Der Erleuchtung ist es egal wie du sie erlangst



"Ich bin ein fauler Mensch. Und weil ich so träge bin, glaube ich nicht daran, dass Anstrengung, Disziplin, Diät, Nicht-Rauchen und andere Tugendbeweise nötig sind, um zur Erleuchtung zu gelangen. Das ist wohl so ziemlich das Schlimmste, was man sich als Ketzerei vorstellen kann, aber ich muss ehrlich sein, ehe ich ehrerbietig sein kann. Ich mache mir die Arbeit, dieses Buch zu schreiben, um mir die Mühe zu sparen, über diese Dinge sprechen zu müssen.

Vielleicht ist's ja genau das, was jemand zum Lesen braucht, um sich selbst etwas wohler zu fühlen. Wenn du ein freundlicher Mensch bist und wissen möchtest, was du zu erwarten hast, wenn dich die Erleuchtung erfasst, und warum dir das passiert - mit oder ohne psychedelische Hilfe - dann ist dieses Buch was für dich."

Thaddeus Golas


mescalitos neue welt



bild "mescalito" von lucART (nicole lucienne kormann)

wer ist mescalito? 


wie glas

wird sie sein
die neue welt

die nicht wieder zerfällt
weil sie nicht aus teilen besteht

ungeboren
existent

nicht unsichtbar aber durchsichtig
wie glas
ohne die bestandteile des glases

sichtbar
in ihrer durchsichtigkeit
hörbar 
in ihrer stille
tastbar
in ihrer körperlosigkeit
riechbar
in ihrer geruchlosigkeit
schmeckbar
in ihrer geschmacklosigkeit
denkbar
in ihrer undenkbarkeit

formlos frei
ewig zeitlos
phänomenal selbstlos

die neue welt

text aus 


video


musik von uodal & friends (dharmaphank)




Leben im Licht des Buddha Dharma


Lieder - Meditation - Gespräch

Angebot für buddhistische und am Buddhismus interessiert Kreise


Daten 2019

Freitag 30. August - 19:00
Haus der Religionen, Bern
Buddhistisches Zentrum



Das Rätsel der Seele


Lieber B.

Danke für das überraschende Geschenk – das Buch über „Das Rätsel Seele“. Ich entnehme aus dieser Zusendung, dass das Thema „Seele“ Dich beschäftigt. Und auch, dass meine Betonung des „Nichtselbst“ in meinen Briefen an Dich eine Herausforderung für Dich darstellt.

Der buddhistische Begriff „anatta“ (sanskrit „anatman“) war ja Gotamas (des „Buddha“) Anwort auf den theistischen Glauben an den „atman“, an eine „ewige Seele“, also an ein nicht-materielles Etwas, welches als vom sterblichen Menschen unabhängig seiend gedacht wurde. Im heutigen esoterischen Umfeld (zum Teil sogar im buddhistischen Kontext) wird da etwa vom „wahren Selbst“ oder vom „kosmischen Bewusstsein“ usw. gesprochen.

Es gibt dazu eine bekannte und informative Begebenheit aus dem Leben Gotamas: Ein Pilger kam zum wiederholten Male zum Buddha, stets drehten sich seine Fragen um die „Seele“ („atman“). Als er wieder einmal auftauchte und dem Buddha die Frage stellte: „Ehrwürdiger, gibt es eine Seele?“, da blieb der Buddha stumm und gab keine Antwort. Darauf fragte der Pilger: „Dann gibt es also keine Seele?“, und wieder blieb der Buddha stumm und gab keine Antwort, worauf der Pilger sich entfernte. Später fragten die bei dieser Begegnung anwesenden Schüler des Buddha ihn, warum er dem Pilger keine Antwort gegeben hätte. Der Buddha meinte: „Hätte ich dem Pilger bestätigt, dass es eine Seele gäbe, dann wäre er der Ewigkeitsansicht (laut Nyanaponika dem ‚metaphysischen Extrem’) verfallen und hätte geglaubt ‚er’ lebe ewig, hätte ich ihm aber bestätigt, dass es keine Seele gäbe, dann wäre er der Vernichtungsansicht (laut Nyanaponika dem ‚nihilistischen Extrem’) verfallen und hätte geglaubt ‚er’ werde im Tod vernichtet.“ 

Darin eben sind sich die materialistische Wissenschaft und der religiöse Glaube so ähnlich (auch wenn sie das nicht unbedingt so wahrhaben wollen): Beide definieren sowohl einen Uranfang („Urknall“ oder „göttliche Schöpfung“) als auch einen unbedingten an sich existierenden Kern des Lebens („DNA“ oder „Seele“). Von beidem sagt Gotama, dass er das nicht lehre und zwar schlicht deswegen, weil es vom Menschen nicht erlebt und somit auch nicht erkannt werden könne.

Gotama erkannte, dass der Pilger noch nicht in der Lage war, zu echter „Selbsterkenntnis“ zu erwachen, und sich fest an die Illusion eines ewigen und unwandelbaren Kerns klammerte, von welchem er sich Halt und Bedeutung und Sinn des Daseins erhoffte. Er vermochte noch nicht zu erkennen, dass die Lösung des „Seelenproblems“ (des „Ich- oder Selbstproblems“) nicht auf der begrifflichen Ebene liegen kann, sondern nur auf der Metaebene des tatsächlichen konkreten erkannten Erlebens (nicht auf der Ebene des theoretischen Wissens).

Es geht also auf dem buddhistischen Weg weder um das eine, noch um das andere. Es wird durch den Tod weder eine „Seele“ vernichtet, noch lebt eine solche ewig weiter. Und dies aus dem einfachen Grunde, weil schon jetzt im Leben eine solche nicht aufgefunden werden kann. Auf die Frage, was mit dem „Buddha“ (dem „erwachten Menschen“, oder, in unserem Zusammenhang, der „Seele“) nach dem Tode geschehe, antwortete Gotama, dass das Fragen hier aufhöre, denn in Wirklichkeit sei ein „Buddha“ schon zu Lebzeiten nirgendwo zu finden, wie viel weniger dann nach dem Tode.

Immer wieder betonte Gotama auch, dass er einzig diese zwei Dinge lehre: Das Leiden und die Beendigung des Leidens. Und der Weg zu Beendigung des Leidens liegt eben nicht in irgendwelchen Seelen- oder Selbst-Annahmen, sondern in der durchgängig bedingten Natur des Seins und alles Seienden. Die tiefe Einsicht in die abhängige Bedingtheit meiner selbst und der Welt (welche beiden auch nur in abhängiger Bedingtheit voneinander erlebt werden können) macht die Annahme eines (den Glauben an ein) unbedingt existierendes „Ich“ oder „Selbst“ oder an eine vom Werden und Vergehen unberührt bleibende „Seele“ hinfällig und unnötig. Nyanaponika sagt es unmissverständlich so:



und:


und:



Diese Unwissenheit, diese Illusion ist die Wurzel des Leidens am Leben. Was dieses Leiden beenden kann ist nicht die Flucht aus der dem Alter, der Krankheit, dem Tod unterworfenen Wirklichkeit in imaginäre Hoffnungen welcher Art auch immer, sondern die Ernüchterung über das Leben wie es ist, die Desillusionierung und die an diese anschliessende vollständige Akzeptanz unserer Endlichkeit.

Nyanaponika spricht oben vom „unaufhörlichen, ebenso sinn- wie fruchtlosen Fragen“. Meinen Aphorismus zu „Frage und Antwort“ habe ich Dir am Ende des Briefes vom 4. Februar zitiert, hier noch einmal:

Die Frage, die ich bin,
Sucht nicht die Antwort in dem Sinn,
Dass ein Wort mir könnte klären,
Was nur die Frage kann gewähren.

Solange ich mir eine Frage bin, bleibe ich mir (und bleiben mir damit auch alle anderen) fragwürdig und damit eben auch der Frage würdig. Jede mögliche Antwort aber auf diese Frage, bringt keine Klärung und kann den Sinn nicht offenbaren. Gustav Meyrink sagte dazu:

Das ganze Leben ist nichts anderes als formgewordene Fragen,
die den Keim der Antwort in sich tragen –
und Antworten, die schwanger gehen mit Fragen.
Wer irgend etwas anderes drin sieht, ist ein Narr.

Ein Zenmeister hält einen Stock in seinen Händen und sagt seinem Schüler: „Wenn du sagst, ‚der Stock ist wirklich’, dann schlage ich dich. Wenn du sagst, ‚der Stock ist nicht wirklich’, dann schlage ich dich. Wenn du gar nichts sagst, dann schlage ich dich.“ Wie entgeht der Schüler dem Schlag? Er nimmt dem Meister den Stock aus den Händen und zerbricht ihn.

In meinem „Koan“ oben heisst das: Auch die Frage ist nicht an sich die Antwort. Die Frage kann die Antwort nur gewähren, indem die tiefe Sinn- und Bedeutungslosigkeit der Frage erkannt und die Frage losgelassen und vollständig aufgegeben wird. Damit ist dem scheinbar endlosen Frage- und Antwortspiel (wie es Gustav Meyrink beschreibt), jeglicher Grund entzogen und der Mensch ist frei. „Ich bin“ ist aufgegeben und alle Zweifel bezüglich „Ich“, „Selbst“, „Wahres Selbst“, „Seele“ usw. fallen dahin. Traditionell wird im Palikanon der diesbezügliche Zweifel als sechzehnfach dargestellt (in Bezug auf Vergangenheit, Zukunft und Gegenwart):

Gab es mich in der Vergangenheit?
Gab es mich nicht in der Vergangenheit?
Was war ich in der Vergangenheit?
Wie war ich in der Vergangenheit?
Was war ich, und was bin ich daraufhin in der Vergangenheit geworden?

Wird es mich in der Zukunft geben?
Wird es mich in der Zukunft nicht geben?
Was werde ich in der Zukunft sein?
Wie werde ich in der Zukunft sein?
Was werde ich sein, und was werde ich daraufhin in der Zukunft werden?

Bin ich?
Bin ich nicht?
Was bin ich?
Wie bin ich?
Wo kam dieses Wesen her?
Wo wird es hingehen?

Wenn jemand auf solche Weise unweise erwäge, heisst es weiter, entstehe eine von sechs Selbst- (oder Seelen-) Ansichten in ihm, die zwei von denen ich hier spreche sind:

Die Ansicht 'für mich gibt es ein Selbst' entsteht in ihm als wahr und erwiesen; oder
die Ansicht 'für mich gibt es kein Selbst' entsteht in ihm als wahr und erwiesen.

Und weiter:

Diese spekulative Ansicht wird das Dickicht der Ansichten genannt, die Wildnis der Ansichten, die Verdrehtheit der Ansichten, der Wankelmut der Ansichten, die Fessel der Ansichten.

Ein wohlunterrichteter edler Schüler, der die Edlen beachtet und in ihrem Dhamma bewandert und geschult ist, der aufrechte Menschen beachtet und in ihrem Dhamma bewandert und geschult ist, versteht, welche Dinge für das Erwägen geeignet sind, und welche Dinge für das Erwägen ungeeignet sind. Weil das so ist, erwägt er jene Dinge nicht, die für das Erwägen ungeeignet sind, und erwägt jene Dinge, die für das Erwägen geeignet sind.

Er erwägt weise: 'Dies ist Leiden'; er erwägt weise: 'Dies ist der Ursprung von Leiden'; er erwägt weise: 'Dies ist das Aufhören von Leiden'; er erwägt weise: 'Dies ist der Weg, der zum Aufhören von Leiden führt'. Wenn er auf solche Art weise erwägt, werden drei Fesseln in ihm überwunden:

Persönlichkeitsansicht (Ansichten über „atta“: „Ich“ und „Mein“, „Selbst“, „Seele“),
Zweifel (bezüglich „atta“; siehe oben), und
Anhaften an Regeln und Ritualen

Das nennen wir „Erwachen“, es beginnt mit der Einsicht in die durchgängige Bedingtheit des Seins und dem durch diese Einsicht bedingten Aufhören allen spekulativen Fragens bezüglich eines vermeintlich unabhängigen, festen „Kerns“ unseres individuellen Seins (ob nun als „Selbst“, „wahres Selbst“, oder „Seele“ verstanden).

Lieber B., dein Buch habe ich erst mal kurz durchgeblättert, das Inhaltsverzeichnis studiert, hier und dort eine Seite oder zwei gelesen, und ich kann dir nicht versprechen, dass ich es zur Gänze lesen werde. Zu sehr bewegt sich mir meines Erachtens das darin Aufgeführte im Bereich jener erwähnten spekulativen Erkenntnisse, denen ich mich selber entwachsen fühle. Was sagt dieser und jener Wissenschaftler zur Frage der Seele, was sagt dieser und jener Theologe dazu. Was soll’s? Ansichten halt, weiter nichts.

Vielleicht ein bisschen häretisch: Hätte Hans Goller (der Autor) das Rätsel der Seele für sich selber erlebnismässig gelöst, dann hätte er kein Buch verfasst mit dem Titel „Das Rätsel der Seele – Was sagt uns die Wissenschaft?“ Das ganze Buch stellt die Frage und wartet mit unzähligen Antworten auf und keine einzige von ihnen wird das Rätsel klären können.

Goller stellt sich zur aristotelisch-thomistischen Sicht (Seite 315) welche selber keine empirisch nachvollziehbare sondern nur eine theoretische Antwort bietet: Man kann sie glauben oder nicht, erlebbar ist sie nicht. Und wenn er dann zugibt, dass diese Antworten nur „metaphorische Aussagen“ sein können und meint, das einzige, was uns bleibe, seien „lediglich Bilder und Vorstellungen, um eine Wirklichkeit anzudeuten, die alles übersteigt, was wir uns ausmalen können“, dann scheint mir das damit so ziemlich ad absurdum geführt.

Da macht dann das alttestamentliche „Du sollst dir kein Bildnis machen“ wieder Sinn: Jede Antwort ist so ein Bildnis und als solches eben keine wirkliche Antwort und da die Flut der Antworten erst ein Ende findet wenn das Fragen aufhört, kann die Wirklichkeit auch erst dann erlebt werden. An Martin Buber (siehe meinen Brief vom 8.11.18) angelehnt:

Mir begegnet keine Seele des Menschen, sondern er selber.

Und eben: Alles wirkliche Leben ist Begegnung.

Das, so scheint mir, genügt doch eigentlich, und das, was mir dann am Ende meines Daseins begegnet, ist eben das Ende meines Daseins. Ich frage nicht darüber hinaus.

Herzlich, Ueli

Meditation in Aktion


Lieber B.

Du langweilst mich nicht und ich habe nicht den Eindruck, du möchtest dich in Szene setzen. Eine Frage taucht mir auf: Hast du den Eindruck, mir gehe es um „entweder-oder“? Entweder meditieren oder handeln? Passion oder Aktion? Nein, darum geht es mir nicht. Thomas Merton hat das sehr gut beschrieben:

„Aktion und Kontemplation wachsen zu einer Einheit zusammen, zu zwei Seiten derselben Sache. Aktion ist die Liebe, die sich nach aussen wendet, an andere Menschen. Kontemplation ist Liebe, die es nach innen zieht, zu ihrem göttlichen Ursprung. Aktion ist der Strom, Kontemplation die Quelle.“
(Thomas Merton in „Keiner ist eine Insel – Betrachtungen über die Liebe“)

Aktion und Kontemplation sind also „sowohl-als-auch“. Das ist der Sinn, das Ziel. Aber: „Aktion ist der Strom, Kontemplation die Quelle“. Wo keine Quelle ist, entsteht niemals ein Strom. Buddhistisch hört sich das so an:

„Den Dingen geht der Geist voran; der Geist entscheidet:
Kommt aus getrübtem Geist dein Wort und dein Betragen.
So folgt dir Unheil, wie dem Zugtier folgt der Wagen.
 Den Dingen geht der Geist voran; der Geist entscheidet:
Entspringen reinem Geist dein Wort und deine Taten,
folgt das Glück dir nach, unfehlbar wie dein Schatten.“
(Dhammapada; Verse 1-2)

Der Geist ist die Quelle: Einem reinen Herzen entspringen heilsame Taten, einem unreinen Herzen entspringen unheilsame Taten. Was ist Meditation (oder Kontemplation) anderes, als die Läuterung des Geistes, des Herzens?

Deshalb ist im spirituellen Verständnis die Reinigung und das Reinhalten der Quelle klar die vorrangige, ja, die einzige Aufgabe, auf die es wirklich ankommt. Denn aus einer sauberen Quelle fliesst sauberes Wasser.

Unsere Worte und Taten, die heilsamen wie die unheilsamen, haben ihren Ursprung in unserem Geist. Der Meditierende lebt „im Geist“ und dort verrichtet er seine Aufgabe, seine eigentliche Arbeit, seine Pflicht: Er reinigt seinen Geist von allen Ausformungen der Gier, des Hasses und der Selbstsucht.

Der Meditierende weiss, dass seine Taten nicht einem autonomen „Ich“ entspringen, sondern dem Zusammentreffen innerer und äusserer Bedingungen. Wie leicht entstehen aus diesem Zusammentreffen in seinem Herzen Gier, Hass und Selbstsucht und die Taten des Menschen, der dies nicht erkennt, werden Taten der Gier, des Hasses und der Selbstsucht sein. Deshalb ist der Meditierende auf der Hut, äusserst wachsam, wie ein Jäger, der still auf das Wild wartet, und wenn es auftaucht, schiesst er es ab. In gleicher Weise schiesst der Meditierende sein Wild ab: Gier, Hass und Selbstsucht.

Stephen Batchelor nennt Gier, Hass und Selbstsucht die blinde „Reaktivität“, sie führt zu unheilsamen, leidverursachenden Gedanken, Worten und Taten. Die Aufgabe des meditativen Menschen ist daher das Loslassen und Erlöschenlassen der blinden Reaktivität.

Ist die blinde Reaktivität erloschen (nirvana, wörtlich: „aufhören zu wehen“), das heisst: Gierlosigkeit, Hasslosigkeit und Selbstlosigkeit sind im jetzt geläuterten Geist, dann wird es dem Geist möglich, den Pfad der Leidbefreiung – den „Pfad des Sehens“ (anstelle der Blindheit) – zu betreten und zu entfalten, beginnend mit „rechter Sicht“ auf die konkrete Situation gefolgt von „rechter Absicht“.

Aus „rechter Sicht“ und „rechter Absicht“ (Gebiet der „Weisheit“) entstehen „rechte Worte“, „rechte Taten“ und „rechter Lebenserwerb“ (Gebiet der „Ethik“), welche mit „rechter Anstrengung“, „rechter Achtsamkeit“ und „rechter Konzentration“ (Gebiet der „Meditation“) durchgeführt werden. Das ist die buddhistische „Aktion“: Das Entfalten des Edlen Achtfachen Pfades.

Welcher Art die Taten sein werden, lässt sich nicht festlegen, es ist vollständig subjektiv und nicht vom Willen eines „Ich“ abhängig. Die heilsame, leidbefreiende Tat des meditativen, geläuterten Geistes entspringt (genauso wie auch die unheilsame, leidverursachende Tat des unbewussten, ungeläuterten Geistes) dem konkreten Kontext des Erlebens. 




Ja, es ist, wie du schreibst, ein Fortschritt, wenn wir uns selbst nicht zur Gewohnheit werden, das heisst, wenn wir uns nicht über ein vermeintlich festes „Selbst“ (-Bild) definieren. Denn nur die Nicht-Identifikation des Tuns und Lassens mit einem „Selbst“ (-Bild) ermöglicht es dem Meditierenden, sich ganz dem Loslassen und Erlöschenlassen der blinden Reaktivität hinzugeben und dem Entstehen der heilsamen Aktivität auf dem Pfad der Leidbefreiung zu vertrauen. Einer Aktivität, mit der er sich auch nicht als „Ich“ identifiziert und die er nicht als „mein“ in Besitz nimmt.

Sobald ich ein Bild von mir habe, bin ich mir zur Gewohnheit geworden. Ich glaube dann zu wissen, wer ich bin und bin mir keine Frage mehr – bin mir nicht mehr „fragwürdig“, also der Frage nicht mehr würdig. Das ist schade, denn im Selbst (-bild) bin ich tot, nicht lebendig. Um wahrhaft lebendig zu sein, muss ich die mit dem fixen Selbstbild verknüpfte und von ihm ausgehende blinde Reaktivität loslassen und erlöschen lassen. Dann kann der Weg des wahren Lebens entstehen auf welchem „Ich in der Welt“ eine einzige grosse Frage ist auf die ich mich einlassen und die mich in jedem Augenblick neu überraschen kann.

Mit herzlichem Gruss – möge er aus der Quelle strömen zu dir!
Ueli

Das Selbstbild


Lieber B.

Du schreibst, dass du deine „persönliche Veranlagung zum Team-Player“ nicht mit der buddhistischen Übung des „Von-sich-selbst-Abstand-nehmens“ in Übereinstimmung bringen kannst. Gerne erläutere ich dir meine Sicht hierzu.

Was ist damit gemeint, von sich selbst Abstand zu nehmen? Es ist das Loslassen des Selbstbildes, das ich mir von mir selber mache und von dem ich gerne hätte, dass meine Mitmenschen mich so sehen sollten, wie ich mich selber gerne sehe.

Wohl praktisch in jedem deiner Briefe erwähnst du deine Rolle als Team-Player und auch in unseren Gesprächen kommt das immer wieder zum Zug. Du scheinst dich stark mit dieser einen Facette deines Seins zu identifizieren. „Ich bin ein Team-Player“ ist eines deiner Selbstbilder, vielleicht das, das dich am meisten bestimmt.

Die buddhistische Anatta- (Nicht-Ich-) Lehre bezieht sich (unter anderem) genau auf diese Bilder, die wir uns von uns selber und von unseren Mitmenschen machen. Mit den Worten „das bin ich nicht, das ist nicht mein Selbst“ fordert diese Übung uns auf zu erkennen, dass dieses Selbstbild nicht unser Selbst ist, sondern nur die Beschreibung einer bestimmten Facette unseres Seins, nur eine unter vielen Rollen, die wir in unserer Existenz spielen.

Wir sollten nicht den Fehler begehen, uns mit irgendeiner Rolle als „das bin ich, so bin ich und nicht anders“ zu identifizieren. Dieses Nicht-Identifizieren damit ist gemeint mit dem „von sich selbst Abstand nehmen“. Es ist das Loslassen der Identifikation, die uns nur einschränkt, indem sie uns auf diese eine Rolle, diesen einen Aspekt unseres Seins festlegt.

Wir sind aber viel mehr als diese eine und auch als die unzähligen weiteren Rollen, die wir in unserem Leben einnehmen und darstellen. Wenn du auf dem Sofa liegst und in einem Buch liest, bist du kein Team-Player, sondern eine Leseratte. Wenn du einen Spaziergang machst, bist du ein Spaziergänger.  Ein Team-Player bist du nur in den Momenten, wo du konkret mit anderen an etwas zusammenarbeitest. Ich nehme an, dass das heute eher nicht mehr so oft der Fall sein wird wie früher. Heute bist du vielleicht sogar häufiger ein „Ein- (oder Zwei-) siedler“ als ein „Team-Player“.

In der buddhistischen zwölfgliedrigen Formel des „bedingten Entstehens“ (des Leidens) steht das innere „Erfinden“ oder „Gestalten“ des Selbstbildes (und übrigens auch des Weltbildes) an zweiter Stelle nach der Unwissenheit. Es ist Unwissenheit, die uns veranlasst, Bilder über unser Selbst und die Welt zu entwerfen und sie als feststehende objektive Realität zu wähnen.

Das Problem ist dann, dass wir leiden, wenn die Wirklichkeit mit unseren Bildern nicht übereinstimmt. Die Wirklichkeit stellt unsere Selbst- und Weltbilder fortwährend infrage und entlarvt sie als Einbildungen und Illusionen. Immer wieder erleben wir, den Angriff der Wirklichkeit auf unsere Illusionen bezüglich dessen, wie wir meinen, dass wir selbst und die Welt sein sollten, auf unsere Unwissenheit und Unbewusstheit also.

Es gibt kein „Ich“, das irgend etwas „sein“ könnte. Die Wirklichkeit kennt nur das fortwährende unaufhaltsame Fliessen von in gegenseitiger Abhängigkeit stehenden energetischen Prozessen. „Alles fliesst“ stellte Heraklit fest und deshalb können wir nicht „zwei Mal in denselben Fluss steigen“.

Wahre „Selbst- und Welt-Erkenntnis“ kann nur entstehen, wenn wir alle unsere Bilder davon, wie wir uns selbst und die Welt sehen und wie wir denken, dass wir und die Welt sein sollten, loslassen und wenn wir uns darin üben, das „Erfinden“ solcher Bilder schon im Entstehungsprozess zu erkennen und loszulassen. Das ist Vipassana-Meditation: „Das bin ich nicht, das ist nicht mein Selbst“.

Die einzige echte Realität ist die sinnlich konkret und hier und jetzt erlebbare, das heisst, das, was gerade jetzt an den Toren der sechs Sinne geschieht: Sehen, Hören, Riechen, Schmecken, Tasten, Denken. Und all das fliesst: unaufhaltsam entstehen und vergehen die Sinneseindrücke und die mit ihnen verbundenen Gefühle. Das ist das, was wir als „Ich in der Welt“ zu benennen gewohnt sind.

Wenn wir das, oder einen Ausschnitt davon was wir gerade wirken und erleben, nicht zu einem Bild verfestigen, das freie Fliessen des Erlebens also nicht in einem Bild erstarren und einfrieren lassen, dann sind wir bei „vollem Bewusstsein“, Dann sind wir im buddhistischen Verständnis „Wissende“, nicht „Unwissende“.

Dieses „Wissen“ ist eben keines, das in Worten oder Bildern festgehalten und womit „Ich“ und „Welt“ identifiziert werden könnten. Was ich mit Wort oder Bild festhalten und bestimmen möchte, ist längst schon vergangen und wenn wir uns im Glauben, das Wort oder das Bild bezeichne die Realität, an das Wort oder das Bild hängen, dann sind wir aus dem „Wissen“ in die „Unwissenheit“, aus der umfassenden Bewusstheit in die Illusion gefallen.

Martin Buber beschreibt diese beiden Seinsweisen sehr schön in seinen Worten als die beiden „Grundworte“, die der Mensch „sprechen“ kann: Das Grundwort „Ich-Du“ und das Grundwort „Ich-Es“. Mit „Ich-Du“ meint er die Unmittelbarkeit des Erlebens hier und jetzt, mit „Ich-Es“ die in Worte und Bilder gekleidete Erfahrung des vergangenen Erlebens, und er schreibt dazu:

„Das Grundwort Ich-Du kann nur mit dem ganzen Wesen gesprochen werden. Das Grundwort Ich-Es kann nie mit dem ganzen Wesen gesprochen werden.“ Ich-Du ist intuitiv, Ich-Es ist rational. Wenn du zu dir selber im Ich-Es-Modus stehst, dann bist du ein „Team-Player“. Wenn du zu dir selber im Ich-Du-Modus stehst, dann bist du nicht, dann gibt es kein Ich, kein Selbst, das etwas oder jemand sein könnte. Dazu Buber: „Wer Du spricht, hat kein Etwas, hat nichts. Aber er steht in der Beziehung.“

Unsere Selbst- (und Nächsten-) Bilder (wie auch unsere Weltbilder) stehen dem authentischen unmittelbaren (Beziehungs-) Erleben im Weg. Sie entstehen automatisch immer wieder, deshalb ist es die Aufgabe des Meditierenden, sie immer wieder loszulassen. „Das bin ich nicht, das ist nicht mein Selbst“ und ebenso „das ist nicht die Welt“.

„Ich in der Welt“ ist eine Einheit. Ich erlebe diese Einheit als konkretes, gegenwärtiges Wirken und Erleben durch die sechs Sinne. Die das Erleben beschreibenden Worte und Bilder sind ein toter Abklatsch der Wirklichkeit, mit anderen Worten des (übrigens stets subjektiven) Erlebens.

Wer bin ich also? Ich bin mir in meinem Sein ein Geheimnis, eine wesenhafte Frage, die aber nicht mit Worten und Bildern beantwortet werden kann. Einst schrieb ich:

Die Frage, die ich bin,
Sucht nicht die Antwort in dem Sinn,
Dass ein Wort mir könnte klären,
Was nur die Frage kann gewähren.

Mit herzlichem Gruss, Ueli

Vom Erwachen


Hier als Hörbuch auf Youtube und als pdf
































Hier als Hörbuch auf Youtube und als pdf

Achtsamkeitsmeditation (satipatthana-vipassana)


Nachfolgender (gekürzter) Text aus „Die Meisterung des Kerns der Lehre Buddhas“ 

von Daniel M. Ingram (Deutsche Teilausgabe, Michael Zeh Verlag, 2006):


DIE DREI DASEINSMERKMALE


Die Drei Daseinsmerkmale sind so zentral in den Lehren des Buddha, dass es beinahe unfassbar ist, warum die große Mehrheit sogenannter Einsichtsmeditierender ihnen so wenig Aufmerksamkeit schenkt. Sie heissen: Unbeständigkeit, Nichtzufriedenstellenkönnen und Nicht-Selbst.  Ich kann gar nicht oft genug betonen, wie hilfreich es ist, sich unablässig um ein Verständnis dieser drei Erfahrungsqualitäten zu bemühen. Sie sind ganz klar der Stoff, aus denen die letztendlichen Einsichten aller Stufen herrühren. Sie sind das Zeichen der letztendlichen Realität. Wenn ich sage: „Versteht die wahre Natur der Dinge“, meine ich damit: „Versteht die Drei Daseinsmerkmale“. Sie richtig zu verstehen, heisst erleuchtet zu sein.

Irgendwie dringt gerade diese äusserst wichtige Nachricht nicht zu den Einsichtsmeditierenden durch und so verbringen sie viel Zeit damit, irgendetwas anderes zu tun, anstatt präzise, Moment für Moment, die Drei Daseinsmerkmale zu betrachten. Sie denken über irgendetwas nach, sind in Geschichten verstrickt und in geistigen Endlosschleifen, arbeiten an ihren Problemen, philosophieren, versuchen den Geist zu beruhigen oder wer weiss was und das geht so weiter Jahr für Jahr, Retreat für Retreat und natürlich wundern sie sich, warum sie noch keine Einsicht gewonnen haben. Dies ist eine Tragödie monumentalen Ausmasses. Aber ihr müsst da nicht mitmachen! Ihr könnt Einsichtsmeditierende sein, die wissen, was zu tun ist, es tun und so schließlich auch Ergebnisse im höchsten Sinne erreichen.

Die wichtige Message ist hier: Verwerft die Geschichten, nehmt ein körperliches Objekt wie den Atem, den Körper, den Schmerz, die Freude oder was auch immer und schaut präzise und konsequent auf die Drei Daseinsmerkmale. Geht auf die Stufe der reinen Empfindung! Das ist Vipassanā, Einsichtsmeditation oder wie ihr es immer nennen wollt. Dies ist der Weg der Buddhas. Auch andere Dinge sind sehr wichtig, wie wir später sehen werden, aber Einsichtsmeditierende müssen, ich wiederhole müssen, auf folgende drei Aspekte des Seins schauen:


UNBESTÄNDIGKEIT

Alle Dinge sind unbeständig. Dies ist eine der grundlegendsten Lehren des Buddha und der vorletzte Satz, den er äusserte, bevor er starb, war: „Alle Phänomene sind unbeständig! Arbeitet an eurer Erlösung mit Eifer!“ Mit seinen letzten Worten sagte er alles, was ihr braucht, um Einsichtspraxis auszuführen. Die Dinge kommen und gehen. Es gibt sogar nichts, was nur einen Moment andauert. Absolute Vergänglichkeit ist die Wirklichkeit, die fundamentale Natur der Erfahrungsrealität. Was meine ich mit „Erfahrungsrealität“? Ich meine das Universum der tatsächlich wahrgenommenen Empfindungen. Es gibt viele Sichtweisen auf die Realität. Wenn wir jedoch Einsichtspraxis betreiben, ist die einzig gültige Sichtweise der Realität eure eigene sinnlich wahrgenommene Erfahrung.

Bei einer Übung, die ziemlich bekannt in vielen Meditationstraditionen ist, sitze ich ruhig an einem ruhigen Platz, schliesse meine Augen und konzentriere mich auf den Atem. Mehr als dass ich mich nur konzentriere weiss ich, dass die Empfindungen, die das Konzept „Atem“ ausmachen, alle unbeständig sind und nur einen Moment andauern. Während des Einatmens versuche ich dies, so oft wie möglich zu erfahren und versuche sehr genau zu beobachten, wann die Einatmung exakt beginnt und wann sie endet.

Mehr als dies, ich versuche exakt und genau wahrzunehmen, wann jede Empfindung oder Bewegung oder Körperlichkeit des Atems entsteht und vergeht. Dann mache ich dasselbe mit der Ausatmung, achte besonders exakt auf das Ende der Ausatmung und dann auf den Anfang der neuen Einatmung. Ich sorge mich nicht darum, wie ich atme, da ich nicht an der Qualität des Atems interessiert bin oder sogar, was für eine Empfindung es ist, sondern nur die letztendliche Natur dieser Empfindungen, ihre Unbeständigkeit und ihr Entstehen und Vergehen interessieren mich. Wenn ich wirklich damit beschäftigt bin, den Geist an dieser Übung zu befestigen, gibt es wenig Raum, um in Gedanken verloren zu sein. Ich finde, dass dies eine sehr nützliche Übung für die Konzentrationsentwicklung und die Durchdringung der Illusion der Kontinuität ist.

In einer anderen Übung nehme ich mich der Gedanken direkt an. Ich weiss, das auch die Empfindungen, die Gedanken ausmachen, die Wahrheit der Drei Daseinsmerkmale enthüllen können. Deshalb habe ich keine Furcht vor ihnen, sondern betrachte sie stattdessen als großartige Gelegenheiten für Einsicht. Wieder sitze ich ruhig an einem ruhigen Platz mit geschlossenen Augen, ich wende den Geist dem Gedankenstrom zu. Jedoch schenke ich ihrem Inhalt, wie ich es sonst gewöhnlich tue, keine Aufmerksamkeit. Ich achte auf die letztendliche Natur der zahlreichen Empfindungen, die die Gedanken ausmachen, deren Unbeständigkeit.

Wenn ich fertig bin mit dieser Übung kehre ich zu den körperlichen Objekten und ihrem Entstehen und Vergehen zurück. Ich finde jedoch, dass das Beobachten der Empfindungen, die die Gedanken ausmachen, eine andere sehr nützliche Übung für die Entwicklung der Konzentration und zum Durchdringen der Illusion der Kontinuität ist. Es ist egal, ob es „gute Gedanken“ oder „schlechte Gedanken“ sind, da alle geistigen Empfindungen mit letztendlicher Wahrheit tröpfeln, das heisst, warten entdeckt zu werden, und so kann ich mit meiner Untersuchung mit Vertrauen, ungeachtet, was erscheint, weitermachen. Ob unsere Illusionen mittels körperlicher oder geistiger Empfindungen durchdrungen werden, ist tatsächlich vollkommen irrelevant.


LEIDEN

Das nächste Daseinsmerkmal ist Leiden oder Nichtzufriedenstellenkönnen. Hört sich zuerst entsetzlich oder pessimistisch an und das im gewissen Sinne auch mit Recht, aber es ist auch die bedeutsame Aussage, dass unsere Moment-zu-Moment-Erfahrung niemals dauerhaft zufrieden stellen kann. Dass dies niemals geschehen wird. Warum? Weil unsere Erfahrung unbeständig ist, das ist der Grund warum! Ich sage allerdings nur, dass nichts andauert, was ihr tatsächlich erfahrt. Alles, von dem ihr üblicherweise denkt, dass es fest sei oder eine feste Welt darstellt, entsteht und vergeht von Moment zu Moment. Und was könnte schon befriedigend sein, das nur ein Augenzwinkern andauert? Natürlich nichts! Es geht hier nicht darum radikal, pessimistisch, nihilistisch oder zynisch zu sein. Es geht auch nicht darum, dass uns diese Erkenntnis hilft, sondern es ist ein Verstehen der Beziehung der Dinge. Es gibt keine gedanklichen Zustände, Geisteszustände oder was auch immer, die befriedigen könnten.

Es gibt eine grosse erleichternde Ehrlichkeit in der Wahrheit des Leidens. Es kann die tatsächliche Erfahrung unseres Lebens für sehr gültig erklären und uns auch die Stärke geben, um in die Aspekte des Lebens zu schauen, die wir normalerweise ignorieren oder vor denen wir wegrennen. Sogar einige tiefe und nützliche Einsichten können fühlbar unangenehm sein ganz im Gegensatz zur weit verbreiteten Überzeugung!

Meine bevorzugte Übung, um das Leiden zu untersuchen, ist an einem ruhigen Ort mit geschlossenen Augen zu sitzen und die körperlichen Empfindungen, die irgendeine Art von Begehren ausmachen, zu untersuchen. Sei es der Wunsch irgendetwas zu bekommen, etwas loszuwerden oder nur aufzuhören und schlafen zu gehen. Exakt versuche ich zu erfahren, wie ich erkenne, dass ich irgendetwas anderes zu tun wünsche als mich einfach mit meiner laufenden Erfahrung zu konfrontieren. Moment für Moment versuche ich diejenigen kleinen, unbequemen Dränge und Spannungen zu finden, die versuchen meinen Geist anzustacheln über die Zukunft oder die Vergangenheit zu fantasieren oder mit der Meditation ganz aufzuhören.

Für diese Meditationsperiode sind sie meine Beute und meine Nahrung, Gelegenheit etwas Aussergewöhnliches über die Realität zu erfahren und deshalb tue ich mein bestes keine von ihnen Entstehen und Vergehen zu lassen ohne das grundlegende Empfinden der Unzufriedenheit in ihnen, so wie es ist, klar erfahren zu haben.

Ich wende mich den Empfindungen des Begehrens zu, um Resultate zu bekommen, wende mich den Schmerzen und erschütternden Empfindungen zu, die meinen Geist zusammenziehen, wende mich der Langenweile zu, die gewöhnlicherweise Aversion gegen Leiden in Verkleidung ist, wende mich den Empfindungen der Rastlosigkeit zu, die versuchen, dass ich mit der Meditation aufhöre. Alles mit Sorge oder Unannehmlichkeit ist mein Brot und meine Butter für diese Meditationsperiode. Jede Empfindung, die nach Grandiosität oder nach Selbstverachtung schmeckt, ist als Quelle der Weisheit willkommen.

Eine halbe bis zu einer Stunde dieser Art stetiger Untersuchung des Leidens ist ein gutes Training, da wir den größten Teil unseres Lebens damit verbringen, alles andere zu tun, als auf diese Art der Gefühle zu schauen, um Einsicht aus ihnen zu erzielen. Diese Art der Untersuchung lohnt sich auf eine Weise, die ich mir nie hätte vorstellen können.

Sogar die angenehmste Empfindung hat eine Färbung von Nichtzufriedenstellenkönnen in sich, deshalb schaut auf sie auf der Stufe reiner Erfahrung. Schmerz ist eine Goldmine dafür. Ich bin absolut kein Verfechter der Schmerzkultivierung, da schon genug davon da ist. Das Erkennen des Schmerzes in jedem einzelnen Moment kann aber eine profunde Übung sein. Gebt euch nicht mit der automatischen Antwort „natürlich ist Schmerz unbefriedigend“ ab. Erkennt exakt, wie ihr dies in jedem Moment erfahrt, aber verliert euch nicht in Geschichten darüber. Es ist die bare Realität, die letztendliche Realität über die wir reden. Seid nur bei ihr, beschäftigt euch mit ihr und erkennt sie, so wie sie ist, auf einer sehr einfachen Stufe.


NICHT-SELBST

Das letzte und vielleicht am meisten Missverstandene der Drei Daseinsmerkmale ist: Nicht-Selbst, auch Egolosigkeit oder Leerheit genannt. Leerheit, vor allem seine mysteriös anmutenden Nebenbedeutungen, bedeutet einfach, dass die Realität leer an einem permanenten abgetrennten Selbst ist. Die Betonung muss hier absolut auf den Worten „permanent“ und „abgetrennt“ liegen.

Ego ist ein Prozess der Identifikation, nicht ein Ding an sich. Es ist so etwas wie eine schlechte Gewohnheit, aber es existiert nicht als etwas, das gefunden werden kann. Dies ist deshalb wichtig, weil diese schlechte Gewohnheit schnell die Sprache der Egolosigkeit annehmen kann und solche absurden Sätze wie dieser entstehen: „Ich werde mein Ego zerstören!“ Was kein Ding ist, kann auch nicht zerstört werden. Durch Verstehen unserer blanken Erfahrung aber kann der Geist den Prozess der Identifikation stoppen. Jeder Gedanke mit „Ich“, „Mein“, „Mir“ oder „Mich“ in ihm, sollte nur als Gedanke, der kommt und geht, verstanden werden. Aus diesem Identifikationsprozess kann man sich nicht herausreden. Man muss die Dinge so sehen, wie sie sind, um den Prozess zu stoppen.

Etwas häufig Gehörtes ist: „Ich identifiziere mich immer mit Dingen, ich hafte immer an Dingen an“, mit der Bedeutung, dass da tatsächlich jemand ist, der „schlecht“ ist, weil er dies „tut“. Versucht diese Art des Geschichtenmachens zu vermeiden, diese Art unachtsamer geistiger Spinnerei, aber seid freundlich zu euch selbst, wenn es passiert. Die Empfindungen, die diese Gedanken ausmachen, sind auch echt leer, das ist das Beste daran.

Wir müssen das nicht alles sofort herausbekommen. Wir können mit einfachen Schritten anfangen und der Rest wird zu seiner Zeit kommen, wenn wir eifrig und professionell üben. Der große Trick, die Egolosigkeit zu verstehen, ist, sich der Tatsache zuzuwenden, dass die Empfindungen auf ihre eigene natürliche kausale Art entstehen, sogar die Absicht Dinge zu tun. Dies ist eine formale Praxisanweisung.

Dies mag zunächst schwer klingen, bis ihr darüber nachgedacht habt und dann kann es vielleicht sogar so klar sein, dass es banal erscheint. Aber das ist es nicht. Nur das immer wieder verstehen, Moment für Moment, kann die Wahrheit in uns einschlagen lassen und wenn wir das voll hinkriegen, werden wir frei sein. Deshalb fangt an und verbleibt vielleicht zuerst bei so einfachen Dingen wie den körperlichen Empfindungen. Sie zeigen sich kurz und vergehen sofort wieder, nicht wahr? Wendet euch diesen Empfindungen zu. Lasst diese Eigenart der Dinge, zu entstehen und zu vergehen und sich selbst dabei zu zeigen, zu. Bemerkt dass was auch immer beobachtet wird, sind nicht „Wir“. Macht dies immer wieder und wieder. Das ist alles, was es zu tun gibt. Seht, das ist doch nicht so schwer.

Gedanken, der Atem und all eure Erfahrung scheinen nicht vollständig unter eurer Kontrolle zu sein, stimmts? Das ist es! Erkennt dies Moment für Moment. Kämpft euch nicht zu sehr mit der Realität ab. Es sei denn, um mit schlechten Gewohnheiten zu brechen, wie: in Gedanken verloren sein, armseliger Konzentration und einem Mangel an Verstehen der Drei Daseinsmerkmale. Wenn ihr während der Meditation das Entstehen und Vergehen der Phänomene klar und stetig erkennen könnt, ist das genug Anstrengung. Deshalb erlaubt ihnen sich selbst natürlich zu zeigen und lasst los.

Für die Alltagsrealität sind die Details unserer Erfahrung sicherlich wichtig, aber für Einsicht in die Wahrheit der Dinge in der Meditation, sind sie es grösstenteils nicht. Um es auf andere Weise zu sagen, es ist weder das Meditationsobjekt, die Ursache des Meditationsobjektes, noch die Bedeutung des Meditationsobjektes, sondern die Wahrheit der Empfindungen, die dieses „Objekt“ ausmachen, die verstanden werden muss. Wenn ihr erst einmal versteht, was Geist und was Körper ist, ist das schon einmal genug. Deshalb erzählt euch keine Geschichten, sondern erkennt dies: Dinge kommen und gehen, sie sind nicht zufriedenstellend und sie sind nicht Du. Das ist die Wahrheit. Es ist so einfach. Wenn ihr könnt, lasst euch nicht von der Inhaltsebene gefangen nehmen und erkennt diese einfache, grundlegende und klare Wahrheit von Moment zu Moment. Wortloses und profundes Verstehen entsteht so von ganz allein.

Eine nützliche Lehre ist das Konzeptuieren der Realität als sechs Sinnestore: Berührung, Geschmack, Sehen, Hören, Riechen und Denken. Es mag seltsam erscheinen Gedanken als Sinnestor zu betrachten, aber dies ist tatsächlich vernünftiger als die Vermutung Gedanken sind ein „Ich“ oder „Unser“ oder unter kompletter Kontrolle. Behandelt Gedanken nur wie weitere Empfindungen, die hereinkommen, die als unbeständig, unbefriedigend und Nicht-Selbst verstanden werden müssen.

Ich verstehe, dass die meisten Leute zur Meditation gehen, um nach Stabilität, Glück und Bequemlichkeit, bezüglich ihrer eigenen Existenz, zu suchen. Ich sage aber, dass ich viele Jahre mit extrem erfahrener Instabilität, sorgfältiger Achtsamkeit auf die Einzelheiten meines Leidens und der klaren Wahrnehmung, dass ich nicht als separate Entität existiere, verbracht habe. Warum dies eine gute Idee sein soll, ist ein sehr komplexes Thema, aber ich kann auf ehrlichste Weise sagen, dass diese Übungen ohne Zweifel die sinnvollste Sache waren, die ich in meinem Leben jemals gemacht habe.

Noch ein kleines Bonbon: Es wird richtigerweise gesagt, dass das tiefe Verstehen zwei der Daseinsmerkmale gleichzeitig bedeutet, auch das Dritte zu verstehen, und dieses Verstehen ist ausreichend, um sofort die erste Erwachung zu verursachen.

Anmerkung:
Die „erste Erwachung“ ist der sogenannte „Stromeintritt“.
Dazu, wie auch zur weiteren Vertiefung des Themas der Drei Daseinsmerkmale, siehe
 

Was ist Achtsamkeit? Was bewirkt Achtsamkeit?