Schweizer Chansonniers 1978




Bertolt Brecht & Buddha



Gleichnis des Buddha vom brennenden Haus von Bertolt Brecht
(nach dem Gleichnis "Der Pilger Kamanita" im Palikanon)

Gothama, der Buddha, lehrte
Die Lehre vom Rade der Gier, auf das wir geflochten sind, und empfahl,
Alle Begierde abzutun und so
Wunschlos einzugehen ins Nichts, das er Nirwana nannte.

Da fragten ihn eines Tags seine Schüler:
«Wie ist dies Nichts, Meister? Wir alle möchten
Abtun alle Begierde, wie du empfiehlst, aber sage uns,
Ob dies Nichts, in das wir dann eingehen,
Etwa so ist wie dies Einssein mit allem Geschaffenen,
Wenn man im Wasser liegt, leichten Körpers, am Mittag
Ohne Gedanken fast, faul im Wasser liegt oder in Schlaf fällt,
Kaum noch wissend, dass man die Decke zurecht schiebt,
Schnell versinkend, ob dies Nichts also
So ein fröhliches ist, ein gutes Nichts, oder ob dies dein
Nichts nur einfach ein Nichts ist, kalt, leer und bedeutungslos.»

Lang schwieg der Buddha, dann sagte er lässig:

«Keine Antwort ist auf eure Frage.»

Aber am Abend, als sie gegangen waren,
Saß der Buddha noch unter dem Brotbaum und sagte den andern,
Denen, die nicht gefragt hatten, folgendes Gleichnis:

«Neulich sah ich ein Haus. Es brannte. Am Dache
Leckte die Flamme. Ich ging hinzu und bemerkte,
Dass noch Menschen drin waren. Ich trat in die Tür und rief
Ihnen zu, daß Feuer im Dach sei, sie also auffordernd,
Schnell hinauszugehen. Aber die Leute
Schienen nicht eilig. Einer fragte mich,
Während ihm schon die Hitze die Braue versengte,
Wie es draußen denn sei, ob es auch nicht regne,
Ob nicht doch Wind ginge, ob da ein anderes Haus sei,
Und so noch einiges. Ohne zu antworten,
Ging ich wieder hinaus. Diese, dachte ich,
Müssen verbrennen, bevor sie zu fragen aufhören.
Wirklich, Freunde,
Wem der Boden noch nicht so heiß ist, daß er ihn lieber
Mit jedem andern vertausche, als daß er da bliebe, dem
Habe ich nichts zu sagen.»

So Gothama, der Buddha.

Aber auch wir, nicht mehr beschäftigt mit der Kunst des Duldens,
Eher beschäftigt mit der Kunst des Nichtduldens und vielerlei Vorschläge
Irdischer Art vorbringend und die Menschen beschwörend,
Ihre menschlichen Peiniger abzuschütteln, meinen, daß wir denen, die
Angesichts der heraufkommenden Bombenflugzeuggeschwader des Kapitals noch allzu lang fragen,
Wie wir uns dies dächten, wie wir uns das vorstellten
Und was aus ihren Sparbüchsen und Sonntagshosen werden soll nach einer Umwälzung,
Nicht viel zu sagen haben.

(In "Hundert Gedichte" von Bertold Brecht)


Kontemplation



Ein Auszug aus Thomas Merton „Christliche Kontemplation – Ein radikaler Weg der Gottessuche“. 




Eingefügte Verse aus Ulrich Kormann „Suriya Namaskar – Sonnengruss“.

Kontemplation

Kontemplation ist der höchste Ausdruck des intellektuellen und spirituellen Lebens des Menschen. Sie ist dieses Leben selbst in seiner voll erwachten, voll aktiven, voll sich seiner Lebendigkeit bewussten Form. Sie ist spirituelles Staunen. Sie ist spontan ehrfürchtiges Erschauern vor der Heiligkeit des Lebens und des Seins. Sie ist Dankbarkeit für das Leben, für die Bewusstheit seiner selbst, für sein Sein. (…) Man kann sie mit Worten und Symbolen umschreiben, aber im gleichen Augenblick, in dem der Geist des Kontemplativen auszudrücken versucht, was er weiss, nimmt er zurück, was er gesagt hat, und stellt in Abrede, was er behauptet hat. Denn in der Kontemplation wissen wir durch „Nichtwissen“. Oder besser, wir wissen jenseits alles Wissens oder „Nichtwissens“. (…)

Die Kontemplation ist immer jenseits unseres eigenen Wissens, jenseits unseres eigenen Lichts, jenseits aller Systeme, jenseits alles Dialogs, jenseits unseres eigenen Selbsts. Um in den Bereich der Kontemplation einzutreten, muss man in einem bestimmten Sinn sterben; aber dieses Sterben bedeutet in Wirklichkeit das Eingehen in ein höheres Leben. Es ist ein Sterben um des Lebens willen, bei dem alles zurückbleibt, was wir als Leben, als Denken, als Erfahrung, als Freude, als Sein kennen oder schätzen. (…)

Die Frage die ich bin
Sucht nicht die Antwort in dem Sinn
Dass ein Wort mir könnte klären
Was nur die Frage kann gewähren

Das Leben der Kontemplation umfasst zwei Bewusstseinsebenen: erstens die Bewusstheit der Frage und zweitens die Bewusstheit der Antwort. Beide sind zwar unterschiedliche und ganz gewaltig voneinander verschiedene Ebenen, aber tatsächlich sind sie die Bewusstheit ein und desselben. Die Frage ist selbst die Antwort. Und wir selbst sind beides. Aber das können wir erst dann erkennen, wenn wir zur zweiten Art von Bewusstheit gelangt sind. Wir erwachen nicht dazu, um eine von der Frage absolut verschiedene Antwort zu finden, sondern um wahrzunehmen, dass die Frage ihre eigene Antwort ist. (…)

Der einzige Weg dahin, alle falschen Vorstellungen über Kontemplation loszuwerden, ist der, sie zu erfahren. Jemand, der nicht tatsächlich in seinem eigenen Leben die Natur dieses Durchbruchs und dieses Erwachens für eine neue Wirklichkeitsebene kennengelernt hat, muss fast unvermeidlich von dem meisten, was über sie gesagt wird, in die Irre geführt werden. Denn Kontemplation kann man nicht lehren. Man kann sie nicht einmal richtig erklären. (…)

Nichts ist abstossender als eine pseudo-wissenschaftliche Definition der kontemplativen Erfahrung. Ein Grund dafür ist, dass jeder, der eine solche Definition anzustellen versucht, allzu leicht der Versuchung unterliegt, psychologisch vorzugehen; aber eine angemessene Psychologie der Kontemplation gibt es überhaupt nicht. Beschreibt man „Reaktionen“ und „Gefühle“, so lokalisiert man die Kontemplation in einem Bereich, worin sie sich nicht findet, nämlich im Oberflächenbewusstsein, und versucht sie dort mittels Reflexion zu beobachten. Aber genau diese Reflexion und dieses Bewusstsein sind Teil jenes äusserlichen Selbst, das im echten Erwachen des Kontemplativen „stirbt“ und wie ein schmutziges Gewand beiseite geworfen wird. (…)

Die Oberfläche ist so hart
Humorlos ernst und hungrig satt
Sie ist das Ich das nicht ich bin
Und raubt dem Leben jeden Sinn

Niemand sollte die Hoffnung hegen, die Kontemplation sei eine Fluchtmöglichkeit vor Konflikten, Ängsten oder Zweifeln. Das Gegenteil ist der Fall: Die tiefe unaussprechliche Gewissheit der kontemplativen Erfahrung lässt eine tragische Seelenpein erwachen und reisst in den Tiefen des Herzens viele Fragen auf, die wie Wunden sind, deren Bluten sich gar nicht stillen lässt. Denn jedem Zugewinn an tiefer Gewissheit entspricht auf der Oberfläche eine entsprechende Zunahme des „Zweifels“. Dieser Zweifel steht keineswegs im Gegensatz zum echten Glauben, aber er untersucht erbarmungslos den unechten landläufigen „Glauben“, nämlich den menschlichen Glauben, der nicht mehr ist als das passive Akzeptieren der allgemein üblichen Meinung. Dieser falsche „Glaube“, mit dem wir oft leben und den wir womöglich sogar mit unserer „Religion“ verwechseln, wird der unerbittlichen Infragestellung ausgeliefert. Diese Tortur ist eine Art Feuerprobe, in der wir gezwungen werden, in genau dem Licht der unsichtbaren Wahrheit, das mit dem dunklen Strahl der Kontemplation auf uns gefallen ist, alle die Vorurteile und Konventionen, die wir bislang wie Dogmen akzeptiert haben, zu überprüfen, in Zweifel zu setzen und schliesslich abzulegen. Von daher ist klar, dass sich echte Kontemplation nicht mit Selbstgefälligkeit und dem selbstzufriedenen Übernehmen von vorgefassten Meinungen verträgt. Sie ist kein blosses passives sich Zufriedengeben mit dem status quo, wie manche gern glauben möchten – denn das würde die Kontemplation zu einer Art von spiritueller Anästhesie machen. Kontemplation ist kein Schmerzmittel. Nein: Hier frisst ein brennendes Feuer unerbittlich alle alten, abgedroschenen Wörter, Klischees, Parolen und Rechtfertigungen auf und verbrennt sie zu Asche. Das Schlimmste daran ist, dass sogar Vorstellungen, die wir für heilig halten, zusammen mit allem Übrigen ein Opfer dieses Feuers werden. Da kommt ein schreckliches Zerbrechen und Verbrennen von Idolen in Gang; eine Säuberung des Heiligtums findet statt, damit nichts sich wichtig Gebendes den Ort einnehme, von dem Gott angeordnet hat, er solle leer gelassen werden: die Mitte, der existenzielle Altar, der einfach „ist“.

Am Ende erleidet der Kontemplative die Qual der Wahrnehmung, dass er nicht mehr weiss, was Gott ist. Vielleicht wird ihm die Gnade der Einsicht geschenkt – oder auch nicht –, dass das letztlich ein grosser Gewinn ist, denn „Gott ist kein Was“, kein „Etwas“. Genau das ist eines der wesentlichen Merkmale der kontemplativen Erfahrung. Man sieht dabei, dass es kein „Was“ gibt, das sich „Gott“ nennen lässt. Es gibt nicht „so etwas“ wie Gott, denn Gott ist weder ein „Was“ noch „etwas“, sondern reines „Wer“. Er ist das „Du“, vor dem unser innerstes „Ich“ in die Bewusstheit springt. Er ist der Ich bin, vor dem wir mit unserer eigenen allerpersönlichsten und unverkennbaren Stimme als Echo unser „ich bin“ rufen. (…)

Ich bin in Dir und Du in mir
Wir sind uns gegenseitig Zier
Ich bin die Liebe bin der Geist
Ich bin das Ich das Du befreist

Es ist eine ungeheure Gnade und ein grosses Privileg, wenn ein Mensch, der in der Welt lebt, in der wir leben müssen, plötzlich sein Interesse an den Dingen verliert, die diese Welt in Beschlag nehmen, und in seiner eigenen Seele den starken Wunsch nach Armut und Alleinsein entdeckt. Und das kostbarste aller Geschenke der Natur oder Gnade ist der Wunsch, verborgen zu sein und aus der Sicht der Menschen zu verschwinden und von der Welt für Nichts erachtet zu werden und sich auch gar nicht mehr mit auf sich selbst gerichteten Überlegungen zu beschäftigen und im Nichts jener unermesslichen Armut unterzugehen, die reine Anbetung Gottes ist. Dieses absolute Leersein, diese Armut, dieses Vergessenwerden enthält in sich das Geheimnis jeglicher Freude, denn es ist erfüllt von Gott. (…) Der Mystiker lebt in der Leere, in der Freiheit, so als hätte er kein begrenztes und exklusives „Selbst“ mehr, das ihn von Gott und anderen Menschen unterschiede.

 


Von der Individuation und vom neuen Götzen



C.G. Jung zur „Individuation“:


Je mehr du an dem hängst, was alle Welt möchte, desto mehr bist Du ein Jedermann, der jedenfalls sich selber noch nicht entdeckt hat, infolgedessen wie ein Blinder durch die Welt stolpert und als Führer der Lahmen in somnambuler Sicherheit ins Leere tritt, wohin ihm alle Gelähmten folgen. Ein ‚Jedermann’ ist nämlich immer viele.

Reinige dein Interesse von jeglichem Kollektivschwefel, der allen wie eine Lepra anhängt. Das Begehren brennt ja nur, um auszubrennen, und in und aus diesem Feuer entsteht der wahre Lebensgeist, der ein Leben nach eigenen Gesetzen hervorbringt, und nicht durch die Myopie unserer Absicht und durch die plumpe Anmasslichkeit unseres Willensaberglaubens verkrüppelt ist.

Man denkt in Hunderttausenden und Millionen von Exemplaren, wobei dann natürlich keine anderen Fragen mehr wichtig sind, als wem die Herde gehört, wo sie weidet, ob genügend Kälber geworfen werden und die entsprechende Menge Milch und Fleisch produziert wird.

Angesichts der ungeheuren Zahlen verblasst jeder Gedanke an Individualität, denn die Statistik löscht alle Einmaligkeit aus. Im Anblick solcher Macht und solchen Elendes geniert sich der Einzelne überhaupt zu existieren.

Der reale Lebensträger aber ist der Einzelne. Er allein fühlt das Glück, er allein hat Tugend und Verantwortung und Ethik überhaupt. Die Masse und der Staat haben nichts dergleichen. Allein der Mensch als Einzelwesen lebt, der Staat hingegen ist ein System, eine blosse Maschine, um Massen zu sortieren und anzuordnen.

Wer also in menschlichen Dingen minus den Menschen, dagegen aber in grossen Zahlen denkt und dabei sich selber atomisiert, der ist an sich selber zum Räuber und Dieb geworden. Er hat den Aussatz kollektiven Denkens mitgemacht und ist zum Insassen jenes kranken Zuchtstalles, genannt „totalitärer Staat“, geworden.

Unsere Zeit enthält und produziert genug von jenem „rohen Schwefel“, der den Menschen daran hindert, zu seinem eigenen Sein zu gelangen.

Der Standpunkt des inneren Menschen ist so bedroht, wie der des äusseren überwältigend ist. Manchmal rettet ihn ja nur seine Unsichtbarkeit. Er ist so wenig, dass niemand ihn missen würde, wenn er nicht das Ein und Alles des inneren Friedens und Glückes wäre. Und schliesslich fühlt weder ein „Achtzig Millionen-Volk“, noch der Staat, sondern der Einzelne Glück und Zufriedenheit.

Man wird nie um das einfache Rechenexempel herumkommen, dass auch der grösste Haufen von Nullen keine Eins ergibt, und auch das lauteste Gerede wird die einfache psychologische Wahrheit, dass je grösser die Menge, desto nichtiger der Einzelne, nicht aus der Welt schaffen.

Solange einer weiss, dass er der Lebensträger, und es darum wichtig ist, dass er lebt, so lange lebt auch das Mysterium seiner Seele – gleichgültig, ob bewusst oder unbewusst.

Wer aber den Sinn seines Lebens nicht mehr in der Erfüllung desselben sieht und auch an kein ewiges Menschenrecht zur Freiheit eines solchen Erfüllens glaubt, der hat seine Seele verraten und verloren und durch einen Wahn ersetzt, der ins Verderben führt, wie unsere Zeit so deutlich demonstriert.

(Aus C.G. Jung: „Die Vereinigung der Gegensätze“; 1954)




Friedrich Nietzsche: „Vom neuen Götzen“

Irgendwo gibt es noch Völker und Herden, doch nicht bei uns, meine Brüder: da gibt es Staaten.
Staat? Was ist das? Wohlan! Jetzt tut mir die Ohren auf, denn jetzt sage ich euch mein Wort vom Tode der Völker.
Staat heißt das kälteste aller kalten Ungeheuer. Kalt lügt es auch; und diese Lüge kriecht aus seinem Munde: »Ich, der Staat, bin das Volk.«
Lüge ist's! Schaffende waren es, die schufen die Völker und hängten einen Glauben und eine Liebe über sie hin: also dienten sie dem Leben.
Vernichter sind es, die stellen Fallen auf für viele und heißen sie Staat: sie hängen ein Schwert und hundert Begierden über sie hin.
Wo es noch Volk gibt, da versteht es den Staat nicht und haßt ihn als bösen Blick und Sünde an Sitten und Rechten.
Dieses Zeichen gebe ich euch: jedes Volk spricht seine Zunge des Guten und Bösen: die versteht der Nachbar nicht. Seine Sprache erfand es sich in Sitten und Rechten.
Aber der Staat lügt in allen Zungen der Guten und Bösen; und was er auch redet, er lügt – und was er auch hat, gestohlen hat er's.
Falsch ist alles an ihm; mit gestohlenen Zähnen beißt er, der Bissige. Falsch sind selbst seine Eingeweide.
Sprachverwirrung des Guten und Bösen: dieses Zeichen gebe ich euch als Zeichen des Staates. Wahrlich, den Willen zum Tode deutet dieses Zeichen! Wahrlich, es winkt den Predigern des Todes!
Viel zu viele werden geboren: für die Überflüssigen ward der Staat erfunden!
Seht mir doch, wie er sie an sich lockt, die Viel-zu-Vielen! Wie er sie schlingt und kaut und wiederkäut!
»Auf der Erde ist nichts Größeres als ich: der ordnende Finger bin ich Gottes« – also brüllt das Untier. Und nicht nur Langgeohrte und Kurzgeäugte sinken auf die Knie!
Ach, auch in euch, ihr großen Seelen, raunt er seine düsteren Lügen! Ach, er errät die reichen Herzen, die gerne sich verschwenden!
Ja, auch euch errät er, ihr Besieger des alten Gottes! Müde wurdet ihr im Kampfe, und nun dient eure Müdigkeit noch dem neuen Götzen!
Helden und Ehrenhafte möchte er um sich aufstellen, der neue Götze! Gerne sonnt er sich im Sonnenschein guter Gewissen – das kalte Untier!
Alles will er euch geben, wenn ihr ihn anbetet, der neue Götze: also kauft er sich den Glanz eurer Tugenden und den Blick eurer stolzen Augen.
Ködern will er mit euch die Viel-zu-Vielen! Ja, ein Höllenkunststück ward da erfunden, ein Pferd des Todes, klirrend im Putz göttlicher Ehren!
Ja, ein Sterben für viele ward da erfunden, das sich selber als Leben preist: wahrlich, ein Herzensdienst allen Predigern des Todes!
Staat nenne ich's, wo alle Gifttrinker sind, Gute und Schlimme: Staat, wo alle sich selber verlieren, Gute und Schlimme: Staat, wo der langsame Selbstmord aller – »das Leben« heißt.
Seht mir doch diese Überflüssigen! Sie stehlen sich die Werke der Erfinder und die Schätze der Weisen: Bildung nennen sie ihren Diebstahl – und alles wird ihnen zu Krankheit und Ungemach!
Seht mir doch diese Überflüssigen! Krank sind sie immer, sie erbrechen ihre Galle und nennen es Zeitung. Sie verschlingen einander und können sich nicht einmal verdauen.
Seht mir doch diese Überflüssigen! Reichtümer erwerben sie und werden ärmer damit. Macht wollen sie und zuerst das Brecheisen der Macht, viel Geld – diese Unvermögenden!
Seht sie klettern, diese geschwinden Affen! Sie klettern übereinander hinweg und zerren sich also in den Schlamm und die Tiefe.
Hin zum Throne wollen sie alle: ihr Wahnsinn ist es – als ob das Glück auf dem Throne säße! Oft sitzt der Schlamm auf dem Thron – und oft auch der Thron auf dem Schlamme.
Wahnsinnige sind sie mir alle und kletternde Affen und Überheiße. Übel riecht mir ihr Götze, das kalte Untier: übel riechen sie mir alle zusammen, diese Götzendiener.
Meine Brüder, wollt ihr denn ersticken im Dunste ihrer Mäuler und Begierden? Lieber zerbrecht doch die Fenster und springt ins Freie!
Geht doch dem schlechten Geruche aus dem Wege! Geht fort von der Götzendienerei der Überflüssigen!
Geht doch dem schlechten Geruche aus dem Wege! Geht fort von dem Dampfe dieser Menschenopfer!
Frei steht großen Seelen auch jetzt noch die Erde. Leer sind noch viele Sitze für Einsame und Zweisame, um die der Geruch stiller Meere weht.
Frei steht noch großen Seelen ein freies Leben. Wahrlich, wer wenig besitzt, wird um so weniger besessen: gelobt sei die kleine Armut!
Dort, wo der Staat aufhört, da beginnt erst der Mensch, der nicht überflüssig ist: da beginnt das Lied des Notwendigen, die einmalige und unersetzliche Weise.
Dort, wo der Staat aufhört – so seht mir doch hin, meine Brüder! Seht ihr ihn nicht, den Regenbogen und die Brücken des Übermenschen? –

Also sprach Zarathustra.

(Aus Friedrich Nietzsche: "Also sprach Zarathustra"; 1885)

Was passiert gerade mit uns?


Leserbrief im Unter-Emmentaler vom 30. Juni 2020
von Edi Linder, Huttwil 
(Gründer und ehem. Heimleiter von "Bärg und Tal"):

ICH BIN



Schakta: "Tales"


Genial! Seit Jahren habe ich nach dieser Platte gesucht (die mir leider verlorengegangen ist) und jetzt finde ich sie bei Youtube! Ich habe bei der Vorgängerband von SCHAKTA, bei VACUUM eine zeitlang Bass gespielt, das war 1975-76 in Münsingen. Urs Mägert und Christoph Müller waren damals schon dabei. Rhythmus-Gitarrist und Sänger war Toni Zulauf, an den Drums sass Lorenz Vögeli. Da kommen jede Menge Erinnerungen hoch... Schön!


😍🙃🙂✌️ 

Über den Nutzen kluger Methoden


Über den Nutzen kluger Methoden

Meister Wo Lun hielt sich selbst für erwacht. So brachte er eines Tages einen vierzeiligen Vers zu Papier, um seinen erleuchteten Zustand allen kundzutun:

            Wo Luns Methoden sind klug und wirken
            Unterbunden ist alles quälende Denken
            Auf diesem Feld keimt kein einziger Same mehr
            Tag um Tag wird die Erleuchtung tiefer

Als dieser Vers dem grossen Meister Hui Neng zugetragen wurde, kommentierte er kurz und knapp: Dieser Mensch hat die wahre Bedeutung der Buddhalehre nicht erfasst. Wer auf diese Weise übt, kommt nicht voran. Alles in sich ersterben lassen und mit Vorsatz nicht Denken wollen, ist ein grosser Irrweg. Wir sollten durch dieses Leben wie ein Buddha gehen, nicht aber danach trachten, als buddhistische Holz- oder Steinfigur zu sterben. Nur auf den Tod zu starren und die Möglichkeiten dieses Lebens zu verpassen, ist ein grosser Fehler. Dann nahm er seinen Pinsel und schrieb Wo Luns Vers neu:

            Hui Neng kennt die klugen Methoden nicht
            Das quälende Denken nimmt er hin
            Auf diesem Feld keimt reiche Saat
            Wie könnte die Erleuchtung noch fern sein?

Aus“Das kostbarste im Leben – Chan-Geschichten und Anekdoten“;
Hrsg. Hans-Günter Wagner; Werner Kristkeitz Verlag; 2009



Wie die Weisheit der Bäume unser Leben stärkt




Lieber Johannes

Wir haben uns gestern Abend die Doku angeschaut und sind begeistert. Nicole befasst sich ohnehin schon lange Zeit vor allem mit der Natur und gerade auch mit den Bäumen.

Und ich habe vor zwei Jahren in Dicken mit tiefen Reflexionen und Meditationen über die Verbundenheit (abhängige Bedingtheit) von allem mit allem meine Depression überwunden. Diese Reflexionen und Meditationen habe ich oft im Wald und einem Baum gegenüber sitzend gemacht. Und wie es Erwin Thoma erzählt - er ist übrigens ein begnadeter Erzähler! - so habe ich in meinen Meditationen gesehen, dass der Baum nicht isoliert besteht, sondern das alles um ihn herum - Erde, Wasser, Sonne, Luft - genauso zu ihm gehören, wie seine Wurzeln und Äste. Und dann habe ich gesehen, dass es bei mir selber - und bei allen Menschen und allem Leben - genauso ist: Auch wir existieren nicht als isolierte "Ichs", sondern ausschliesslich in Abhängigkeit von allem uns umgebenden Leben. Das ist es, was der Buddhismus mit seinen beiden Kernlehren "Nicht-Ich" und "Bedingtheit" aussagen will. 

Ich habe dies damals im Geist ganz klar "gesehen" und emotional tief empfunden. Und da löste sich alles Depressive auf, es fand einfach keinen Ort mehr, wo es hätte andocken können. Es gab nur noch diese Ganzheit, das "Leben - Gott - alles in allem". Im Grunde genommen war es ein analoges Geschehen, wie 1981 in meinem ersten Retreat, als ich nach intensiven Meditationen draussen vor dem Haus stand und mich und die ganze Welt nur mit dem Begriff "Heiligkeit" zu erfassen vermochte. Ich war heilig, alles war heilig. Christlich würde dieses Erleben wohl als "Unio Mystica" benannt werden. 

Es ist eine grosse Ermutigung, zu sehen, dass ein Mensch - wie Erwin Thoma - über einen "weltlichen" (nicht im engen Sinne religiösen) Weg zu denselben Erfahrungen gelangen kann. Und seine ganze Geschichte zeigt mir auch wieder dies, dass - wie sich Schopenhauer ausdrückte - "der Mensch wohl tun kann, was er will, dass er aber nicht wollen kann, was er will", dass eben das Wollen (und auch das Vollbringen) uns geschenkt wird, es widerfährt uns und liegt nicht in unserer Macht. An uns aber liegt das Tun dessen, wozu in uns ein Wille aufsteigt. Und auch das gefällt mir an Thoma, die Betonung des Tuns, dass wir durch das Tun lernen und nicht durch ein Auswendiglernen von Theorien. 

Und als letztes: Die Betonung des Herzens, das "auf-das-Herz-hören" statt auf den abstrakten Verstand, auf das innere Fühlen, statt auf Zahlen und Statistiken. Genau darum ginge es heute auch in dem ganzen Corona-Debakel. Wer hier auf das Herz hört, der hört etwas anderes als das, was Zahlen und Statistik zu erkennen und auszusagen vermeinen. Statistik scheint mir im Wissenschaftsbetrieb eine ganz ähnliche Funktion auszuüben wie das Dogma in Religion und Ideologie. Statistik und Dogma sind ohne Leben, ohne Herz, sie sind tot und im Grunde genommen nichtssagend. Das hat Roland Mahler in seinem Vorwort zu meinem ersten Buch „Dem Leben vertrauen - Der innere Weg“ schön formuliert, wo er dem "religiösen Puristen und Dogmatiker" den "Herzensleser" gegenüberstellt.

Puristen und Dogmatiker gibt es heute eben gerade auch im Wissenschaftsbetrieb - ob im Baugewerbe, in dem Erwin Thoma sich bewegt - oder im Gesundheitswesen, als dessen globale Autorität sich die WHO ausgibt. Genauso wie die religiösen Dogmatiker "Buchstabenhörige" sind, die nicht wissen dass - wie es die Bibel sagt - "der Buchstabe tötet und der Geist Leben gibt", so sind die wissenschaftlichen Dogmatiker "Zahlen- und Statistikhörige", die nicht wissen, dass Zahlen töten, dass sie niemals Leben spenden können, und dass nur das Hören auf das Herz, das "Herzenlesen" Leben zu spenden vermag. 

Und unter Leben verstehe ich das ganzheitliche Leben, zu dem auch Alter, Krankheit und Tod gehören. Alter, Krankheit und Tod sind nicht unsere Feinde, sie sind wesentliche Aspekte unseres Hierseins, unseres Lebens. Wenn wir ihnen kriegerisch gegenüberstehen, verlieren wir nicht sie, sondern das wahre Leben. Und das wahre Leben besteht in dem, was Martin Buber so ausgedrückt hat: "Alles wirkliche Leben ist Begegnung". Auch darin gipfelt Thomas Vortrag, in der Begegnung, in der Beziehung, in der Freundschaft. Die, so sagt Thoma, hilft uns mehr als die vermeintliche Sicherheit von Versicherungen. 

Und in Anlehnung an die gegenwärtige Corona-Krise: Freundschaft hilft uns mehr als Panikmache, Isolation und Impfung. 

Wunderbar, wie Erwin Thoma aus seiner ganz persönlichen Lebenserfahrung heraus diese Dinge beschreibt! Dieser Vortrag ist ein Juwel.

Besten Dank für den Link!
Alles Gute, mein Freund, u häbs gäbig u läbig!
Ueli

Corona - Wahn ohne Ende?



Von Youtube wegen angeblichem Verstoss gegen
die Communitiy-Richtlinien gelöscht... das gibt
doch sehr, sehr zu Denken... aber (zur Zeit) findet
ihr das Video hier noch!



Der Weg des Lebens


Der Weg des Lebens

20 besinnliche Minuten
auch (und gerade auch) für die 
Bewältigung herausfordernder Zeiten



Begehren und Wiedergeburt


Der Glaube an die Wiedergeburt 
bezeugt nichts anderes als das

Der Glaube an den Tod
bezeugt nichts anderes als das

Da ist kein "Selbst", 
das wiedergeboren wird
und keines
das stirbt

Es ist der tief sitzende
der dem Menschen
ein "Selbst" vorgaukelt
das wiedergeboren werden
oder sterben
könnte

Die Existenz aber
ist


Die Dinge sehen, wie sie sind (Nyanaponika)


Essay von Nyanaponika Mahathera 

Wenn wir aus dem so gewaltig grossen Bereich von Lebenserscheinungen auch nur einen ganz kleinen Ausschnitt betrachten, dann finden wir darin eine so enorme Mannigfaltigkeit von Lebensformen und ihren Komponenten, dass sie jeder Beschreibung trotzt. Drei Grundtatsachen jedoch sind den verschiedenen Lebewesen auf all ihren Entwicklungsstufen gemeinsam, von der Mikrobe bis zum Menschen, und im Geistigen von den einfachsten Sinneswahrnehmungen bis zu den subtilen Gedanken eines schöpferischen Genies. Diese drei Fakten sind:

- die Vergänglichkeit (aniccaund ausnahmslose Veränderlichkeit aller körperlichen und           geistigen Vorgänge,
- ihre Leidhaftigkeit (dukkha) und unbefriedigende Natur,
- ihre Ich- und Substanzlosigkeit (anatta).

Diese drei Grundtatsachen der Existenz wurden vor über 2500 Jahren zum ersten Mal vom Buddha entdeckt und formuliert. Er wurde daher mit Recht als "Kenner der Welt" bezeichnet. In buddhistischer Terminologie sind diese drei Fakten als die "drei Merkmale" (ti-lakkhana) bekannt, als die unauslöschbaren Kennzeichen von allem, was ins Leben tritt; die Siegel, mit denen alles Lebendige geprägt ist.

Das erste und das dritte Merkmal gelten sowohl für Lebewesen wie auch für die nicht belebte Natur. Denn alles Existierende ist dem Wandel und dem Vergehen unterworfen und hat keine beharrende Substanz irgendwelcher Art. Das zweite Merkmal, Leidhaftigkeit, ist natürlich nur eine Erfahrung empfindender Lebewesen. Der Buddha wandte jedoch das Merkmal der Leidhaftigkeit auf alle bedingten Phänomene an, und zwar in dem Sinne, dass alles bedingt Entstandene für Lebewesen eine mögliche Ursache von Leiderfahrung ist und dass es keine dauernde Befriedigung gibt. So sind diese drei eben wahrhaft universale Kennzeichen, die auch für das gelten, was unterhalb oder jenseits unserer Wahrnehmungsschwelle liegt. 

Der Buddha lehrt, dass die Daseinserscheinungen, materielle wie geistige, nur dann richtig und wirklichkeitsgemäss verstanden werden können, wenn diese drei Merkmale verstanden sind. Dieses Verstehen aber soll nicht auf ein rein intellektuelles beschränkt bleiben, sondern muss aus der Konfrontierung mit der eigenen Erfahrung wachsen. Die Klarblicks-Weisheit (vipassana-panna), die der entscheidende befreiende Faktor ist, besteht in dem auf eigene Erfahrung gegründeten Verstehen eben jener drei Daseinsmerkmale, gegründet auf die eigenen körperlichen und geistigen Prozesse, vertieft und gereift in Meditation.

Die Dinge sehen, wie sie wirklich sind, heisst, sie konsistent im Lichte der drei Daseinsmerkmale zu sehen. Wenn man sie aber nicht so sieht oder sich über ihre Tatsächlichkeit oder die Reichweite ihrer Anwendung täuscht, so ist das ein bestimmendes Kennzeichen der Unwissenheit. Eben diese Unwissenheit ist die Hauptquelle des Leidens, das sich aus einer unergründlichen Vergangenheit in eine ungewisse Zukunft fortsetzt und so den Daseinskreislauf in Gang hält. Diese Unwissenheit über die drei Daseinsmerkmale knüpft das Netz, in das sich der Mensch verfängt, das Netz täuschender Hoffnungen, unerfüllbarer und unheilsamer Wünsche, trügerischer Ideologien und falscher Werte und Ziele.

Ein Ignorieren oder Verfälschen der drei Daseinsmerkmale kann nur zu Frustrierung führen, zu Enttäuschung und schliesslich zu Verzweiflung. Doch wenn wir es lernen, trügerische Erscheinungsformen zu durchschauen und die drei Merkmale in allen Gestaltungen wiedererkennen, dann wird uns dies vielfachen Gewinn bringen, sowohl im täglichen Leben wie auch in unserem spirituellen Streben. Auf der weltlichen Ebene wird ein klares Gewahrsein der Vergänglichkeit einen realistischen Ausblick auf das Leben und seine Möglichkeiten geben. Es wird uns vor falschen Erwartungen bewahren, uns eine mutige Hinnahme von Leiden und Fehlschlägen geben und uns schützen gegen die Verlockungen durch Wunschträume und allzu gläubige Gedanken.

Für unser Streben nach dem überweltlichen Ziel der Leidfreiheit ist ein tieferes Verständnis und Erlebnis der drei Merkmale unerlässlich. Für ein intensives meditatives Erfassen bilden sie die drei möglichen Zugangswege zum Ziel der Leidfreiheit. Die meditative Erfahrung, dass alle Daseinsvorgänge untrennbar mit den drei Merkmalen verknüpft sind, wird die Fesseln unseres Geistes, die uns an das fälschlich für beständig, glückbringend und substanzhaft vermeinte Dasein binden, zunehmend lockern und wird schliesslich diese Bindung endgültig brechen.

Mit wachsender Klarheit wird man die Dinge, die inneren und die äusseren, in ihrer wahren Natur erkennen: als in ständigem Wandel befindlich, als verquickt mit Leidhaftigkeit und als kernlos, ohne eine ewige Seele, ein identisches Ich oder eine beharrende Substanz.

In solchem Anblick wird die innere Ablösung von allem Leidhaften und Unbefriedigenden stetig zunehmen, wird grössere Freiheit vom ichbezogenen Anhaften bringen und schliesslich in der endgültigen Befreiung des Geistes von allen Fesseln und Befleckungen gipfeln, im Nibbana. 

Alles wirkliche Leben ist Begegnung




Mutiger Glaube

Essay von Ven. Nyanaponika Mahathera

Erstveröffentlichung in engl. in Buddhist Publication Society: The Wheel Nr. 205; 1974
Deutsch erstmals in Nyanaponika, "Im Lichte des Dhamma - Buddhistische Texte"; Verlag Christiani, Konstanz; 1989 - heute erhältlich im Verlag Beyerlein & Steinschulte, siehe hier

Mutiger Glaube


Glaube besteht nicht nur darin, dass man an die Existenz des Glaubensobjektes oder an die Wahrheit von Bekenntnisformeln glaubt. Zu echtem Glauben gehört vielmehr auch das Vertrauen in die wirkende Kraft des Glaubensobjektes. Religiöser Glaube ist das Vertrauen in die Wirkungskraft des Guten im höchsten Sinn. Buddhistischer Glaube an das Dreifache Kleinod (Buddha, Dhamma, Sangha) findet seinen praktischen Ausdruck im Vertrauen in die Wirkungskraft des Edlen Achtfachen Pfades, in seine läuternde und befreiende Kraft.

Unter denen, die sich Gläubige oder religiös gesinnt nennen oder die sich als Buddhisten bezeichnen, gibt es leider allzu wenige, die einen starken Glauben an die Wirkungskraft des Guten haben: das Vertrauen in seine Fähigkeit, das Leben des Einzelnen und der Gesellschaft umzuwandeln und sich so gegen den Widerstand des Üblen in ihnen selber und in der Aussenwelt zu schützen. Zu wenige sind es, die den Mut haben, sich der starken Strömung des Guten anzuvertrauen. Zu viele sind es, die, trotz einer vagen Art von Gläubigkeit, doch innerlich dem Übel eine grössere Kraft zusprechen, die zu stark ist, um ihr zu widerstehen. Eben dies scheinen viele Politiker überall in der Welt zu glauben, besonders solche, die sich "Realisten" nennen, offenbar in der Meinung, dass nur das Übel "real" sei. So denken sie, dass sie diese grössere Macht des Übels in all ihrem Verhalten und Planen akzeptieren müssen. Wenn sie nicht bereit sind, die Kraft des Guten auf die Probe zu stellen, dann ist es kein Wunder, dass sie nicht viel Gutes erzielen können.

Gewiss, da wir in unserer Welt immer wieder konfrontiert sind mit Macht- und Besitzgier, mit Gehässigkeit, Gewalttat und Verblendung, erfordert ein echter Glaube an die Kraft des Guten einen beträchtlichen Mut. Doch ohne Mut gibt es keinerlei Fortschritt. Fortschritt erfordert die Überwindung der natürlichen Beharrungstendenz unbefriedigender Zustände im einzelnen wie in der Gesellschaft. Es erfordert gewiss Mut, den ersten Schritt zu tun, um dem Guten grössere Geltung zu verschaffen. Es erfordert Mut, anzukämpfen gegen den natürlichen Beharrungstrieb und die Selbsterhaltungstendenz der Dinge und Geisteszustände. Aber eben dieser Mut ist die Vorbedingung für Erfolg.

Die alten Meister der buddhistischen Tradition wussten es sehr wohl, dass Mut ein wesentlicher Bestandteil echten Glaubens und starken Vertrauens ist. Sie verglichen die Vertrauenskraft des Glaubens mit einem starken, mutigen Helden, der sich als erster in das turbulente Wasser eines Stromes stürzt, um schwächere Leute sicher hinüber zu führen, die zaghaft am diesseitigen Ufer Halt machten oder aufgeregt hin und her liefen, miteinander argumentierend, welches wohl der beste Platz zum Durchkreuzen des Stromes sei.

Dieses Gleichnis kann sowohl auf das Gesellschaftsleben wie auch auf das Geistesleben angewandt werden. Im Gesellschaftsleben sind die "schwächeren Leute" diejenigen, die zwar bereit sind, einem Führer zu folgen und ihn zu unterstützen, die aber selber keine Initiative für selbständiges, Mut erforderndes Handeln haben. Im geistigen Leben sind die "schwächeren" solche für spirituellen Fortschritt erforderlichen Eigenschaften, die entweder ganz unentwickelt oder isoliert sind von den sie notwendig ergänzenden Fähigkeiten und Tugenden.

Intellekt (panna - Anm: Das Paliwort "panna" wird heute meist mit "Weisheit" wiedergegeben, was für die höhere spirituelle Ebene zutrifft. Der Begriff hat aber auch eine allgemeine Bedeutung im Sinne von Intellekt, Intelligenz, Verstand) und Glaube (Vertrauen, saddha) sind solche Eigenschaften, die einander ergänzen, stärken und harmonisieren sollen. Wenn dem Intellekt die Ergänzung durch das Vertrauen, die Hingabe und den Eifer des Glaubens mangelt, dann wird er bei einem nur theoretischen Verständnis, einer bloss intellektuellen Wertschätzung der Lehren bleiben, die gelebt, also nicht nur bedacht oder besprochen werden sollen. Im Rahmen des obigen Gleichnisses heisst dies: wird der Intellekt nicht vom Helden des vertrauenden Glaubens unterstützt, so beschränkt er sich darauf, am diesseitig-weltlichen Ufer hin und her zu laufen - eine Tätigkeit, die einen wichtigen und geschäftigen Eindruck macht, aber wenig tatsächliche Ergebnisse bringt.

Intellekt ohne den Glauben an die Erreichbarkeit des Ziels wird nicht das Vertrauen in die eigene Kraft haben, ein Führer durch die verschlungenen Pfade des Lebens zu sein, ohne das Ziel aus dem Auge zu verlieren. Ohne die innere Überzeugung, verliehen durch das Vertrauen, wird der Intellekt zögern, ernstlich seinen eigenen Schlussfolgerungen und Postulaten Folge zu leisten. Dem Intellekt wird dann der Mut fehlen, einen entschiedenen Beginn mit der Aufgabe zu machen, ans "andere Ufer" zu gelangen. Doch Glaube als eine unterstützende Eigenschaft, gefördert durch die Kraft und Ausdauer der Energie (viriya), wird dem Intellekt Flügel geben, um sich über die Unfruchtbarkeit unangewandten Wissens und die nutzlosen Wortspiele abstrakt-begrifflichen Denkens zu erheben. 

Zeichnung: Matthias Sägesser

Als Gegenleistung wird der Intellekt dem Glauben kritische Urteilsfähigkeit geben und verlässliche Führung. Der Intellekt wird den Glauben davor bewahren, sich im Emotionalen zu erschöpfen und seine Energien in fruchtlosen Gefühlsausbrüchen oder fehlgerichteten Bemühungen zu verschwenden. Daher sollte spirituelles Streben in harmonischem Ausgleich stehen. Wenn Achtsamkeit über ihr Gleichgewicht wacht, werden mutiger Glaube und klarer Intellekt ideale Gefährten sein, durch gemeinsames Bemühen befähigt, vieler Gefahren und Schwierigkeiten auf dem Wege der Befreiung Herr zu werden.


Die Kinder sind der Sinn




DIE KINDER SIND DER SINN Ich gehe durch den Wald das Wetter ist mild Es ist alles so grün und alles so wild Ich höre die Vögel und höre den Wind Die Schöpfung wartet auf Gottes Kinder Oh… oh… wann ist genug gelitten? Wann ist genug gelitten? Wir Menschen roden Wälder und töten Leben Leben von Gott es ist total daneben Wir herrschen über das Leben Mit Lust und mit Wut Ein Friedhof ist die Erde getränkt mit Blut Oh… oh… es ist genug gelitten! Es ist genug gelitten! Das Leben entgleitet schmerzvoll in den Tod Es ist nicht Zufall nein es ist Mord! Wir reissen uns um die Herrschaft Um die Macht und um das Geld Jeder möchte Herr sein über Gott und die Welt Oh… oh… es ist genug gestritten! Es ist genug gestritten! Gott ist der Herr und die Schöpfung sein Kind Sie wartet auf die Offenbarung des Sinns Der Sinn liegt in Gott und in seinen Kindern In den Kindern liegt der Sinn Der Sinn sind die Kinder Oh… oh… der Sinn sind die Kinder Die Kinder sind der Sinn Was ist der Unterschied zwischen einem Träumer und einem Visionär? Vielleicht dieser, dass der Träumer sich in seinen Träumen verliert und sie nie realisieren, nie verwirklichen kann, während der Visionär seine Visionen auf die Erde holt, sie irdisch macht, sie verwirklicht oder doch wenigstens ernsthaft versucht, sie zu verwirklichen. In diesem Sinne erlebe ich mich als beides: Sowohl zu Zeiten als Träumer, der sich verliert, als auch zu Zeiten als Visionär, der seine Visionen auf der Erde zu leben versucht. Meine Vision ist eine dreifache Einheit, die ich seit vielen Jahren mit den Worten Friede, Freiheit und Freundschaft (so auch der Titel eines Liedes) benenne. Oder in anderen Worten: Stille und Präsenz mit Herz (der Titel eines meiner Bücher). Aber wenn ich in die Welt schaue, in die Menschheit, und auch in mein eigenes Herz, meinen eigenen Geist, dann sehe ich da oft so wenig Stille und Friede, so wenig Präsenz und Freiheit, so wenig Herz und Freundschaft, und mein Traum, meine Vision, zerplatzt wie eine Seifenblase an den eisenharten Konturen des Seins. Und was bleibt, sind Tränen, ist Enttäuschung darüber, dass die Vision von Friede, Freiheit und Liebe einmal mehr nur ein Traum geblieben ist, ohne Verwirklichung. Dieses Leiderleben ist der Anfang der Mystik. "Ich halte dafür, dass die Leiden der jetzigen Zeit nicht in Betracht kommen gegenüber der Herrlichkeit, die an uns geoffenbart werden soll. Denn die gespannte Erwartung der Kreatur sehnt die Offenbarung der Kinder Gottes herbei. Die Kreatur ist nämlich der Vergänglichkeit unterworfen, nicht freiwillig, sondern durch den, der sie unterworfen hat, auf Hoffnung hin, dass auch sie selbst, die Kreatur, befreit werden soll von der Knechtschaft der Sterblichkeit zur Freiheit der Herrlichkeit der Kinder Gottes." (Bibel; Röm 8,18-21) Das mystische, spirituelle, religiöse Leben beginnt mit der persönlichen Leiderfahrung. Es beginnt dort, wo diese Leidenswirklichkeit erkannt und als unvermeidbarer Aspekt der Existenz akzeptiert wird. Das Leiden wird als Daseinswirklichkeit angenommen, es wird ihm aber nicht das letzte Wort zugestanden. Der Träumer träumt weiterhin seinen Traum und der Visionär wirkt weiterhin an der Verwirklichung. "Wer den Weg zu seinem Ideale nicht zu finden weiss, lebt leichtsinniger und frecher, als der Mensch ohne Ideal." (Friedrich Nietzsche) Wir Träumer und Visionäre leben in der Hinsicht leichtsinniger und frecher, als wir uns von der Leidenswirklichkeit nicht von unserem Ideal der möglichen Leidfreiheit abbringen lassen. Wir lassen uns nicht unterkriegen. Wir halten unsere Träume und Visionen aufrecht. Eine Vision christlicher Spiritualität ist die Vision von der Gotteskindschaft. Alles was lebt, die gesamte Schöpfung, wartet auf das Offenbarwerden der Menschen als Kinder Gottes. In dieser Vision liegt die Freiheit von Leiden und Tod, nicht nur für den Menschen selbst, sondern für alle ‚Kreatur’. Wie wird ein Mensch nun als Kind Gottes offenbar? Wie wir sagten: "Wer liebt, der ist aus Gott geboren…" (1. Joh 4,7)

Dir von Herzen alles Gute!
Ueli

Huang Po und der eine Geist


Kürzlich habe ich mir eine Audio mit den Lehren von Huang Po angehört. Es fällt mir relativ schwer, jetzt dazu ein Statement abzugeben, eigentlich würde ich es am liebsten einfach so stehen lassen, das würde sich auch mit Huang Po's Aussage decken, dass der Dharma nicht mit Worten zu übertragen sei.


Ich vertrete auch die Anschauung, dass der Dharma – die Wirklichkeit, die Wahrheit – nicht mit Worten allein vermittelt und verwirklicht werden kann. Aber auch nicht ohne Begriffe und Konzepte. Jede sprachliche Mitteilung besteht in Begriffen und Konzepten, auch die Überlieferung Huang Po’s kommt darum nicht herum. Wer das vermeiden will, muss schweigen. Und darf nicht mehr denken.

Nicht mehr in Begriffen zu denken, wie es Huang Po wiederholt und nachdrücklich fordert, ist natürlich zeitweise (laut Überlieferung maximal acht Tage lang) möglich, und zwar in den tiefen Samadhi-Zuständen (ab 2. Jhana), die haben aber (in der Überlieferung des ursprünglichen Buddhismus, also des Theravada) nichts zu tun mit Bodhi (Erleuchtung, Erwachen). Die Erlangung dieser Zustände ist noch nicht einmal notwendig für die Verwirklichung des Erwachens, kann aber durchaus sehr hilfreich sein, da sie den Geist für eine gewisse Zeit sehr ruhig machen und dadurch die geistige Klarheit erzeugen, die für die Einsichts-(Vipassana-)Meditation nötig ist.

Für die Verwirklichung der Einsicht in die drei Daseinsmerkmale (anicca: Vergänglichkeit; dukkha: Leiden; anatta: Nicht-Ich) – die allein zum Erwachen führt – ist aber ein klares Denken unerlässlich. Vor dem Durchbruch zum Pfad des Erwachens steht die Gleichmutserkenntnis und diese ist Ergebnis einer tiefen Reflexion der drei Daseinsmerkmale. Dazu heisst es im Visuddhi Magga:

Nachdem der Übende so (Anm: durch Reflexion der drei Daseinsmerkmale) alle Daseinsgebilde als leer erkannt hat, haftet er an nichts mehr und ist von vollkommenem Gleichmut hinsichtlich aller Daseinsgebilde erfüllt. Die Gedanken des ,Ich’ und ,Mein’ können nicht mehr in ihm aufsteigen.
Erkennt diese Gleichmutserkenntsnis das stille Los des Nirvana als den Frieden, so läßt sie den ganzen Vorgang der Daseinsgebilde fahren und drängt bloß noch zum Nirvana hin.
Erkennt sie aber das Nirvana nicht als den Frieden, so nimmt sie eben immer wieder die Daseinsgebilde zum Objekt.
Diese Erkenntnis bildet also den entscheidenden Wendepunkt zum Erwachen hin.

Was ist Nirvana? Kandha-Nirvana ist das Erlöschen aller körperlichen und geistigen Phänomene, die unsere Existenz ausmachen. Dies tritt ein beim Tode des Menschen. Kilesa-Nirvana ist das Erlöschen allen Anhaftens an der geistig-körperlichen Existenz, also wenn keine Identifikation mit einem vermeintlichen „Ich“ mehr gemacht wird und keine Inbesitznahme irgendeines körperlichen oder geistigen Phänomens als „Mein“.

Das sogenannte Erleuchtungserlebnis ist das kurzzeitige Eintauchen in Nirvana, es ist das, was viele Traditionen Initiation nennen, wenn du magst, lies dazu meinen Text Geheimnis und Gerechtigkeit.

Den „einen, ewigen Geist“, den viele Zen-Schulen lehren, gibt es in der ursprünglichen buddhistischen Überlieferung nicht. Das einzige „Ewige“, besser: „Zeitlose“, ist Nirvana. Alles Geistige aber ist genauso etwas Entstandenes wie alles Körperliche und damit auch genauso dem Leiden und Sterben unterworfen.

Was dem Menschen möglich ist, und was das Erwachen bewirkt, ist eine weitgehende – und im Falle des vollständigen Erwachens (arahatta) vollkommeneFähigkeit der Lebensmeisterung, also die Fähigkeit, die durchgängige Leidunterworfenheit des Seins auszuhalten und als existenzielle und unabänderliche Wirklichkeit zu akzeptieren.

Der frühbuddhistische Satipatthana-Weg beginnt mit der Achtsamkeit auf alles Körperliche (das ist die Basis der gesamten Geistesschulung) und führt über die Achtsamkeit auf die Gefühle und Geisteszustände zur Achtsamkeit auf die Geistinhalte, also das Denken, die Konzepte, mithilfe derer wir das, was wir als „Ich-in-der-Welt“ wahrnehmen, verstehen. Das höchste Konzept, das der Buddha hierzu gelehrt hat, ist das Konzept der vier edlen Wahrheiten und die aus diesen vier Wahrheiten sich ergebenden vier Aufgaben.

Die erste Wahrheit ist die Wahrheit vom Leiden. Und die Aufgabe bezüglich des Leidens ist es, das Leiden zu umarmen. Es ist ein Irrtum, zu denken, ein erwachter Mensch erlebe kein Leiden mehr. Er erlebt das Leiden genauso wie jedes Lebewesen. Er hat aber die Möglichkeit, das Leiden zu umarmen, also ihm mit Wohlwollen, Mitgefühl und Gleichmut (mit gleichem Mut) zu begegnen, statt es zu leugnen, zu verdrängen, vor ihm zu fliehen oder es zu bekämpfen.

An der existenziellen Wirklichkeit der drei Daseinsmerkmale kann auch der Erwachte nichts ändern, sie bleibt bestehen: Alles Leben und damit alles Erleben ist und bleibt vergänglich, dem Leiden unterworfen, und ist leer an einem bedingungslos Macht darüber habenden „Ich“ oder „Selbst“.

Und das ist alles, was der Begriff Sunnata im frühbuddhistischen Verständnis bedeutet: Dass alle Wesen und Dinge leer sind an einer wie auch immer vorgestellten unabhängigen, unbedingten körperlichen oder geistigen Substanz. Eine Leere oder Leerheit an sich, wie es der Mahayana lehrt, gibt es nicht. Ein sehr gutes Buch dazu hat der verstorbene thailändische Mönchsgelehrte und Meditationsmeister Buddhadasa Bhikkhu geschrieben: Kernholz des Bodhibaums – Sunnata verstehen und leben.

Sunnata – Leere, Leerheit – ist die Brücke zwischen Samsara und Nirvana, denn beide sind leer an Ich und Mein. Durch Identifikation als „Ich“ und Inbesitznahme als „Mein“ wird das Erleben samsarisch, das heisst, es ist der Vergänglichkeit und dem Leiden hilflos ausgeliefert. Durch tiefe Einsicht in die Leerheit werden die Vergänglichkeit und das Leiden bemeistert, indem das Vergängliche und Leidunterworfene nicht mehr als „Ich“ und „Mein“ ergriffen werden.

Die Befreiung des Geistes von „Ich“ und „Mein“ läuft über drei Stufen: Vom Erlernen des Wortlauts der Lehre, über ein tiefes Verstehen des Wortlauts, zur Verwirklichung des Verstandenen, das heisst: Zum intuitiven Erleben der Wahrheit.

Der Mahayana-Buddhismus ist (in seinen Anfängen) mindestens 500 Jahre jünger als der Theravada. Dazu schreibt Hans Wolfgang Schumann im Handbuch Buddhismus:

Der Frühbuddhismus, entstanden im Erkenntniserlebnis eines Mannes, ist ein stimmiges System, aus dem man keine Teile herauslösen kann: Man bekennt ihn komplett oder gar nicht. Anders der Mahayana-Buddhismus: Er erwuchs ab dem letzten vorchristlichen Jahrhundert über einen längeren Zeitraum und nahm, der Seelennegierung des Buddha treu bleibend, auch Transzendenz-Ideen und Glaubenssehnsüchte der Volksfrömmigkeit in sich auf. Ob der historische Buddha den mahayanischen Neuerungen zugestimmt hätte, ist ungewiss – vermutlich muss man die Frage verneinen.

Es sind vor allem drei Hauptgebiete, in denen der späte Mahayana vom frühen Theravada abweicht (ich zitiere wieder aus Schumann):

  1. Die Philosophie der Leerheit, aus der ein Philosophie des Absoluten entwickelt wird;
  2. die Vorstellung von Transzendenten Buddhas, die in den Weltquartieren Zwischenparadiese verwalten, wo der Gläubige wiedergeboren werden kann, um von dort Nirvana zu verwirklichen;
  3. das Leitbild von Wesen (Bodhisattvas), die nach ihrer Erlösung nicht verlöschen, sondern in der samsarischen Welt verbleiben, um anderen zur Erlösung zu verhelfen.
Ich zitiere noch ein paar weitere Aussagen aus Schumann zur Unterscheidung von Mahayana und Theravada:

Der Theravadin will die Welt und ihr Leiden überwinden, der Mahayanin will den Wesen helfen und schiebt die eigene Erlösung an die zweite Stelle. Die Vernunft des Theravada wird dem Glauben, das Wissen der Weisheit untergeordnet.

Das vom Buddha streng beachtete Prinzip, den Bereich der Erfahrung nicht zu überschreiten, wird im Mahayana aufgegeben und entgrenzt das mahayanische Denken zu metaphysischen Überlegungen und Ausschweifungen in herrliche Buddha-Länder. Ist der Heilssucher im Frühbuddhismus auf sich selbst gestellt – nach der neuen Lehre können ihm Bodhisattvas auf dem Erlösungsweg beistehen, denn das Karma-Gesetz lässt Ausnahmen zu, und karmisches Verdienst lässt sich auf andere Personen übertragen.

Dass die Theravadins die Neuerungen des Mahayana kommentarlos hinnahmen, ist wenig wahrscheinlich, jedoch sind ihre Äusserungen nicht überliefert. Sie werden nicht anders gelautet haben als die Kritik der asiatischen Theravadins von heute: Dass das Mahayana ein Zerrbild dessen sei, was der Buddha gelehrt hat; dass die Erlösung aller Wesen ein unerreichbares Ziel darstelle; dass die Annahme eines ewigen Absoluten angesichts der universalen Vergänglichkeit eine absurde Glaubenssetzung sei und dass alle Heilswege des Mahayana, die auf die Hilfe von aussen hoffen, ins samsarische Dickicht führen.

Dass man das Erwachen nicht aussen suchen solle, das sagt Huang Po auch. Ebenso lehnt er das Jagen nach karmischem Verdienst ab. Aber er lehrt vehement den „einen Geist“ als ewiges Absolutes… hier noch kurz das Hauptargument des Mahayana gegen den Theravada (wieder zitiert aus Schumann):

Ungeachtet der Tatsache, dass der historische Buddha Gotama seine Mönche aufgefordert hatte: „Wandert, ihr Mönche, hinaus zum Segen und Glück für die vielen, aus Mitleid mit der Welt, zum Nutzen, Segen und Glück für Götter und Menschen und lehret die Lehre!“ – ungeachtet dessen erklärte die neue Lehrrichtung die Anhänger des Frühbuddhismus für Erlösungsegoisten.

Wie auch immer: Theravada und Mahayana unterscheiden sich in etlichen Lehranschauungen und auch in Methodik und Praxis. Theravada ist seit vierzig Jahren der Weg, den ich praktiziere. Gerade seine philosophische Klarheit und vor allem auch die ausschliessliche Berufung auf das, was ich wirklich selber erlebe, macht die frühbuddhistische Tradition für mich zum herausragenden Weg. Mit Absolutheitsvorstellungen und metaphysischen Spekulationen habe ich nichts am Hut. Deshalb sind mir Zen und Lamaismus (Tibet) nicht sehr nahe gekommen. Aber ich würde nie soweit gehen und behaupten, das Erwachen könne über die verschiedenen Wege des Mahayana nicht verwirklicht werden. Das steht mir nicht zu, schon nur schlicht deswegen nicht, weil ich diese Wege nicht wirklich kenne. Und da der Theravada-Weg sich mir als äusserst hilfreich und wertvoll erwiesen hat, gibt es für mich auch keinen Grund, ihn zu verlassen und einen anderen zu betreten (was ich einmal gemacht habe, und zwar mit sieben Jahren auf dem christlichen Weg).

Soweit also die Gedanken, die Huang Po bei mir ausgelöst hat. Und dich, liebe Leserin, lieber Leser, möchte ich mit Worten ermutigen, die sich in meinem Buch Dem Lebenvertrauen - Der innere Weg finden:

Ein Weg existiert erst dann als Weg, wenn er gegangen wird. Ein Weg, der nicht gegangen wird, ist kein Weg. Der Weg, den du suchst und gerne gehen möchtest, der Weg des wahren Lebens, der entsteht und entfaltet sich unter deinen Füssen mit jedem einzelnen Schritt, den du tust. Wenn du den Weg des wahren Lebens suchst, dann wisse: Du stehst auf ihm, und sobald du einen Schritt vorwärts gehst, hast du einen lebendigen, wahren Schritt getan und ein Stück von diesem Weg verwirklicht. Einen anderen als diesen – deinen – Weg des Lebens gibt es in Wahrheit für dich nicht.

Uodal