeln.

Die Strategien der Wirklichkeitsverankerung befassen sich mit Merken, Fühlen und Erleben. Sie sind keine eigentlichen Handlungsstrategien, die sich mit dem Ausführen von Tätigkeiten und dem Behandeln von Gegenständen befassen, sondern vielmehr Wahrnehmungsstrategien, die das Erleben in seiner Wahrhaftigkeit und Glücksfähigkeit stärken sollen. Zweck der Übungen ist es, unser Denken, Sprechen und Handeln im Alltag kompetent zu nutzen. Dabei ist es wichtig, was wir nutzen und wie wir es nutzen. Das wahre Sprechen, wahre Denken und wissensklare Handeln kann besser genutzt werden, als jenes ohne Wirklichkeitsverankerung.

Unsere sprachlich zerstückelte Wirklichkeit wird im körperlichen Erleben wieder zu einem Kontinuum, wenn wir das Körperbewusstsein kultivieren. Darin gründet die grosse Chance der körperorientierten Psychotherapien und Meditationsmethoden. Indem sie das Erleben organisch gliedern und zusammenfügen, ermöglichen sie auch eine Umstrukturierung und Neugestaltung der Welt. Je achtsamer das Körpererleben fliesst, desto differenzierter und gebundener ist das Kontinuum, der lückenlose Zusammenhang der Wirklichkeit.

Die ernsthafte Beachtung des Körperlichen und Körpergebundenen bringt also auf dem Weg zur Emanzipation und zum Glück vielerlei Vorteile. Diese werden uns direkt erkennbar, sobald wir einige konkrete Techniken der Körperachtsamkeit ausüben.

So paradox es vielleicht klingt, die Intelligenz des Körpers hat einen durch nichts anderes zu ersetzenden Wert für die Emanzipation des Geistes.

Wir richten also unsere Achtsamkeit auf das Körperliche, das heisst, auf das, was uns über die fünf Körpersinne (Seh-, Hör-, Geruchs, Geschmacks- und Tastsinn) erlebbar ist. 

Mit diesem Körpererleben verbundene oder darauf bezogene Gefühle, Emotionen und Gedanken registrieren und erkennen wir als das was sie sind: ein Gefühl, eine Emotion (Willensregung), ein Gedanke, lassen sie los und wenden uns wieder dem, das Gefühl, die Willensregung, den Gedanken ausgelöst habenden, körperlichen Erleben zu. 

Je achtsamer und klarbewusster wir das Körperliche wahrnehmen, desto mehr Einsicht erhalten wir in die mit dem Körpererleben verbundenen geistigen Prozesse. 

Im Geistestraining durch Achtsamkeit schreibt Nyanaponika:

Wie aus dem Übungsprogramm ersichtlich ist, sind die Haupt- und Ausgangsobjekte der Übung sämtlich körperlicher Art und bleiben es auch während des ganzen Übungsverlaufs. Die drei anderen im Satipatthana-Sutta genannten Betrachtungen geistiger Art - Gefühle, Bewusstseinszustand, Bewusstseinsinhalte - werden nicht in systematischer Weise als gesonderte Objekte aufgenommen, sondern nur dann, wenn sie sich der Achtsamkeit darbieten: sei es im Zusammenhang mit dem Hauptobjekt, den sekundären Objekten oder der allgemeinen Achtsamkeit. Zum Beispiel: Schmerzgefühl durch langes Sitzen, Freudegefühl bei erfolgreicher Übung; Ärger über eine Unterbrechung; zerstreuter Geisteszustand; Auftreten der fünf Hemmungen oder der sieben Erleuchtungsglieder usw. In dieser Weise werden auch die drei Betrachtungen des Geistigen in die Übung einbezogen.

Geisteszustände als separate Objekte der Klarblickerkenntnis zu nehmen, verspricht den Meditationsmeistern zufolge nur dann Erfolg, wenn der Geist des Meditierenden durch Erreichung der Vertiefungen verfeinert und gefestigt wurde. Doch wenn Bewusstseinszustände in engem Zusammenhang mit einem körperlichen Vorgang auftreten, wird es weniger schwierig sein, ihre subtile Natur mit Achtsamkeit und Wissensklarheit zu erfassen; und dafür wird sich während der Übung sehr viel Gelegenheit bieten.

Dieser Nachdruck auf die Körperbetrachtung findet Unterstützung in den Lehrreden des Buddha und auch in den in der alten Kommentarliteratur niedergelegten Übungsanweisungen für die Klarblicks-Meditation. Vom Erhabenen wurde gesagt:

„Wer, ihr Mönche, die auf den Körper gerichtete Achtsamkeit häufig entfaltet und geübt hat, einbegriffen sind darin für ihn alle heilsamen Dinge, die zur Weisheit führen.“

„Wenn der Körper (meditativ) unbemeistert ist, so ist auch der Geist unbemeistert.“

Im ‚Weg zur Reinheit’ heißt es: 

"Wenn man nun nach Erfassung des Körperlichen die geistigen Vorgänge aufnimmt, diese aber wegen ihrer Subtilität nicht deutlich werden, so soll man nicht etwa die Übung im Stiche lassen, sondern soll dann immer wieder bloß das Körperliche betrachten, erwägen, erforschen und feststellen. Wenn sich ihm dann das Körperliche ganz deutlich, unverwirrt und klar darstellt, so werden die geistigen Vorgänge, die jene körperlichen Dinge zum Objekt haben, von selber klar werden.

Da geistige Vorgänge nur für den klar werden, der das Körperliche mit voller Deutlichkeit erfasst hat, soll man jede Bemühung um die Erfassung des Geistigen nur durch ein gründliches Erfassen des Körperlichen unternehmen, nicht anderswie. Wenn man so vorgeht, wird die Übung des Meditationsobjektes zu Wachstum, Gedeihen und Reife kommen."

Wenn der Geist in Gefühle, Emotionen und Gedanken abschweift benennen wir „Gefühl“, „Emotion“, „Gedanke“ oder auch, als zusammenfassende Benennung aller geistigen Prozesse, einfach nur „Geist“ und führen die Achtsamkeit zurück zum Körpererleben, zu dem, was wir sehen, hören, riechen, schmecken und tasten.

Was das körperliche Erleben betrifft, so ist mit dem Benennen ebenfalls nur ein Benennen der konkreten Sinneserfahrung gemeint. Es geht also darum, beim Sehen nur einfach sich des Sehobjektes bewusst zu sein, beim Hören des Tons, usw., ohne die Sinnenobjekte näher zu bezeichnen.

Wir empfinden zum Beispiel in der Sitzmeditation den Kontakt zwischen dem Gesäss und der Unterlage. Dieser Kontakt wird durch den Tastsinn übermittelt, wir benennen also „Tasten“. Das Wie des Tastens ist bereits das Gefühl. Wie sich der Kontakt zwischen dem Tastsinn und der Unterlage anfühlt (angenehm, unangenehm oder neutral), welche Emotion damit verbunden ist (beispielsweise die Willensregung, das Sitzen abzubrechen, wenn der Sinnenkontakt als unangenehm oder schmerzhaft empfunden wird), und die Gedanken, die sich daran anknüpfen (zum Beispiel: „Mein Bein ist eingeschlafen, das ist gefährlich“) benennen wir wie oben erklärt kurz als das, was sie sind oder einfach als „Geist“ und kehren zum Tastkontakt zurück indem wir „Tasten“, „Tasten“ „Tasten“ benennen.

Soviel zur allgemeinen Achtsamkeit hier und jetzt. In der formalen Meditation im Sitzen und im Auf- und Abgehen vertiefen wir nun die Einspitzigkeit des Geistes indem wir die Achtsamkeit voll auf ein Objekt fokussieren, das heisst: auf das Ein- und Ausatmen bei der Sitzmeditation und auf das Heben, Tragen und Absetzen der Füsse bei der Gehmeditation.


Meditation der Achtsamkeit auf den Atem

Nachdem wir uns zur Meditation hingesetzt haben, wenden uns dem Atem zu. Wir versuchen, uns des kontinuierlichen Atemflusses gewahr zu sein. Eine der schönsten Beschreibungen der Atem-Meditation stammt von Steven und Ondrea Levine in ihrem Buch In Liebe umarmen – der spirituelle Wegweiser für Liebende. Diese Anleitung zitiere ich hier:

Richte deine Aufmerksamkeit auf diesen Körper, in dem du sitzt. Führe das Gewahrsein auf die Ebene körperlicher Empfindung. Fühle, wie dieser Körper vor Empfindung vibriert. Einzelne Empfindungen stehen im Vordergrund. Da ist das Gefühl der Schwerkraft, die den Körper nach unten zieht, das Druckgefühl im Gesäss oder das Gefühl der Füsse, die zu Boden gezogen werden. Druck. Empfindung.

Den Atem spürt man im Körper. Die Brust dehnt sich bei jedem Einatmen aus – Empfindungen entstehen. Und bei jedem Ausatmen zieht sich die Brust zusammen.

Empfindungen steigen auf. Auch im Bauch – jeder Atemzug weitet und verengt ihn wieder. Mit jedem Einatmen hebt sich der Bauch. Empfindungen des Streckens oder Sich-Füllens. Mit jedem Ausatmen senkt sich der Bauch. Empfindungen des Sich-Leerens oder Loslassens. Der Bauch hebt und senkt sich. Empfindungen des Atems im Körper.

Jeder Atemzug ist voller Empfindungen. Von Moment zu Moment verändert sich ihr Strom, der jedes Einatmen, jedes Ausatmen begleitet. Das Gewahrsein zentriert sich im Bauch und erfährt Augenblick für Augenblick die Empfindung jedes einzelnen Atemzuges. Konstantes Gewahrsein, konstante Empfindungen im Bauch – während er sich füllt und während er sich leert.

Achtsames Atmen. Achtsames Atmen. Wenn der Geist von der Empfindung abschweift, dann führe ihn sanft zurück zur konstanten Ausbreitung des Empfindens – in jedem Einatmen, in jedem Ausatmen.

Entspanne den Bauch, um den Atem vollständig wahrzunehmen. Kontrolliere den Atem nicht. Erlebe ihn einfach als Empfindung im weichen Bauch. Entspanne den Bauch und erfahre in dieser Weichheit das Leben als Empfindung.

Wenn Gedanken erscheinen, dann lass sie kommen. Und lass sie gehen. Nur Seifenblasen, die in der Sanftheit schweben. Führe immer wieder das Gewahrsein zu den Empfindungen zurück, die jedes Einatmen, jedes Ausatmen begleiten.

Auch Erwartung kann den Bauch verhärten, kann den Gedanken und Empfindungen die Freiheit nehmen, einfach im Gewahrsein schweben zu können.

Angst. Stolz. Wut. Zweifel. Zustände des Geistes entstehen und vergehen in der unendlichen Sanftheit eines weiträumigen Gewahrseins. Kehre aufmerksam zu den Empfindungen zurück, die den Atem begleiten, und registriere einfach, was sonst erscheint – ohne es festzuhalten. Lass es kommen. Lass es gehen.

Lass los. Kehre immer wieder zu den Empfindungen zurück, die jeden Atemzug begleiten. Halte nichts fest. Sei nur der Atem, der sich selbst im weichen Bauche atmet. Löse dich von allem, was erscheint. Entspanne den Bauch, kehre zum Atem zurück.

Entspanne den Bauch. Kehre zum Atem zurück. Achte genau auf den Beginn jedes Einatmens. Achte auf die folgende Pause, auf den genauen Beginn jedes Ausatmens wie auch auf sein Ende.

Achte auf den Moment, wo der Atem zu ruhen scheint und wieder einzuströmen beginnt. Achte auf den Zeitpunkt, wo das Ausatmen endet und das Einatmen beginnt.

Gewahrsein und Empfindung verbinden sich von Moment zu Moment im weichen Bauch. Der Atem atmet sich selbst. Lass ihn kommen. Und lass ihn im Gewahrsein gehen.

Wenn die Aufmerksamkeit in Gedanken, Erinnerungen, Gefühle oder Träumereien abgleitet, dann beobachte ihr Kommen – und beobachte ihr Gehen. Kehre dann ohne die geringste Bewertung sanft zu den Empfindungen des Atems zurück.

Wenn der Geist abschweift, dann registriere einfach dieses Denken, Fühlen, Sich-Erinnern, welches das Gewahrsein von der Empfindung des Atems abgelenkt hat. Kehre zuerst zum weichen Bauch und dann zu den Empfindungen zurück, die bei jedem Einatmen, bei jedem Ausatmen entstehen.

Achte genau auf den Beginn, die Mitte und das Ende jedes Einatmens. Beachte die entstehende Pause. Registriere den Anfang, die Mitte und das Ende jedes Ausatmens. Empfindungen schweben im weichen Bauch.

Bleibe präsent. Sei nachsichtig, wenn der Geist schon nach zwei oder drei Atemzügen umherzuschweifen beginnt. Führe ihn zum Gewahrsein der Empfindungen im weichen Bauch zurück.

Langeweile, Erwartung, Phantasien – alles kommt und geht. Gefühle und Gedanken erscheinen unaufgefordert. Registriere einfach Bewegung, Veränderung. Und kehre zum Atem zurück.

Konstante Empfindung. Konstantes Gewahrsein. Das Einsetzen, die Mitte und das Ende jedes Einatmens, die entstehende Pause. Der Beginn, die Mitte und das Ende jedes Ausatmens – und der Moment, wenn sich der ausströmende Atem in den einströmenden Atem verwandelt. Äusserst präzise Aufmerksamkeit auf immer feinere Empfindungen, die mit den Atemzügen erscheinen.

Achtsames Atmen. Der Bauch hebt sich. Der Bauch senkt sich. Empfindungen erscheinen im klaren Gewahrsein. Der Atem atmet sich selbst im weichen Bauch.

Jeder Atemzug ist kostbar, ist erfüllt vom wechselnden Strom der Empfindung. Wenn der Geist abschweift, dann führe ihn zum weichen Bauch zurück und zentriere dich in den Empfindungen, die in diesem Bauch schweben. Konstante Empfindung – konstantes Gewahrsein.

Lass deine Aufmerksamkeit nun zum gesamten Körper zurückkehren. Dehne die Aufmerksamkeit aus, bis sie nicht nur den Bauch, sondern alle Empfindungen dieses Körpers umfasst, in dem du bist. Spüre das Atmen, das Sitzen, das Sein dieses ganzen Körpers, in dem du bist. Konstantes Gewahrsein des konstanten Seins im Körper. Der Atem kommt und geht, Empfindungen erscheinen ganz von selbst in klarem Gewahrsein.

Achtsamkeit ruht im Sein.

Öffne nun sanft die Augen. Achtsam gegenüber dem Sehen, dem Fühlen, dem Hören, dem Schmecken, dem Berühren, dem Denken. Achtsam gegenüber dem Sein.

Konstantes Gewahrsein. Konstante Lebendigkeit. Achtsames Sein. Achtsames Atmen.


Meditation im Auf- und Abgehen

Unsere eineinhalbstündigen Meditationszeiten bestehen aus zwei halbstündigen Sitzmeditationen, unterbrochen von einer halbstündigen Gehmeditation. In der Gehmeditation nehmen das Heben, Tragen und Aufsetzen der Füsse denselben Raum ein, den in der Sitzmeditation Anfang, Mitte und Ende des Ein- und des Ausatmens einnehmen. Wir halten also beim Wechsel vom Sitzen zum Gehen die Konzentration aufrecht, nur dass wir sie vom Atem auf das Gehen verlegen.

Zur Gehmeditation schreibt Nyanaponika:

Das achtsame Auf- und Abgehen ist eine sehr förderliche selbständige Übung, die zur sekundären Objektgruppe gehört. Zum Strecken steif gewordener Glieder, sowie bei Anlässen für schnelleres Gehen oder bei einer längeren Wegstrecke genügt es, wenn man auf den einzelnen Schritt mit der Feststellung ‚links, rechts’ achtet. Die meditative Gehübung jedoch erfordert ein verlangsamtes Gehen mit der Feststellung von zumindest zwei Phasen des einzelnen Schrittes: 1. Heben des Fußes, 2. Aufsetzen. Dem füge man später als Zwischenphase hinzu das Vorwärtstragen des Fußes zum neuen Standort; oder man beginne gleich mit den drei Phasen. In kurzen Begleitworten (später fortzulassen) mag man dies wie folgt formulieren:

A. 1. Heben, 2. Setzen;
B. 1. Heben, 2. Tragen, 3. Setzen.

Die drei Phasen sind vorzuziehen, da sie eine geschlossene Achtsamkeitsfolge während des einzelnen Schrittes erleichtern, während zwischen A. 1. und A. 2. leicht eine Achtsamkeitslücke entstehen kann. Beim Umkehren achte man auf die stehende Haltung und die Beinbewegung. Widmet man dem Gehen eine längere Zeit, so ist eine nicht allzu kurze Gehstrecke vorzuziehen (z.B. ein Korridor oder zwei angrenzende Zimmer), um die Unterbrechung durch das Umwenden zu reduzieren.

Obwohl man im Allgemeinen eine bessere Konzentration im Sitzen erzielen wird, so kann doch auch das Auf- und Abgehen eine wertvolle Quelle von Klarblickserkenntnissen sein. Man möge daher der Gehübung einen beträchtlichen Teil des Übungstages widmen und mit dem Sitzen regelmäßig abwechseln.

Beim Wechsel zurück zur Sitzmeditation halten wir die Konzentration aufrecht und führen sie zum Atem.

Hindernisse und Faktoren des Erwachens


Meditation ist ein überaus weitreichender Begriff, der heute auf alles Mögliche angewandt wird. Meditation im Verständnis des buddhistischen achtfachen Pfades der Leidbefreiung beinhaltet die drei Pfadfaktoren Rechte Anstrengung, Rechte Achtsamkeit und Rechte Sammlung. Achtsamkeit und Sammlung sind Bereiche, die allgegenwärtig besprochen und praktiziert werden, was sich von der Anstrengung nicht unbedingt sagen lässt, diese wird häufig wenig oder gar nicht beachtet, deshalb gehe ich an dieser Stelle auf diesen Aspekt der Meditation ein:


Rechte Anstrengung


Rechte Anstrengung ist definiert als die vier rechten Anstrengungen oder auch die vier rechten Kämpfe, diese sind:

Vermeiden
Überwinden
Entfalten
Erhalten 

Das Grundprinzip für rechtes Leben und gesundes Erleben bleibt stets die Verankerung in der körperlichen Wirklichkeit hier und jetzt. Das gilt im Rahmen der methodischen sitzenden Meditation genauso wie in jedem Alltagserleben. Eine Flucht aus der tatsächlich erlebten körperlichen Wirklichkeit in Interpretationen dieses Erlebens und in Rechtfertigungen des reaktiven Handelns darauf wird mich nur weiter entfernen von einer freudvollen, glücklichen Seinsweise.

Unser Alltagsleben hat einen grossen Einfluss auf unser seelisches und geistiges Erleben. Nehmen wir als Beispiel des Entfaltens rechter Anstrengung den Lebenserwerb: Ein Lebenserwerb der uns befriedigt und unserer Natur und unseren Fähigkeiten entspricht ist eine grundlegende Bedingung körperlicher Wirklichkeitsverankerung.

Erkenne ich also, dass meine Arbeit mir keine Befriedigung schenkt oder dass ich gar von einem schlechten Gewissen durch die Ausführung dieser Tätigkeit geplagt bin, dann habe ich die Anstrengung aufzubringen diese Tätigkeit aufzugeben, was die Anstrengung zur Überwindung erfordert.

Will ich nun nicht vom Regen in die Traufe geraten, dann habe ich bei meiner Stellensuche zum vorneherein darauf zu achten, dass ich nicht eine Arbeit annehme, die mich wieder in ähnliche Konflikte führen wird, was der Anstrengung zur Vermeidung bedarf.

Will ich eine Arbeit finden, die mir Befriedigung schenkt und die meinen Fähigkeiten und Interessen entspricht, dann bedingt dies die Anstrengung zur Entfaltung.

Und schliesslich, wenn ich diese Arbeit gefunden habe, ist die Anstrengung zur Erhaltung notwendig, damit ich diese Stelle nicht wieder verliere – was vor allem eines erfordert: Das Aufrechterhalten freudigen Interesses an der Tätigkeit.

Das freudige Interesse bleibt solange erhalten, als ich mich mit Achtsamkeit, Sammlung und Hingabe der Tätigkeit widme. Lasse ich Unachtsamkeit, Zerstreutheit und Lieblosigkeit bei der Ausübung meines Berufes zu, werde ich in Freudlosigkeit und entsprechende an diese anknüpfende Emotionen und schliesslich in ärgerliche und verurteilende Worte und Taten abgleiten.

Körperliche Wirklichkeitsverankerung bedeutet ein stetiges achtsames und liebevolles Gewahrsein der Atmung, der Körperhaltungen, der körperlichen Aktivitäten und der den Körper hier und jetzt umgebenden äusseren körperlichen Wirklichkeit (Menschen und Dinge). Diese Achtsamkeit auf die körperliche Wirklichkeit beruhigt das Gefühlserleben und ermöglicht emotionale Ausgeglichenheit.


Vermeiden und überwinden der Hindernisse der Meditation

Der Palikanon spricht von sekha (Lernende, Übende) und asekha (Meister, Übungsledige). Sowohl von Lernenden als auch von Meistern kann nur gesprochen werden im Kontext und unter Bezug auf ein zu Lernendes oder ein Erlerntes. Wo kein solches definiert wird, kann weder von einem Lernenden noch von einem Meister gesprochen werden.

Was ist nun das zu Lernende des Lehrlings und das Erlernte des Meisters? Es ist das wahre Leben, das Leben in der Wahrheit. Dieses wahre Leben offenbart sich in innerem Frieden (Herzens- oder Seelenfrieden), in geistiger Freiheit und in der Freundschaft mit allen und allem Seienden. Wer (ohne das Ziel eines Lernenden und ohne den Sinn eines Meisters) nur einfach lebt oder überlebt, kann weder als Lernender noch als Meister bezeichnet werden. Spreche ich von einem Lernenden oder von einem Meister, dann spreche ich von einem Menschen mit einer wissensklaren Motivation zur Wahrheit, also zu einem tätigen Leben des Befriedens, Befreiens und Befreundens.

Während dem Lernenden dieses Befrieden, Befreien und Befreunden durch immer wieder auftauchende Hindernisse schwer gemacht wird, ist das Befrieden, Befreien und Befreunden des Meisters frei von jeder Hemmung. Was sich dem Lernenden in den Weg stellt, kann in die folgenden fünf Hindernisse eingeteilt werden:

Etwas erleben wollen, das hier und jetzt nicht erlebt wird (Sinnenverlangen)
Etwas nicht erleben wollen, das hier und jetzt erlebt wird (Aversion)

In anderen Worten: Begehren und Aversion in allen ihren vielfältigen Formen und Ausprägungen, von stärkster Sinnengier und fanatischem Hass bis hin zu den subtilsten Formen von geistiger Hinneigung und ideologischer Abneigung. Es ist das Erleben, welches nicht in seiner Soheit angenommen und akzeptiert wird wie es ist.

Lethargie, Faulheit (Starrheit, Mattigkeit)
Ungeduld, Sorge (Aufgeregtheit, Gewissensunruhe, Rastlosigkeit)

Die Lethargie mag sich nicht aufraffen, sich nicht anstrengen um Frieden, Freiheit und Freundschaft aktiv zu verwirklichen. Sie möchte damit ohne eigenes Zutun beschenkt werden, das wahre Leben sollte ihr in den Schoss fallen. Wir fühlen uns zu müde, zu schwach, zu matt um gegen ein Hindernis oder einen Widerstand anzukämpfen und kämpfend zu überwinden oder um einen heilsamen Zustand aufrecht zu erhalten. Das Gegenteil davon ist die Ruhelosigkeit und Ungeduld, die sich nicht dem Gegebenen hingeben und der Befreiung vertrauen kann und sich zu sehr willentlich anstrengt um Unheilsames zu vermeiden und zu überwinden und Heilsames zu erwecken und zu erhalten. Das eine ist ein zuwenig an (Willens-) Anstrengung, das andere ein zuviel.

Misstrauen, Zweifelsucht (Skeptizismus)

Misstrauen und Zweifel entstehen aufgrund eines Mangels an klarer Erkenntnis des Heilsamen und des Unheilsamen. Das Misstrauen kann sich auf das zu Lernende (das wahre Leben in Frieden, Freiheit und Freundschaft), auf die Methodik (in unserem Fall: satipatthana) und auf den Lehrer richten. Wichtig für die Überwindung von Misstrauen und Zweifelsucht ist die Fähigkeit der klaren Unterscheidung zwischen blindem Vertrauen (Blindgläubigkeit) und prüfendem Vertrauen (begründete Zuversicht) sowie zwischen skeptischer Zweifelsucht und untersuchendem Zweifel (Wahrheits- oder Wirklichkeitsergründung).

Diese fünf Hindernisse hemmen oder verunmöglichen das Erleben von Frieden, Freiheit und Freundschaft, und zwar gleichermassen in der methodischen Meditation wie auch im Alltag. Der buddhistische Mönch und Satipatthana-Lehrer Analayo schreibt:

Der Gebrauch des Begriffs „Hindernis“ zeigt ganz deutlich, warum diesen geistigen Eigenschaften besondere Aufmerksamkeit zu schenken ist: Sie „behindern“ das Funktionieren des Geistes. Unter dem Einfluss der Hindernisse ist es nicht mehr möglich, wirklich zu verstehen, was zum eigenen Guten oder dem anderer ist, oder Konzentration und Einsicht zu erlangen. Deshalb ist es eine wichtige Fähigkeit für den Fortschritt auf dem Pfad, der Einwirkung eines Hindernisses mit Achtsamkeit zu widerstehen. Nach den Lehrreden sind Schwierigkeiten beim Überwinden eines Hindernisses ein guter Grund, sich an einen erfahrenen Meditierenden zu wenden und ihn um konkrete Beratung zu bitten.

Die fünf Hindernisse bezeichnen also Schwierigkeiten, die in rechter Anstrengung zu vermeiden oder, wenn bereits aufgestiegen, zu überwinden sind.

Neben dem Vermeiden und Überwinden (des Unheilsamen) werden zwei weitere rechte Anstrengungen genannt, nämlich das Erwecken und Erhalten (des Heilsamen). Was die Hindernisse direkt vermeidet und überwindet ist das Entwickeln und Erhalten der sieben sogenannten Erleuchtungsglieder oder Erwachensfaktoren, diese werden wir uns jetzt genauer anschauen.


Entfalten und Erhalten der Erwachensfaktoren

Die sieben Erwachensfaktoren oder Erleuchtungsglieder sind:

Achtsamkeit
Wirklichkeitsergründung (Lehr-, Wahrheits-, Dharmaergründung)
Energie (Tatkraft, Willenskraft)
Freude (Freudiges Interesse, Verzückung, Ergriffenheit)
Gestilltheit (Stille, Ruhe)
Sammlung (Konzentration, Herzenseinigung)
Gleichmut

Achtsamkeit bewirkt Wirklichkeitsergründung
Erkannte Wirklichkeit bewirkt Energie und Tatkraft
Energie und Tatkraft bewirken Freude und Ergriffenheit

An dieser Stelle ist höchste Achtsamkeit vonnöten, um sich von der erlebten Freude nicht Hinwegtragen zu lassen in blosse Gefühls- und Emotionszustände. Es ist wesentlich, dass wir auch durch solch starke Gefühle der Freude den Boden des reinen Beobachtens und der Verankerung in der körperlichen Wirklichkeit nicht verlieren. Wohlverstanden: Es geht nicht darum, diese Freude nicht zu erleben, sondern nur darum, sich von ihr nicht aus der (Einsichts-) Meditation hinwegtragen zu lassen. Der Geist versucht also weiterhin die kontinuierliche Achtsamkeit als reines Beobachten aufrecht zu erhalten und so die Energie der Freude der Kraft der Stille zufliessen zu lassen um die Gestilltheit des Geistes aus der Freude hervorgehen zu sehen. Wenn das gelingt entfalten sich die drei weiteren Erwachensfaktoren:

Gestilltheit bewirkt Herzenseinigung
Herzenseinigung bewirkt Gleichmut

Der Weg mit Herz, die Kraft der Stille, das Wirken der Präsenz: Sie alle gipfeln im Gleichmut, und Gleichmut ist das Sprungbrett des Geistes zum Erwachen:

In Visuddhi Magga. XXI, 8 heißt es: „Erkennt aber diese Gleichmutserkenntnis das stille Los des Nirvana als den Frieden, so läßt sie den ganzen Vorgang der Daseinsgebilde fahren und drängt bloß noch zum Nirvana hin. Erkennt sie aber das Nirvana nicht als den Frieden, so nimmt sie eben immer wieder die Daseinsgebilde zum Objekt und gleicht darin der richtungsuchenden Krähe der Seefahrer. Wenn nämlich seefahrende Kaufleute ein Schiff besteigen, nehmen sie eine richtungsuchende Krähe mit sich. Sobald nun das Schiff vom Sturme gepeitscht in fremdes Gebiet treibt und das Ufer nicht mehr zu sehen ist, lassen sie die richtungsuchende Krähe los. Vom Mastbaume aus sich in die Lüfte erhebend, durchfliegt sie alle Haupt- und Zwischenrichtungen. Entdeckt sie Ufer, so fliegt sie darauf zu. Wenn nicht, so kehrt sie zurück und läßt sich wieder auf dem Mastbaume nieder. Genau so ist es mit der Gleichmuterkenntnis hinsichtlich der Gebilde. Erkennt diese das stille Los des Nirvana als den Frieden, so läßt sie den ganzen Vorgang der Daseinsgebilde fahren und drängt bloß noch zum Nirvana hin. Erkennt sie aber das Nirvana nicht als den Frieden, so nimmt sie eben immer wieder die Daseinsgebilde zum Objekte.

Wir können, entgegen der oft gehörten Behauptung Buddhismus sei ein Weg der Selbsterlösung, Nirvana nicht machen. Nirvana ist das Ungewordene, Ungeschaffene, Ungemachte. Was wir selber machen können ist, ein gleichmütiges Herz, einen gleichmütigen Geist entfalten. Solange und so tief, bis Nirvana – das Erwachen –  geschehen kann. 

Wichtig ist mir hier einmal mehr die Feststellung, dass das Denken keineswegs aufhören muss um zu innerer Ruhe zu gelangen. Viel wesentlicher ist es vorerst, das Denken von seinem ziellosen Herumschweifen abzubringen und auf eine Sache zu fokussieren, sei es auf eine bestimmte Alltagstätigkeit oder auf die Achtsamkeit auf die Atmung in der methodischen sitzenden Meditation.

Es geht also primär einmal darum das Denken ebenso wie die Achtsamkeit als reines Beobachten in der körperlichen Realität hier und jetzt zu verankern und diese – gerade mithilfe des Denkens in Form weisen Erwägens – unmittelbar und ohne Interpretation zu erleben. So angewandt ist das Denken keineswegs ein Hindernis der Geistesentfaltung, sondern vielmehr ein überaus wichtiges und wertvolles Werkzeug dazu.

Sobald das Denken und das reine Beobachten in der Lage sind, sich in der Wirklichkeit hier und jetzt zu verankern, steigen Freude und Glücksgefühl auf, und diese sind unerlässlich für das Erleben von Gemütsruhe, von innerem Frieden und Gleichmut.

Ohne Freude gibt es kein spirituelles Wachstum, keine menschliche Reife. Freude findet sich als Mitfreude auf dem Weg mit Herz, sie findet sich als Vertiefungs- (jhana-) Faktor in der Kraft der Stille  und sie findet sich als den Geist wahrhaft stillenden Faktor im Wirken der Präsenz. Freude ist eine notwendige Geistes-, Seelen-, Herzens- und sogar Körpernahrung.

Freude entsteht und wächst durch kontinuierliche Hingabe an eine Aufgabe, an ein Werk und nur über die Freude und einen durch Freude gestillten Geist kann der für die definitive Befreiung notwendige, gleichmütige Geist realisiert werden. Dieser gleichmütige - gleich mutige - Geist ist der Geist, zeitweilig frei von den Hindernissen, er kann spontan in den Prozess des Erwachens eintreten und dann immer wieder Schritte auf diesem Weg tun bis zur Verwirklichung des vollständigen Erwachens. 


Worum geht es?

Obschon wir von Anstrengung sprechen, ist damit kein Krampf gemeint und nicht das Machen eines Ichs. Vielmehr geht es um das Nicht-Tun von etwas, nämlich um das Nichtergreifen der Hindernisse (Nicht-Identifikation, Nicht-Inbesitznahme) und das Zulassen des Loslassens bereits ergriffener Hindernisse. Ebenso geht es nicht um ein Machen der Erwachensfaktoren, sondern um das Zulassen ihres Aufsteigens und Bleibens im Geist. Der Geist richtet sich natürlicherweise auf ein friedliches und freies Erleben aus, wir tun gar nichts, sondern lassen einfach die natürliche, gesunde Entwicklung geschehen. Wir können das auch die anstrengungslose Anstrengung nennen. 



Die anstrengungslose Anstrengung des Kaktus zu blühen


Mirko Frýba beschreibt das, worum es hierbei geht, in seinem Buch Anleitung zum Glücklichsein - Die Psychologie des Abhidhamma folgendermassen:

Es geht darum, Fertigkeiten zu erlangen, durch die der Geist sich selber regulieren kann. Idealerweise arbeiten wir daran in intensiven Meditations-Retreats, wo wir für diese Arbeit das erforderliche Milieu gestalten, den geschützten Raum, der uns ermöglicht, während des gesamten Retreats aktiv nichts zu tun. Wenn wir nicht eingreifen, kann sich der Geist im Reinen Beobachten festigen und selbsttätig die Hindernisse überwinden. Mit allem, was kommt und sich zeigt, gehen wir auf kompetente Weise so um, dass wir es nur achtsam bemerken. Je weniger wir selbst machen, desto effektiver ist die Selbstbefreiung des Geistes.